Flüchtlinge

Vermeintliche Flüchtlings-Satire sorgt für Empörung

Ein als Satire gedachter Beitrag über Flüchtlinge hat Diskussionen ausgelöst. Journalisten ziehen Vergleiche mit Kommentaren der NPD.

Dieser als Satire gedachte Beitrag im Almanach des diesjährigen Bundespresseballs ging ziemlich daneben.

Dieser als Satire gedachte Beitrag im Almanach des diesjährigen Bundespresseballs ging ziemlich daneben.

Foto: FMG / Bundespresseball

Berlin.  Vom diesjährigen Bundespresseball scheint nicht der Eröffnungstanz von Bundespräsident Joachim Gauck in Erinnerung zu bleiben, sondern die Diskussionen über einen geschmacklosen Beitrag in einem Satiremagazin zum Ball.

Unter der Überschrift „Schwimmkurse für Flüchtlinge“ wird in dem Heft über fiktive Kurse geschrieben, in denen Vorschulkinder auf „das richtige Überlebensschwimmen vorbereitet“ werden. „Festhalten an Treibgut, Tauchen bei hohem Wellengang... und Atemtechniken bei Nacht und Kälte“ würden in den Kursen erlernt. Erwachsene Flüchtlinge könnten hingegen lernen, „ihren Fluchtstil“ zu optimieren.

Almanach seit 1950er Jahren veröffentlicht

Veröffentlicht wurde der Beitrag im „Almanach zum Bundespresseball“. „Der Almanach ist so alt wie der Bundespresseball selbst“, heißt es auf der Internetseite der Veranstalter des Balles. Seit 1951 gibt es das satirische Magazin. Vom Vorstand der Bundespressekonferenz heißt es, dass Beiträge das Jahre begleiten und „in ihrer zugespitzten Form politische Debatten aufgreifen und begleiten“. Nach Angaben langjähriger Beobachter hatte das Magazin immer wieder fragwürdige Beiträge veröffentlicht.

Doch längst nicht alle Gäste des Bundespresseballes oder Vertreter der Hauptstadtpresse können über den satirisch gemeinten Beitrag lachen. Simone Peter, Bundesvorsitzende von Bündnis90/Die Grünen, war selbst auf dem Ball zu Gast. „So viel Zynismus und Menschenfeindlichkeit macht fassungslos“, schrieb sie auf Twitter. Claudia Roth (Grüne) sagte unserer Redaktion: „Der Beitrag macht mich schlicht fassungslos, er ist geschmacklos und völlig daneben.“

ARD-Journalisten ziehen Vergleich zu NPD-Beiträgen

Auch Vertretern der Hauptstadtjournalisten stößt der Beitrag übel auf. Mehrere Zeitungsredaktionen und Fernsehsender wollen sich direkt an die Bundespressekonferenz als Veranstalter des Bundespresseballes wenden. Vor allem eine Gruppe von ARD-Korrespondenten wird in einem Schreiben deutlich.

In Auszügen aus dem Schreiben, die unserer Redaktion bekannt sind, heißt es: „Wir wollen nicht Teil eines Vereins sein, der solche menschenverachtenden Äußerungen billigt.“ Die ARD-Journalisten ziehen zudem Parallelen zu Äußerungen von rechtsradikalen Gruppen: „Wäre ein solcher Beitrag von der NPD publiziert worden, würde er in das Verbotsverfahren aufgenommen.“

„Almanach“-Redakteur spricht von „anstößigem“ Text

Ein erstes Statement aus der „Almanach“-Redaktion gab in der Nacht zu Mittwoch der Journalist Jens Peter Paul ab. „Tatsächlich ist das Stück ganz bitter und böse. Es ist anstößig. Es war Gegenstand mehrerer intensiver Diskussionen. Es gefällt mir selbst absolut nicht. Und lustig ist es erst recht nicht. Aber – Überraschung – das soll es auch nicht.“ Es sei eine Reaktion auf den deutsch-türkischen Flüchtlings-Deal und den massenhaften Tod von Menschen im Mittelmeer.

Am Mittwochnachmittag hatte der Vorstand der Bundespressekonferenz über den Beitrag beraten und eine Stellungnahme herausgegeben. Darin heißt es: „Der Vorstand der Bundespressekonferenz e.V. bedauert, dass mit diesem Beitrag Gefühle und Wertvorstellungen verletzt worden sind. Dafür bitten wir um Entschuldigung.“

2017 wird über die Zukunft des „Almanachs“ beraten

Der Beitrag sei im Vorfeld heiß diskutiert worden. „In einer redaktionellen Endabstimmung haben Herausgeber und Redaktion mit Mehrheit entschieden, dass dieser Beitrag die Grenzen der Satire zwar austestet, aber nicht überdehnt“, so der Vorstand der Bundespressekonferenz. Im kommenden Jahr werde aber über den „Almanach“ beraten. „Dazu gehören Struktur und Verantwortlichkeiten von Redaktion und Herausgeber.“

Es gibt auch Medienvertreter, die in dem Beitrag keinen Zündstoff für einen Skandal sehen. Vor allem der Videojournalist Tilo Jung äußerte sich auf Twitter beschwichtigend. „Jetzt kommen alle mal runter und hören auf einen Shitstorm lostreten zu wollen“, schrieb er. Satire sei Geschmackssache.

Das ist die Bundespressekonferenz

Der Bundespresseball wird jährlich von der Bundespressekonferenz veranstaltet. Die Bundespressekonferenz ist ein unabhängiger Verein, der als Zusammenschluss der Hauptstadtkorrespondenten deutscher Medien und einiger ausländischer Medien arbeitet. Dementsprechend ist die Bundespressekonferenz auch kein Teil der Bundesregierung – sind Politiker bei der Bundespressekonferenz zu sehen, sind sie stets auf Einladung der Journalisten zu Gast. (mit dpa)