Politik

Sag dem Dönerspieß leise Lebewohl

Mit der Hand gemacht und vor allem mit ganz viel Liebe. Alles in Berlin nennt sich plötzlich „Manufaktur“

Na, haben Sie schon alle Weihnachtsgeschenke beisammen? Gut, ich auch nicht. Ich habe immer das Gefühl, Weihnachten ist noch ewig weit weg, und beneide alle Menschen, die schon direkt nach Ostern alle Präsente gekauft haben und dann ganz in Ruhe die Adventszeit genießen können. Das ist aber meiner Erfahrung nach eine Minderheit. Die meisten verdrängen das Problem genauso wie Fensterputzen oder den Zahnarztbesuch: so lange, bis es gar nicht mehr geht. Eigentlich wäre es doch gut, wenn man wie bei Rechnungen auch in Sachen Geschenkekauf eine Mahnung bekommen würde: „Liebe Frau Paulsen, in zehn Tagen ist Heiligabend, und Sie haben noch kein einziges Geschenk. Sicherlich ist das nur ein Versehen Ihrerseits. Bitte haben Sie doch bis kommenden Sonntag alle Geschenke beisammen. Sonst erlaube ich mir, Ihnen mit meinem nächsten Schreiben eine Mahngebühr von 50 Euro zu berechnen. Herzlichst, Ihr Weihnachtsmann.“ So etwas bräuchte ich. Einen Tritt in den Hintern direkt vom Nordpol.

Ich finde es immer wahnsinnig anstrengend, die richtigen Geschenke für die richtigen Leute zu finden. Mütter sind einfach zu beschenken, bei Vätern ist es schon schwerer. Überhaupt sind Männer immer die größte Herausforderung auf der Geschenkeliste, weil sie sich meistens nichts wünschen, keine Hobbys haben und auch sonst nichts machen. Ich bin immer wahnsinnig froh, dass es Parfümerien und die Delikatessenabteilung im KaDeWe gibt. Duschen und Essen machen zum Glück noch ein paar Leute in meinem Bekanntenkreis.

Aber apropos KaDeWe: „Die Weihnachtsmanufaktur“ steht momentan auf den Werbeplakaten des Kaufhauses. Oh nee. Jetzt springen die auch noch auf diesen Zug auf. Alles in Berlin, was eine Tür und ein Schaufenster hat, nennt sich neuerdings „Manufaktur“. Bei uns in Prenzlauer Berg ist das ganz schlimm. Bio-Eis-Manufaktur. Nudel-Manufaktur. Wurst-Manufaktur. Pizza-Manufaktur. Selbstverständlich: Tofu-Manufaktur. Bad-Manufaktur. Jeans-Manufaktur. Aber auch im Rest von Berlin: Maultaschen-Manufaktur. Fahrrad-Manufaktur. Frucht-Manufaktur. Öl-Manufaktur. Senf-Manufaktur. Marmeladen-Manufaktur. Kaffee-Manufaktur. Currywurst-Manufaktur, natürlich. Ich habe aus Spaß auch mal Döner-Manufaktur bei Google eingegeben. Der erste Treffer führt direkt nach Berlin.

Na ja, es klingt ja auch einfach zu gut: Manufaktur. Das steht für Qualität, für liebevolle Handarbeit, für Achtsamkeit. Für Experten, die eine halbe Ewigkeit zum Beispiel an einem Stück Tofu arbeiten und den Sojabohnen mit einem Lächeln auf den Lippen beim Aufquellen zusehen. Die dem Dönerspieß mit einer Träne im Augenwinkel leise Lebewohl sagen, wenn er zu einem Imbiss nach Kreuzberg abtransportiert wird. Die eine Maultasche nur ansehen müssen und sofort wissen: Da muss noch Petersilie ran. Das Wort Manufaktur gibt dem Konsumenten das Gefühl: Da steckt altes Wissen drin. Liebe. Das ist wertvoll und gesund. Und das hat nichts zu tun mit dem anderen schnöden Zeugs, das von herzlosen Maschinen ausgespuckt und über Fließbänder geschickt wird, um irgendwann in eine Konservendose gepresst und ins kalte Supermarktregal gestellt zu werden. Und trotzdem, liebe Freunde: Die Berliner Manufaktur-Schwemme wird echt albern. Früher nannte man das einfach Pizzeria, Eisladen, Fahrradwerkstatt, Currywurstbude. Ganz bodenständig. Komisch, dass es noch keine Manufaktur-Manufaktur gibt.

Ähnlich verhält es sich im Berliner Einzelhandel übrigens auch mit dem Zusatz „Kombinat“. Sprachkombinat. Stiefelkombinat. Speisekombinat. Kraftkombinat. Bierkombinat. Eiskombinat. Hipsterläden, die einen auf Retro machen. Ein Tofukombinat gibt es aber komischerweise noch nicht. Currywurstkombinat bei Google einzugeben, habe ich mich gar nicht erst getraut. Außerdem muss ich jetzt endlich mal nach Weihnachtsgeschenken suchen. Kennen Sie zufällig jemanden, der sich über einen handgemachten Dönerspieß freut?