Catania

Mittelmeer-Schlepper zu 18 Jahren Haft verurteilt

Schiffskapitän Mohammed Ali Malek ist für die folgenschwerste Tragödie in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise mit bis zu 900 Toten verantwortlich

Catania. Nur zwei Kilometer trennen den Justizpalast und den Hafen von Catania auf Sizilien. Als am Dienstag an der Anlegestelle wieder einmal Hunderte Migranten angekommen sind, gerettet aus schiffbrüchigen Booten, wird im Gericht ein Urteil gegen zwei mutmaßliche Schlepper gesprochen. Wegen des schwersten Flüchtlingsunglücks im Mittelmeer mit 800 bis 900 Toten muss der Schiffskapitän Mohammed Ali Malek 18 Jahre lang in Haft. Der 27-jährige Tunesier sei als Kapitän für den Untergang des überfüllten Kutters am 18. April 2015 verantwortlich. Das Gericht verurteilt den als Helfer mitangeklagten Syrer Mahmoud Bichit zu fünf Jahren Haft.

Malek soll falsch manövriert haben, als sich das voll besetzte Boot von der libyschen Küste in Richtung Europa aufmachte. Etwa 130 Kilometer vom Festland entfernt kenterte es. Als ein portugiesischer Frachter zur Hilfe eilte, stürmten die Migranten auf eine Seite des Bootes. Es kippte. Nur 28 Menschen überlebten das Unglück, das Teil der großen Tragödie ist, die seit 2014 mindestens 10.000 Menschenleben kostete. Und das Sterben im „Mare Nostrum“, wie die Römer das Mittelmeer nannten, nimmt kein Ende. 2016 war nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) das tödlichste Jahr.

Tagein tagaus wagen Menschen die gefährliche Flucht über das Mittelmeer, steigen in seeuntaugliche Boote, vertrauen ihr Leben Schleppern an, hoffen im Notfall auf Rettung. Verantwortlich für das Sterben im Mittelmeer wird das brutale Vorgehen der Schleuser gemacht – politisch und immer wieder auch juristisch. Doch was kann ein Urteil ausrichten gegen zwei einzelne Männer, während Schlepperbanden weiter am Leid der Flüchtlinge verdienen?

Aus Sicht vieler trägt die Asylpolitik der EU eine Mitschuld. Der Vorwurf: Sie befülle die Geldbeutel der Schlepper und trage zum Sterben im Mittelmeer bei, weil legale und sichere Fluchtwege fehlen. Immer wieder appellieren Flüchtlings- und Hilfsorganisationen oder Kirchenvertreter an Brüssel, Berlin und andere EU-Länder und fordern ein Umdenken. Weg von Abschreckungsmaßnahmen und Abkommen zur Grenzsicherung hin zur Vergrößerung von Aufnahmekapazitäten, menschenwürdiger Unterbringung und einer gerechten Verteilung der Flüchtlinge.

Die Mahnungen scheinen gar nicht mehr gehört zu werden, so oft wurden sie schon ausgesprochen. Die Meldungen über die Toten sind einige unter vielen und nichts, was mehr für großes Entsetzen sorgt. Viele Menschen in Deutschland sind sich der Lage der Flüchtlinge nicht einmal bewusst, wie eine Umfrage für die Seenotrettung MOAS kürzlich zeigte. Jeder Vierte der Befragten geht sogar davon aus, dass mittlerweile weniger Menschen auf der Flucht ihr Leben lassen. Die Lage an den deutschen Grenzen hat sich in der Tat entspannt. Aber von einer Entspannung der Flüchtlingskrise kann keine Rede sein.

An Italiens Küsten kamen von Januar bis November laut europäischer Grenzschutzagentur Frontex mehr als 173.000 Menschen an – ein Fünftel mehr als im Vorjahreszeitraum. Allein im November waren es viermal so viele wie im November 2015. Für die Jahreszeit ist das ungewöhnlich – je näher der Winter kommt, desto rauer die See. Überlebende berichten, dass Schlepper auch bei schlechtem Wetter nicht davor zurückschrecken, die Menschen auf die Boote zu treiben. An Bord bekommen sie oft weder zu essen noch zu trinken und werden im Schiffsinneren eingepfercht.

„Schmuggler denken nur daran, wie sie mehr Geld verdienen können, es ist nur ein Geschäft für sie. Sie sind Söldner des Geldes“, sagt Taufik Skir, ein Oberst der libyschen Küstenwache. Das Geschäft mit den Flüchtlingen sei Teil des libyschen Alltags geworden. Das Sterben der Flüchtlinge ist Teil des europäischen Alltags.

Das Wrack vom April 2015 wurde mittlerweile vom Meeresgrund gehoben. Wissenschaftler haben Fotos und Daten über die Toten gesammelt, um sie zu identifizieren und wenigstens einigen der meist namenlosen Opfer ein Gesicht zu geben. Werden nun Verantwortliche für die Katastrophe verurteilt, ist das kaum ein Trost für die Angehörigen. Vorbei ist das Sterben im Mittelmeer damit noch lange nicht.