Terrorismus

Warum IS-Rückkehrer in ihren Heimatländern zur Gefahr werden

Immer weniger Islamisten reisen aus Deutschland in das Kampfgebiet. Die Observation der Rückkehrer bindet viel Geld und Personal.

Der Dinslakener Nils D. steht wegen Mitgliedschaft im IS vor Gericht

Der Dinslakener Nils D. steht wegen Mitgliedschaft im IS vor Gericht

Foto: FUNKE Foto Services / Kai Kitsch / Funke Foto Services

Berlin.  Als der Führer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), Abu Bakr al-Baghdadi, im Juni 2014 das „Kalifat“ ausrief, wähnten sich Islamisten am Ziel ihrer Träume: In einem „Gottesstaat“ zu leben und diesen im „Heiligen Krieg“ zur Weltherrschaft zu verhelfen, schien gewaltbereiten Salafisten ein lohnendes Ziel zu sein.

Die anfänglichen militärischen Erfolge des IS nährten zudem die Hoffnung, dass die Verheißung von der vermeintlich „islamischen“ Weltrevolution Wirklichkeit werden könnte.

Und so trieben die Propaganda des IS, der Glaube an eine pseudoreligiös verbrämte Ideologie und bei vielen wohl auch eine testosterongesteuerte Abenteuerlust immer mehr „Gotteskrieger“ in den syrischen und irakischen Bürgerkrieg. Vom Verlierer in der westlichen Welt des „Unglaubens“ zum stolzen „Gotteskrieger“ im „Kalifat“: Der IS schien es möglich zu machen.

Deutschland muss angesichts der Terrorgefahr wachsam bleiben

Heute, knapp zweieinhalb Jahre später, ist der Siegeszug der Schergen des „Kalifen“ gestoppt – und die Ausreisewelle deutscher Dschihadisten ebenso. Zu diesem Ergebnis kommen das Bundeskriminalamt und das Bundesamt für Verfassungsschutz sowie das Hessische Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus in einer noch unveröffentlichten Studie, die am Dienstag der Innenministerkonferenz vorgelegt werden soll. Der 61 Seiten lange Text liegt der Berliner Morgenpost vor. Zuvor hatte auch die Süddeutsche Zeitung darüber berichtet.

Die Anzahl der gefährlichen Rückkehrer ist überschaubar

Der Untersuchung zufolge sind seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges im Frühjahr 2011 bis Ende Juni dieses Jahres 784 Personen in die Kampfgebiete ausgereist. Das sind deutlich mehr, als selbst pessimistische Beobachter vor Beginn der Unruhen für möglich gehalten hätten. Spätestens seit Anfang dieses Jahres entfaltet der IS bei deutschen Dschihadisten aber „kaum mehr eine Sogwirkung“, heißt es in der Studie.

In den Hochzeiten der Ausreisewelle reisten demnach monatlich fast 100 Sympathisanten aus Deutschland in die Kampfgebiete. In den vergangenen Monaten waren es nur noch rund fünf. Anzeichen, dass es „in absehbarer Zukunft“ erneut zu massiven Ausreisebewegungen kommen könnte, seien nicht erkennbar.

Den Grund sehen die Autoren der Untersuchung einerseits darin, dass die türkisch-syrische Grenze seit Juli 2015 besser kontrolliert wird. Vor allem aber sei die Reise in den Dschihad immer unattraktiver geworden. Denn die Terrormiliz, die erst weite Teile Syriens eingenommen hatte und dann auch in den Irak vordrang, musste angesichts der Offensive der US-geführten Militärallianz erhebliche Verluste hinnehmen.

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Anfang 2015 unterlag der IS im Kampf um die kurdische Stadt Kobane. Ab Herbst 2015 flogen auch russische Militärjets immer mehr Angriffe – und der IS verlor eine Stadt nach der anderen. Jetzt droht die Organisation ihre wichtige Metropole im Irak, Mossul, zu verlieren. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit ist dahin. Die Propaganda wirkt nicht mehr.

Ein Drittel der einst ausgereisten „Gotteskrieger“ hat dem IS mittlerweile sogar wieder den Rücken gekehrt und ist nach Deutschland zurückgekehrt. Der Umgang mit diesen „Rückkehrern“ stelle die Behörden vor „große personelle und materielle Herausforderungen“, heißt es. Im Klartext: Die Observation möglicher Gefährder ist kostspielig, staatlich finanzierte Deradikalisierungsprojekte sind es ebenso.

Von zwölf Prozent der 274 „Rückkehrer“ geht, bis auf Weiteres, allerdings keine Gefahr mehr aus. Nachdem der Generalbundesanwalt und die örtlichen Staatsanwaltschaften zahlreiche Ermittlungsverfahren einleiteten, sitzen die „Heiligen Krieger“ in (Untersuchungs-)Haft. Zehn Prozent der Rückkehrer gelten zudem als desillusioniert.

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Von den Ausgereisten, die im Bürgerkrieg tatsächlich zur Waffe gegriffen haben (352 Personen), sind dagegen nur 18 Prozent zurückkehrt. Aus dieser Gruppe sitzen mit 36 Prozent besonders viele im Gefängnis. Die Anzahl der an Waffen ausgebildeten Rückkehrer, die in Freiheit sind und tatsächlich als „tickende Zeitbomben“ gelten müssen, ist also überschaubarer als oft angenommen.

Die Terrorgefahr bleibt dennoch hoch, heißt es in der Auswertung. Denn der IS fordere seine Anhänger im Westen schon seit einiger Zeit auf, nicht mehr in das „Kalifat“ auszureisen – sondern Anschläge in ihren Heimatländern zu verüben. Die Sicherheitsbehörden müssen also nicht nur die Rückkehrer im Auge behalten (und ausländische IS-Terroristen, die als vermeintlich Flüchtlinge einreisen) – sondern auch Terroristen, die gar nicht erst ausgereist sind und den „Märtyrertod“ in ihrem Heimatland suchen.

Trotz der positiven Nachrichten über die sinkende Zahl der Ausgereisten kommen die Autoren der Studie daher zu einem ernüchternden Fazit: „Die Gefahr droht nicht mehr nur vornehmlich im Ausland, sondern vermehrt auch im Inland.“