Berlin

„Der Reformeifer in Berlin war eigentlich eher bescheiden“

Sprachlich haben sich die Schüler hier verbessert, in den Naturwissenschaften stagnieren ihre Leistungen. FU-Professor Jörg Ramseger über die Erfolge der Bildungspolitik

Berlin. Untersuchungen wie die Pisa-Studie sollten nicht überbewertet werden, findet der Berliner Wissenschaftler Professor Jörg Ramseger von der Freien Universität (FU) Berlin. Doch seien sie hilfreich, um Defiziten auf die Spur zu kommen. So reiche es beispielsweise nicht aus, Kinder am Nachmittag einfach länger zu betreuen, wenn man sie nicht gezielt fördere. Über die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie, die Misserfolge Berlins und darüber, was das Land daraus lernen kann, sprach Florentine Anders mit ihm.

Die heute 16-jährigen Berliner Schüler, die bei der letzten Pisa-Erhebung getestet wurden, sind die erste Generation, die in den Genuss aller Reformen seit dem Pisa-Schock 2001 gekommen ist. Konnten sie davon profitieren?

Jörg Ramseger: Der Reformeifer in Berlin war eigentlich eher bescheiden. Wenn man versucht, wie seinerzeit Senator Böger, Veränderungen durch Anordnungen statt durch Unterstützungssysteme in den Schulen umzusetzen, ist das unklug. Vor allem bei der Grundschulreform mit dem jahrgangsübergreifendem Lernen hat dieses Vorgehen viel Widerstand erzeugt. Dabei waren die ersten 40 Modellschulen mit dieser Methode sehr erfolgreich.

Die Leseleistungen der Schüler in Deutschland haben sich nun deutlich verbessert. Auch in Berlin?

In der Sprachförderung ist in Berlin viel passiert. Im Jahr 2004 wurde in den Kitas das verbindliche Bildungsprogramm eingeführt, wo ein großer Schwerpunkt auf der Förderung der Sprache liegt. Auch die Schulen haben Sprachförderkonzepte entwickelt. Leider ist eine vergleichbare Initiative im Bereich Naturwissenschaften ausgeblieben. Da stagnieren ja die Leistungen auch in der Pisa-Studie.

Es wurde doch das Fach integrierte Naturwissenschaften an den Grundschulen eingeführt?

Ja, aber ohne die Lehrer dafür auszubilden. Der Fachkräftemangel ist extrem. Erst Jahre später wurde die Lehrerausbildung so reformiert, dass Grundschullehrer auch Naturwissenschaften solide unterrichten können.

Die aktuelle Pisa-Studie zeigt erneut, dass soziale Herkunft und Lernerfolg in Deutschland immer noch stark zusammenhängen. Berlin hat die Ganztagsschule eingeführt, um das auszugleichen. Warum ohne den erwünschten Erfolg?

In Berlin wurden formal alle Horte von den Kitas an die Schulen übertragen. Das allein genügt aber nicht. Eine schlechte Schule wird nicht besser, nur weil die Kinder mehr Zeit darin verbringen. Es gibt aber auch sehr erfolgreiche Beispiele von gebundenen Ganztagsschulen. Die Schüler profitieren dann, wenn sie auch am Nachmittag gezielt gefördert und nicht nach dem Unterricht einfach nur betreut werden.

Auch durch die frühere Einschulung sollte in Berlin ja die Benachteiligung durch ein bildungsfernes Elternhaus verringert werden. Nun wird die Reform zurückgenommen. War sie ein Fehlgriff?

Zum Fehlgriff wurde die Früheinschulung dadurch, dass sie nicht mit einem inhaltlichen Konzept und den nötigen Rahmenbedingungen verbunden war. Wenn man Kitakinder in die Schule verlagert, werden zum Beispiel andere Räumlichkeiten gebraucht. Das Pro­blem ist, dass die Grundschulreform in einer Zeit umgesetzt wurde, als das Motto in Berlin hieß: „Sparen, bis es quietscht.“

Der Anteil der leistungsstarken Schüler nimmt in Deutschland laut Pisa-Studie leicht ab, während der Anteil der leistungsschwachen vergleichsweise hoch ist. Wie könnten Berliner Schulen dem entgegenwirken?

Generell haben wir das Problem, dass die Schüler der Leistungsspitze meist nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie bräuchten. Dabei wäre eigentlich auch für diese Kinder das Lernen in jahrgangsübergreifenden Klassen ein großer Vorteil. Vorausgesetzt, die Lehrkraft ist tatsächlich in der Lage, den Unterricht individuell zu gestalten.

Seit der ersten Pisa-Studie hat sich eine von Lehrern oft kritisierte Testkultur ent­wickelt. Wie sinnvoll sind solche Erhebungen?

Viele Lehrer sind der Auffassung, die Sau wird vom Wiegen nicht fett. Das stimmt, aber wir merken vielleicht nicht, ob die Sau unterernährt ist, wenn wir sie nicht ab und zu wiegen. Allerdings darf man die Studien nicht überbewerten. Tatsächlich bilden sie nur einen geringen Teil von dem ab, was in der Schule alles gelernt wird. Kompetenzen wie Demokratiefähigkeit oder Selbstständigkeit werden nicht erfasst. Wir müssen uns auch fragen, ob wir eine Pädagogik wie in Singapur oder anderen ostasiatischen Spitzenländern anstreben. Dort pauken die Grundschüler von morgens bis abends ohne Pause.