Berlin

Fachkräfte – verzweifelt gesucht

Wirtschaft schätzt Mangel als Risiko-Faktor Nummer eins ein. Thema wird im Wahlkampf eine Rolle spielen

Berlin. Der Handwerker, der erst in sechs Wochen wieder verfügbar ist. Die Ansage am Bahnhof, dass der Zug wegen Krankheit des Zugführers ausfällt. Die Pflegerin im Altenheim, die Früh- und Spätschicht alleine absolviert. Der Mangel an Fachkräften in Deutschland ist im Alltag längst angekommen. Die Wirtschaft ist äußerst alarmiert. „Der Fachkräftemangel ist für die Unternehmen mittlerweile zum Geschäftsrisiko Nummer eins geworden“, so der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), der Berliner Unternehmer Eric Schweitzer, gegenüber dieser Zeitung. „Fast jeder zweite Betrieb sieht darin eine Beeinträchtigung seiner wirtschaftlichen Entwicklung – im Gastgewerbe sind es sogar fast drei Viertel der Unternehmen.“

Die Opposition in Berlin teilt diese Sicht: „Die Dimension des Fachkräftemangels wird immer noch unterschätzt. Es ist ein sehr großes Problem, das den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands gefährdet“, kritisiert die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Brigitte Pothmer.

Der Blick in die Statistik untermauert die drastischen Einschätzungen: Im November waren bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg 681.100 offene Arbeitsstellen gemeldet. Das waren 11,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Einige Branchen trifft der Mangel besonders hart: Führend in der Liste sind die Verkehrs- und Logistikberufe. Hier gab es 57.000 freie Stellen, ein Plus von satten 25,8 Prozent gegenüber dem November 2015. Auch Verkaufspersonal ist gefragt: 46.300 freie Arbeitsplätze gibt es hier. An Platz drei liegen Elektroberufe mit 45.300 freien Stellen, ein Plus von 12,1 Prozent.

Grüne fordern Zuwanderung von ausländischen Fachkräften

Stichproben bei Verbänden verdeutlichen das Problem weiter: 85 Prozent der deutschen Bauunternehmen etwa hatten in den vergangenen sechs Monaten Probleme, ihre offenen Stellen zu besetzen. Dem Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer fehlen 2000 Busfahrer, die Deutsche Bahn hätte Platz für rund 800 bis 1000 Lokführer mehr. Bei den Arbeitskräften im Bereich Mathematik, Informatik, Technik und Naturwissenschaft (sogenannte MINT-Berufe) klafft eine Lücke von 212.000 Personen.

Jürgen Fenske ist Chef der Kölner Verkehrsbetriebe und gleichzeitig Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). „Bei den Nahverkehrsunternehmen müssen in den kommenden Jahren bis zu 30.000 Stellen neu- oder nachbesetzt werden“, sagt er dieser Redaktion. „Wir benötigen vor allem beim Fahrpersonal dringend junge Mitarbeiter, das Durchschnittsalter ist relativ hoch, sodass viele Kollegen in den nächsten Jahren altersbedingt ausscheiden.“ Was tun? Die Unternehmen müssten ihre Stärken besser in den Vordergrund stellen, meint Fenske. Allein seine Branche bilde in „über 40 Berufen aus und bezahlt nach den geltenden Tarifverträgen“. Auch bei der Integration der Flüchtlinge sieht er Potenzial: „Wir wollen innerhalb eines Jahres 1000 Stellen für diese Menschen in unseren Unternehmen schaffen, die Hälfte haben wir bereits erreicht.“

Die Grünen nehmen auch die Regierung in der Pflicht: Die Union müsse „aus ihrer Blockadehaltung herauskommen und die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland leichter ermöglichen“, so Pothmer. Außerdem sollten bestimmte Personengruppen stärker gefördert werden – „etwa das Potenzial an hoch motivierten und gut ausgebildeten Frauen, die gerne mehr arbeiten wollen“. Hier gelte es, jungen Familien mehr Angebote zu machen, was die Kinderbetreuung und die Flexibilität von Arbeitszeiten angehe.

Auch die Integration von Arbeitskräften über 50 Jahren sei ein Schlüssel: Diese hätten ein vierfach größeres Problem, nach Arbeitslosigkeit in den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Die Grünen-Expertin appelliert an Firmen: „Personalabteilungen sollten hier mehr auf die Unterstützung und Erfahrung dieser Menschen setzen.“

Beim Bundesarbeitsministerium ist man sich der Problematik bewusst, man fördere in vielen Bereichen, so eine Sprecherin des Ministeriums. Das „Weißbuch Arbeiten 4.0“, das Ministerin Andrea Nahles (SPD) kürzlich vorstellte, nimmt sich beispielsweise der Erwerbstätigenquote von Frauen an. Diese sei in den vergangenen Jahren zwar deutlich gestiegen, „aber wir müssen verstärkt Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen in den Blick nehmen“. Um künftig die Rückkehr in Vollzeit zu erleichtern, sei derzeit ein Gesetz zur befristeten Teilzeit in der regierungsinternen Abstimmung. Perspektivisch, so Nahles Ziel, soll die Bundesagentur für Arbeit flächendeckend Weiterbildungsberatung anbieten. Und jeder Arbeitnehmer soll mit einem Erwerbstätigenkonto Auszeiten für Weiterbildung finanziell absichern können.

Auch bei Schweitzer, der zusammen mit seinem Bruder das Recyclingunternehmen Alba Group leitet, ist die Liste der Stellenangebote für Fachkräfte lang. Er wirbt für ein Umdenken schon bei der Berufsausbildung. „Längst werden nicht nur Akademiker, sondern insbesondere beruflich Ausgebildete und Azubis gesucht.“ Dazu gehöre auch, dass in Schulen die berufliche Aus- und Weiterbildung positiv dargestellt und auf die guten Karrierechancen hingewiesen werde, fordert er. Und die sind nun wirklich nicht mehr wegzudiskutieren.