Jahresrückblick

Talk bei Illner: Thomas Gottschalk hat Überblick verloren

Beim Jahresrückblick von Maybrit Illner wagte Thomas Gottschalk eine Analyse des Wut-Jahres 2016. Doch am Ende stand Fassungslosigkeit.

Thomas Gottschalk war am Donnerstag bei Maybrit Illner zu Gast. Hier ist er bei der Bambi Verleihung 2016 zu sehen.

Thomas Gottschalk war am Donnerstag bei Maybrit Illner zu Gast. Hier ist er bei der Bambi Verleihung 2016 zu sehen.

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Berlin.  Die Sendung war schon fast vorbei, als doch noch mal Widerspruch aufblitzte. Thomas Gottschalk, ein Mann der alten Fernsehzeit, lobte „Wetten, dass..?“. Die Sendung habe Menschen verbunden, über Generationen und Bildungsschichten hinweg. „Heute findet der Austausch nicht mehr statt“, sagte der Entertainer.

Stimmt das? Zumindest Netz-Experte Sascha Lobo hält Gottschalks Blick auf die Vergangenheit für verklärt. Deutschland sei schon immer ein Land mit geringer sozialer Durchlässigkeit gewesen, sagte er. Nur jetzt machten sich die, die zuvor abgehängt waren, bemerkbar – im Netz.

2016 als Jahr der Wut

Und genau dort entsteht eine Art Gegenöffentlichkeit, die sich Populisten wie der designierte US-Präsident Donald Trump zu Eigen machen. 15 Millionen Menschen folgen seinen Tweets, oft wüsten Beschimpfungen. Im November besiegte der Milliardär Hillary Clinton bei den US-Wahlen – es war der Höhepunkt eines turbulenten Jahres.

Darauf wollte auch Maybrit Illner zurück blicken. „Wut, Werte, Wahrheit – wie hat uns 2016 verändert?“, fragte sie. In eine Runde, die sich fast immer einig war.

Alle gegen Trump

So warnte die Politikwissenschaftlerin Silke Tempel davor, die Ankündigungen des nächsten US-Präsidenten nicht ernst zu nehmen. „Er hat kein Interesse mehr an der transatlantischen Allianz, Muslime und der Islam sind für ihn eine Gefahr und Migration will er einschränken – wir sollten ihm das glauben“, sagte sie.

Noch deutlicher wurde Blogger Sascha Lobo. Er erwarte das Schlimmste, wobei noch nicht klar sei, was das ist. Trump agiere in den sozialen Netzwerken wie jemand, der zum König auf Lebenszeit ernannt worden sei. „Mit seinen Hass-Nachrichten erreicht er Millionen. Er ist eine Mischung aus Tyrann und Schulhofschläger“, sagte Lobo.

Gibt es eine Sehnsucht nach starken Männern?

Illners Runde war sich einig, dass der falsche Kandidat im Januar ins Weiße Haus einziehen wird. Trotzdem scheint es eine Sehnsucht nach starken Männern zu geben: In der Türkei träumt Präsident Erdogan vom osmanischen Reich, Russlands Führer Putin verschiebt Staatsgrenzen in Europa neu und Trump kündigte an, eine Mauer zu Mexiko bauen zu lassen.

„Die liberale Demokratie gerät von innen und außen unter Druck“, sagte Politikwissenschaftlerin Tempel. Eine ganz pragmatische Ansicht vertrat die SPD-Bürgermeisterin von Berlin-Neukölln, Franziska Giffey. Das Problem sei die Verlustangst von Menschen. „Das fängt beim Sicherheitsgefühl in der U-Bahn an und endet bei Sorgen über steigende Mieten“, sagte sie.

Gottschalk hat Überblick verloren

Doch reicht das schon aus, um politische Extreme zu unterstützen? Den ehrlichsten Moment in der Sendung hatte Thomas Gottschalk, der schon seit 25 Jahren in den USA lebt. Er gab zu, den Überblick verloren zu haben – so wie viele andere auch. „Ist Edward Snowden ein Freiheitskämpfer oder Vaterlandsverräter? Ist der Euro ein Gewinn oder nicht? Und ist die Zins-Politik der EZB alternativlos?“, fragte er.

Ein Gefühl, das Menschen überall im Westen zu verbinden scheint. So stimmten die britischen Wähler für den Brexit, in Österreich ist die rechte FPÖ auf dem Weg, stärkste Kraft zu werden. Und auch bei den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich droht im nächsten Jahr ein Rechtsruck.

Die Wut wächst

„2016 war der maximale Warnschuss für die Eliten“, sagte Sascha Lobo. Viele Menschen seien sehr wütend, ein Phänomen, das sich nicht nur auf sozial schwache Schichten beschränke. Und das im Internet immer deutlicher werde.

Das weltweite Netz ist zwar keine Neuheit, nahm dafür aber großen Raum in Illners Sendung ein. Während des arabischen Frühlings trug es dazu bei, Despoten wegzuspülen. „Es vernetzt aber auch Menschen, die es vorher nicht konnten“, sagte die Autorin Sineb El Masrar.

Junge Leute etwa, die auf den ersten Blick hip und unkonventionell erscheinen – und der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ angehören.

Wieder drehte sich alles um Trump

Leider fehlte Illners Sendung komplett der rote Faden. Ein Großteil des Jahresrückblicks drehte sich mal um Donald Trump und die Wut im Internet, dann wieder um die Wahl 2017 oder den Berliner Stadtteil Neukölln. Und der Brexit und die immer autokratischer werdende Türkei? Kamen in der Sendung gar nicht vor. Auch das Flüchtlingsthema, das die Deutschen am meisten bewegt, wurde nur am Rande angesprochen.

Immerhin forderte die Autorin Sineb El Masrar Probleme bei der Integration offen anzusprechen. „Das hat nichts mit Rassismus zu tun“, sagte sie. Und SPD-Politikerin Giffey schlug vor, mehr Raum für Begegnung zwischen Deutschen und Flüchtlingen zu schaffen. „Nur so lassen sich Vorurteile abbauen“, so Giffey.

Ein Satz, der so allgemein ist, das wieder alle zustimmten. Typisch für Illners Runde an diesem Abend.