Renzi-Rücktritt

70 Jahre, 63 Regierungen – So funktioniert Italiens Politik

1020 Tage lang wirbelte Matteo Renzi als Premier die italienische Politik durcheinander. Damit hielt er sich gar nicht so schlecht.

Matteo Renzi muss nach gut tausend Tagen als Italiens Ministerpräsident abtreten.

Matteo Renzi muss nach gut tausend Tagen als Italiens Ministerpräsident abtreten.

Foto: ALESSANDRO BIANCHI / REUTERS

Berlin.  Matteo Renzis Tage als italienischer Regierungschef sind gezählt. Offenbar will der Ministerpräsident nach dem verlorenen Referendum vom vergangenen Sonntag noch am Mittwochabend als Ministerpräsident formell zurücktreten. Damit ist auch die 63. Nachkriegsregierung in Italien offiziell am Ende.

Der Sozialdemokrat Renzi, der am 22. Februar 2014 sein Amt angetreten hatte, schlug sich mit seiner Regierungszeit gar nicht einmal schlecht. Mit den zwei Jahren und zehn Monaten reiht sich der Florentiner auf Platz vier in der ewigen Rangliste der Regierungen Italiens seit 1946 ein. Die meisten anderen Premierminister waren also kürzer als Renzi im Amt – manche nur ein paar Wochen.

23 Tage an der Macht sind Negativrekord

Beispielsweise Amintore Fanfani. Der Christdemokrat musste am 10. Februar 1954 nach gerade einmal 23 Tagen wieder abtreten – bis heute ein Rekord. Fanfani konnte die Schmach übrigens verschmerzen, er führte insgesamt sechs Mal eine Regierung in Rom.

Die längste Regierungszeit darf auf der anderen Seite die wohl schillerndste Persönlichkeit für sich verbuchen, die je Chef im ehrwürdigen Palazzo Chigi wurde: Silvio Berlusconi. Insgesamt viermal war der skandalträchtige Medienunternehmer aus Mailand Ministerpräsident, seine zweite Amtszeit zwischen 2001 und 2005 dauerte drei Jahre, zehn Monate und zwölf Tage. So lange hielt sich keiner ohne Unterbrechung an der Macht.

Renzi soll Rücktritt verschieben

Hinter dem Wandel steckt Beständigkeit

Doch wer aus dem scheinbar wahllosen Wechselspiel an der politische Spitze Italiens schließen würde, in der Politik des Landes ginge es chaotisch zu, der wird bei einem genauen Blick auf das Personalkarussell klüger. Dann zeigt sich nämlich, dass das vermeintliche Durcheinander sehr wohl Methode hat.

Das berühmte Zitate aus Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman „Der Leopard“, wonach sich alles ändern muss, damit die Dinge letztlich so bleiben wie sie sind – nirgendwo sonst wird es mehr beherzigt als in Rom.

Über viele Jahre hinweg teilte sich eine relativ kleine Polit-Clique die Macht – in wechselnder Aufstellung. So bildete der Christdemokrat Alcide De Gasperi, erster Ministerpräsident im Nachkriegs-Italien, bis 1953 acht Kabinette. Es folgt in der Rangliste sein Parteikollege Giulio Andreotti, der insgesamt sieben Mal eine Regierung führte. Andreotti, über Jahrzehnte die graue Eminenz der italienischen Politik, kam zudem auf stattliche 21 Ministerposten. Der bereits erwähnte Amintore Fanfani war sechs Mal Premier – das erste Mal 1954, zuletzt 1987.

Und Silvio Berlusconi, der wie kein anderer römischer Regent internationale Bekanntheit erreichte, stand an der Spitze von immerhin vier Regierungen. Über 20 Jahre hinweg zog er – mal als Premierminister, mal aus dem Hintergrund – in Italien die Fäden. Und er mischt immer noch mit und sorgte aktuell mit dafür, dass Matteo Renzi stürzte.

Keine Frau an der Spitze der Regierung

Mehr noch als in Deutschland mit den Kanzlern Adenauer, Erhard und Kiesinger war der Amtssitz des Regierungschefs übrigens lange Zeit eine konservative Festung. Erst 1981 schaffte es mit Giovanni Spadolini ein Sozialist, die christdemokratische Dauerregentschaft zu unterbrechen.

Und auch das fällt auf: Politik war und ist in Italien vor allem Männersache: Eine Frau sucht man in der langen Liste der italienischen Ministerpräsidenten bis heute vergebens.