Politik

Zeit der kleinen Lügen

| Lesedauer: 4 Minuten

Noch glauben die Kleinen an die Geschichten vom Christkind und Weihnachtsmann. Aber nicht mehr lange

Jetzt kommt wieder die Zeit der kleinen Lügen. Von Jahr zu Jahr wird es schwieriger, das Märchen aufrechtzuerhalten, dass am Heiligabend das Christkind und sein Helfer, der Weihnachtsmann, die Geschenke ausliefern. Darauf haben wir uns irgendwann mal mit der Christkind-Fraktion in der Verwandtschaft geeinigt. Bei uns kommen beide. Die Kinder verstehen das. So ein Christkind kann schließlich nicht so schwer schleppen. Das degradiert den Weihnachtsmann so ein bisschen zum schwitzenden Umzugshelfer, der auch nicht müde wird, wenn er irgendwo die fünfte Waschmaschine auf einer Schulter in den Keller getragen hat. Aber man kann nicht in jedem Kaufhaus, an jeder Bratwurstbude den Weihnachtsmann sehen und dann, Überraschung, wird am Heiligabend alles anders, der Weihnachtsmann wird ignoriert, stattdessen taucht plötzlich wie Kai aus der Kiste das Christkind auf.

Das klingt ein wenig kompliziert, aber noch funktioniert es. Als wir uns kürzlich ein Bett für den Dreijährigen anschauten, eins mit Dach und einer richtigen Höhle und Leitern, also ein Bett von dem Eltern glauben, dass sie als Kind davon geträumt haben, sagte die Sechsjährige: „Ich glaube, das ist selbst dem Weihnachtsmann zu schwer. Aber ich habe eine Idee, er könnte es auseinanderbauen und in lauter kleinen Teilen zu uns bringen.“ Die Sechsjährige war offenbar zu oft bei Ikea. Auf ihrem Wunschzettel steht jetzt also: „SCHÖNEZ BET FÜR BRUDR.“ Der Dreijährige will allerdings gar kein neues Bett, er hat, nachdem er sich zum Geburtstag einen roten Föhn gewünscht hatte, eigentlich zunächst mit einem echten Mixer geliebäugelt, sich jetzt aber doch umentschieden. Er wünscht sich ein rotes Flugzeug. Ich: „Das ist schön, ein rotes Spielzeugflugzeug.“ Er: „Nein, kein Spielzeugflugzeug! Ein großes, wo Leute einsteigen können und ich bin Pilot!“ Ich: „Ich glaube, so etwas hat der Weihnachtsmann nicht ... Hast du denn noch einen anderen Wunsch?“ Er: „Ja, einen echten Flughafen!“ Ich: „Der Weihnachtsmann hat keine echten Flughäfen.“ Er: „Doch der Weihnachtsmann hat alles.“ Seine große Schwester ist da keine Hilfe: „Wenn er sich einen echten Flughafen wünscht, dann lass ihn doch. Das kann doch der Weihnachtsmann entscheiden.“

Eigentlich könnte man die Sechsjährige langsam einweihen, aber dann würde sie es sofort dem kleinen Bruder weitererzählen. Größere Geschwister sind sehr gefährlich, wenn es um die Aufrechterhaltung von Kinderlegenden geht: „Weihnachtsmann und Christkind gibt es gar nicht, du kleiner Blödmann!“ Und der Kleine würde dann sagen: „Mama, sie hat Blödmann gesagt. Ich bin kein Blödmann, oder?“ Er soll noch ein bisschen im Zauberland bleiben dürfen. Mit Christkindern, Weihnachtsmännern und der Zahnfee. Manchmal kommen Fragen: „Jule in meiner Klasse hat gesagt, dass es keinen Weihnachtsmann gibt, sondern die Eltern die Geschenke bringen?“ Ich: „Ach ja? Wie soll das denn gehen? Wir sind mit euch in der Kirche. Vorher sind keine Geschenke da und wenn wir nach Hause kommen, liegt da plötzlich alles?“ Kind ist wieder überzeugt.

Die Zahnfee ist auch so eine Sache, beim linken oberen Schneidezahn kam die Sechsjährige morgens zu mir und sagte; „Schwör, dass du nicht die Zahnfee warst!“ Ich: „Ich schwöre, dass ich nicht die Zahnfee war.“ (Papa war es nämlich.) Sechsjährige: „Dann war es vielleicht Papa!“

Vielleicht ahnt und weiß sie mehr, als sie uns erzählt. Vor ein paar Tagen beim Abendbrot sagte sie unvermittelt: „Ich weiß jetzt, wo die Babys herkommen ...“ Der Vater und ich schauten uns an. War ja klar, kein halbes Jahr in der Grundschule und schon ist unsere Kleine aufgeklärt. Wir wollten das doch selbst machen. Wenn sie 18 ist oder so. Die Sechsjährige schaute uns stolz und wissend an. „Die Engel bringen die Babys!“ Ja, genau.

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