Politik

Verlässlichkeit war gestern

Trumps Außenpolitik wird von Leichtfertigkeit geprägt sein – ungefährlich ist das nicht

Es ist die Metapher der Hilflosigkeit, mit der die internationale Diplomatie seit dem Wahlausgang in Amerika auf den großen Unbekannten reagiert. Donald Trump ist wie eine Blackbox, heißt es. Niemand weiß, was drin ist. Vielleicht nicht einmal Trump selbst.

Dreieinhalb Wochen nach dem Gezeitenwechsel in Washington ist das Bild so nicht mehr zu halten. Auf dem Minenfeld der Außenpolitik zeigt der Geschäftsmann allmählich, wohin die Reise geht. Die Missachtung von Konventionen, die in der internationalen Gemeinschaft für Halt und Beständigkeit sorgen, wird die neue Normalität.

Trump wird in den nächsten vier Jahren Regieren und Reality-Fernsehen in einer noch nie dagewesenen Form verschmelzen. Auf Amerika und die Welt wartet eine Endlosschleife von Peinlichkeiten, Irritationen, Demütigungen, Missverständnissen und Provokationen, in der Showmaster-in-Chief Trump für sich die Rolle der Drama-Queen vorgesehen hat. Hauptsache: unberechenbar.

Trumps Torheit, mit Taiwan offiziell in Kontakt zu treten und so den Riesen China nach 40 Jahren eingeübter Zurückhaltung vor den Kopf zu stoßen, ist der vorläufige Höhepunkt einer Serie von bemerkenswerten Ereignissen. Sie belegen, wie leichtfertig der designierte 45. Präsident der USA auf der internationalen Bühne zu agieren gedenkt. Traditionen? Nicht mit mir. Eingeübte Rituale? Nur was für glatt geschliffene Politiker. Etikette? Was geht, bestimme ich. Seit seinem hauchdünnen Wahlsieg, der durch einen Vorsprung von über 2,5 Millionen Stimmen seiner Rivalin Hillary Clinton verschattet ist, hat Trump die Gepflogenheiten des Protokolls ignoriert und stattdessen den Dilettantismus zur neuen Richtschnur gemacht.

Anders ist nicht zu deuten, dass er den Briten nahelegte, den Rechtspopulisten Nigel Farage für dessen Brexit-Tat mit dem Posten des Botschafters in Washington zu belohnen. Anders ist nicht zu verstehen, warum Trump ein Treffen mit dem japanischen Premier Shinzo Abe zum Familien-Schnack umwidmete; Tochter Ivana war mit dabei. Anders ist nicht zu begreifen, warum sich der Führer der freien Welt in den ersten Tagen seiner politischen Selbstfindung mit Paria-Gestalten wie dem kasachischen Despoten Nasarbajew oder dem philippinischen Regierungsdesperado Duterte gemeinmacht. Oder warum er dem korrupten Atom-Staat Pakistan, der Terroristen züchtet und beherbergt, Honig um den Bart schmiert und so Indien in Habachtstellung bringt.

Amerikas Außenpolitik fuhr in den vergangenen Monaten im Schritttempo. Viele Entscheidungen wurden vertagt. Das Vakuum kann nicht lange bleiben. Zu zahlreich sind die unerledigten Baustellen von Nordkorea bis Syrien. Der Rest der Welt hat ein Anrecht zu erfahren, ob sich die Grundkoordinaten des amerikanischen Engagements ändern. Und wenn ja, wie. Dazu ist Verlässlichkeit notwendig. Also das Gegenteil von dem, was Trump vorexerziert. Der künftige Präsident mag die Komplexität der weltpolitischen Verstrickungen nicht durchdringen, was schlimm genug ist. Dass er plump gegen den Strom schwimmt, intellektuelle Unbedarftheit vorlebt und den Hasspredigern der politischen Unkorrektheit huldigt, ist brandgefährlich. In vielen Ländern sind Nuancen in der Sprache entscheidend. Ethnische, religiöse und historische Empfindlichkeiten bilden ein Pulverfass. Die kleinste unbedachte Äußerung kann zur Explosion führen.

Die globale Sicherheitslage ist bereits fragil genug. Jeder zusätzliche Stresstest verkompliziert die Situation. Es ist an der Zeit, dass die engeren Zirkel Trump endlich einnorden.