Politik

Rhetorik gehört in den Lehrplan

Die Kunst der schönen Rede ist mehr als nur eine Technik, mit der man andere beeindrucken kann

Sie mögen keine Talkshows mehr? Die üblichen Podiumsdiskussionen finden Sie zu akademisch und langweilig? Wie wäre es mit einem neuen Format? Es nennt sich „Intelligenz im Quadrat“ und kommt aus London. Dort wurde es vor Jahren als Modell für eine neue Diskussionskultur erfunden. Im Prinzip ist die Sache sehr einfach. Zwei Debattenpartner sitzen einander vor Publikum gegenüber und müssen unter der ordnenden Regie eines Moderators unterschiedlichste Themen behandeln. Was zählt, ist argumentative Schärfe, überzeugende Beweisführung, klarer Redeaufbau. Zumeist geht man von zugespitzt provokanten Thesen aus: „Karl Marx hatte doch recht“, „Die Demokratie ist nicht die beste aller Regierungsformen“, „Der Iran ist ein Papiertiger“.

Wer den Mainstream sucht, wäre hier fehl am Platze. Wichtig ist die Fähigkeit der Redner, ungewöhnliche Positionen klar und deutlich zu vertreten. Das schafft nicht nur Unterhaltungswert, sondern kann auch höchst belehrend sein. In London ist das Format zu einem Publikumserfolg geworden. Diskussionsredner wie der frühere US-Präsident Jimmy Carter, die Performance-Künstlerin Marina Abramović, der Schauspieler Sean Penn, die Rocksängerin Patti Smith sorgen für volle Hallen. Die BBC stellt die Veranstaltungen online bereit und erreicht damit weltweit Millionen Menschen. In Kürze soll das Format mit Unterstützung der britischen Botschaft auch in Berlin Premiere haben.

In England hält man große Stücke auf rhetorisches Training. Schulen und Universitäten organisieren Debattierclubs, in denen junge Menschen lernen, Meinungen zu vertreten und andere von ihren Grundsätzen zu überzeugen. Auch im französischen Schulsystem ist die Rhetorik fest verankert. Öffentliche Diskussionszirkel bieten Raum für die Erprobung von Redekunst und Argumentationstechnik. In Deutschland dagegen genießt die Rhetorik keinen guten Ruf. Der stilistisch brillante Redner gerät bei uns schnell in den Verdacht, ein oberflächlicher Blender zu sein. Entsprechend sieht es in unseren Lehrplänen aus, die für rhetorische Schulung kaum Platz haben. An den Universitäten gibt es zwar hier und dort Debattenclubs nach englischem Muster, aber im Curriculum der Geisteswissenschaften spielt Rhetorik kaum noch eine Rolle.

Das ist ein empfindlicher Mangel, dem dringend abzuhelfen wäre. Schon die antiken Denker – an der Spitze Aristoteles und Cicero – wussten, dass die Kunst der schönen Rede mehr ist als nur eine Technik, mit der man andere beeindrucken kann. Die sprachlichen Stilmittel bilden nur eines unter mehreren Elementen, die das rhetorische System begründen. Vor der technischen Auszierung der Rede stehen Themenwahl, Thesenfindung und Gliederung. Nur wer in der Lage ist, das Wichtige vom Nachrangigen zu trennen, kann als Rhetor überzeugen. Ohne exaktes Denken gibt es keinen rednerischen Erfolg. Die stimmige Argumentation ist nicht allein Ergebnis stilistischer Meisterschaft, sondern ergibt sich aus dem Zusammenwirken von sprachlicher Klarheit und präziser Geistesarbeit. Wer sich rhetorisch nach klassischen Vorbildern übt, lernt also, dass die Exaktheit des Gedankens die erste Voraussetzung für eine wirkungsvolle Rede ist.

Zu diesem Bildungskonzept gehört übrigens auch, dass die gute Rede das Urteilsvermögen trainiert. Das gilt für den, der spricht, aber ebenso für den, der zuhört. Deshalb ist rhetorisches Training ein Mittel, sich selbst davor zu schützen, bloßen Blendern ins Netz zu gehen. Reden und Zuhören, Argumentieren und Bewerten müssen also gleichermaßen geübt werden. Gerade für die verwilderten Debatten des Internets mit ihrer Mischung aus Halbwissen, Vorurteil und Wut wäre eine breite Schulung auf dem Gebiet der Redekunst ein hilfreiches Gegenmittel. Schulen und Universitäten sollten das Fach wieder in den Lehrplan aufnehmen. Das würde eine neue Kultur des Debattierens begründen, die dringend geboten ist. Zu ihr gehört übrigens auch, dass man sich persönlich mit seinen Argumenten präsentiert, statt sich, wie vielfach im Internet, in der Anonymität zu verstecken.

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