Flüchtlinge

Wenn das Kind auf der Flucht aus Syrien spurlos verschwindet

Das Deutsche Rote Kreuz sucht seit dem Zweiten Weltkrieg nach Menschen in aller Welt. Eine Herausforderung, die immer größer wird.

Auf der Suche nach dem Sohn, den die syrische Familie verloren hat. Vater Zakaria, Mutter Ola und die kleine Yathreb sind sicher in Deutschland.

Auf der Suche nach dem Sohn, den die syrische Familie verloren hat. Vater Zakaria, Mutter Ola und die kleine Yathreb sind sicher in Deutschland.

Foto: M.G.Kötter, Frankfurt, www.koetter.net

Saarbrücken.  Als wäre das alles nicht schon genug. Die Bomben in Aleppo, seine Entführung durch Rebellen, seine Haft in einem syrischen Knast, die Flucht in einem Schlauchboot über das Meer. Zakaria Zakra quetscht sein 36 Jahre altes Leben zwischen Normalität, Hoffnung und Tod in wackeliges Deutsch, presst es in ein paar Stunden Gespräch. Und weil er sowieso nur Häppchen seines Schicksals zuwerfen kann, redet er für einen Moment gar nicht, knöpft sein Hemd auf, zieht es aus den Jeans und zeigt die Narben an seinem Körper.

Als hätte ihm ein Wolf mit seinen Krallen über den Rücken gekratzt, ziehen sich dunkelrote Streifen quer über Zakras Haut. Im Gefängnis hätten ihn die Wärter mit Eisenrohren geschlagen, sagt er. Zakra rollt sein Hosenbein hoch, zeigt verheilte euromünzengroße Wunden am Schienbein. „Auch hier haben sie zugehauen.“ Dann fasst er mit dem Zeigefinger an seinen Hals, wo ein dunkler Punkt unter dem Kehlkopf die Stelle markiert, an der seine Wächter eine Zigarette an Zakra ausgedrückt haben wie an einem Aschenbecher.

Älteste Tochter ertrank im Meer

Die Narben werden ihm bis zu ­seinem Tod bleiben. Seine älteste Tochter Firial (11) sieht er nie wieder. Sie ist tot, ertrunken im Meer. Und wenn es noch so etwas wie Gerechtigkeit für Zakaria Zakra und seine Frau Ola gibt, dann sind ihr Sohn Mohammed Bakri und dessen Großmutter noch am Leben.

Irgendwo in Griechenland, vielleicht in der Türkei. Deshalb sind die Zakras heute hierhergekommen, in den Dachgeschossraum des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Saarbrücken. Deshalb erzählt Zakaria Zakra all die ganze Scheiße noch einmal, die er und seine Familie erleben mussten. Sein Antrieb ist die Hoffnung. Und er lächelt dabei sogar nicht selten.

1700 neue Suchanfragen für Deutschland in einem Jahr

Krieg zerstört Häuser und Straßen. Oftmals sind es die jungen Männer, die abhauen, solange sie noch können. Viele Frauen bleiben zurück, in der Armut, im Flüchtlingscamp oder im Schutt der Ruinen. Manchmal, wenn Geld und Mut reichen, ziehen sie mit Kindern und den Alten nach. Manchmal kommen Soldaten aus dem Kampf nicht zurück, manchmal trennt das Chaos einer Flucht Vater, Mutter und Kind. Bomben fegen Dörfer auseinander. Sie fegen auch Familien auseinander. Das ist heute so. Das war in düsteren Stunden deutscher Geschichte nicht anders. Anton Verschaeren ist Landesgeschäftsführer des DRK und hat ein Foto ins Dachgeschoss mitgebracht: von Regalen voll mit Büchern, darin Tausende Schwarz-Weiß-Bilder von Soldaten und Geflüchteten. Sie galten als vermisst. Von 1945 bis 1950 sammelte der DRK-Suchdienst 14 Millionen Anfragen. Ehefrauen brachten Bilder ihrer Männer, die nicht aus der Sowjetunion zurückgekehrt waren.

Schicksal von 300.000 Kindern klärte das DRK

Väter suchten ihre Kinder, die auf dem Weg von Ostpreußen nach Deutschland verloren gegangen waren. Das Schicksal von 300.000 Kindern konnte das DRK klären. Oft war die Nachricht keine gute. Der Krieg richtet heute wie damals den gleichen Schmerz an. Besser sind nur die Techniken für die Suche nach den Verschollenen. Seit 2014 hat das DRK die Namensdatei digitalisiert. Informationen über mehr als 20 Millionen Weltkriegsverschollene sind darin gespeichert. 2015 kamen 1700 neue Suchanfragen für Deutschland dazu.

Diesmal geht es nicht um die Sowjetunion, sondern vor allem um Menschen aus Syrien, Afghanistan und Somalia. Auch Zakaria Zakra ist jetzt in der Datei. Er hat Name, Alter, Geburtsort seines Sohnes eingetragen, M. Bakri, und weitere Daten: 70 Zentimeter groß, 20 Kilogramm schwer, Augenfarbe: braun. Beschnitten. Er trug eine gelbe Jacke und eine blaue Hose, er hat schon alle Zähne. Ein Foto liegt der Akte bei.

Türkische Küstenwache barg tote Tochter

Dann beschreibt der Vater auf einem Textfeld Ort und Umstände des letzten Kontakts: Seine Frau Ola saß mit ihren Kindern, der Schwiegermutter und anderen Flüchtlingen in einem Holzboot auf dem Weg von der türkischen Küste nach Lesbos. Plötzlich brach Wasser durch ein Leck an Bord. Die türkische Küstenwache konnte ihre Tochter nur noch tot retten. Das Boot sank. Der Sohn und Zakras Mutter verschwanden mit ihren Schwimmwesten im Schwarz einer kalten Dezembernacht.

„Vielleicht haben sie es bis ans Ufer geschafft“, sagt Zakra. 500 Meter waren es, sagt seine Frau. Wohl zu viel für einen Vierjährigen. Zakaria Zakra war damals, Ende 2015, schon seit Monaten in Deutschland. Er war zuvor mit seinem Vater weiter geflohen, als die Familie schon im Libanon lebte. In dem Flüchtlingscamp sah Zakra Sohn und Tochter zum letzten Mal. Es war Frühsommer 2015.

Affäre hätte nie hätte passieren dürfen

Ganz anders der Fall von Elsa Tequabo, die ihren Vater nie gesehen hat. Jedenfalls erinnert sie sich nicht an ihn. „Ich war ein paar Monate alt, da kam er noch zu unserem Haus, nahm mich in den Arm, wiegte mich.“ Dann verschwand der Vater aus dem Leben der jungen Elsa. Weil das zwischen ihm, einem jungen deutschen Flugzeugtechniker, und Elsas Mutter, einer armen Analphabetin in Eritrea, nur eine Affäre war. Und weil diese Affäre nie hätte passieren dürfen, wenn es nach den Vorstellungen von Nachbarn und Verwandten in dem Ort ging. Es waren die 1960er-Jahre in dem afrikanischen Staat. Die kleine Elsa fiel schon in der Schule auf, die helle Haut, das Gesicht. „Bist du Italienerin?“, fragten Kinder. Araberin? Jedenfalls keine von uns.

Viele Jahre ist das her. Heute ist Tequabo eine kleine Frau mit glattem, dunklem Haar. Sie hält die Vergangenheit nur noch auf Schwarz-Weiß-Fotos in ihren Händen. Auf einem der Bilder trägt sie ein weißes Kleid, steht vor einer Bank in einem Garten, zerknirschtes Babylächeln. „Da war ich ein Jahr alt. Vielleicht kann sich mein Vater an diesen Tag heute noch erinnern.“ Wenn er damals bei ihr zu Besuch war. Wenn er sie heute noch wiedererkennt. Wenn er überhaupt noch lebt.

Krieg zwischen Eri­trea und Äthiopien

Nie sprach die junge Tequabo mit ihrer Mutter über den Vater. Sie hatte längst einen neuen Mann, Tequabos Stiefvater. Er verriet Elsa die Gründe für ihre hellere Haut. Und er sagte: „Bitte sprich mit niemandem darüber.“ Und weil Tequabo ihren Stiefvater nicht verletzen wollte, schwieg sie. Verdrängte. Versuchte zu vergessen. Jahrelang. Als Elsa Tequabo 14 Jahre alt war, verschwand auch Tequabos Stiefvater als Soldat zur Armee. Sie blieb zurück mit ihrer Mutter und der Schwester.

Doch wenn ihre Schwester mit anderen Kindern spielte, musste sie beim Kochen oder Putzen helfen. Die Mutter machte ihre Affäre zum Tabu – und versteckte, so gut es ging, ihre Tochter von den Lästereien der Außenwelt. „Das Leben war hart“, sagt Tequabo. Die Armut, der Krieg zwischen Eri­trea und Äthiopien, die Aussichtslosigkeit. Als Mädchen verkaufte sie Obst auf der Straße, verdiente für die Mutter etwas dazu. „Dabei wollte ich studieren. Ein gutes Leben führen.“ Sie wollte weg.

Krieg und Diktatur zerstören die Heimat

Der Ausweg war Deutschland. 1993 machte sie eine Fortbildung als Elektronikerin in Berlin, ein Stipendium, lernte hier ihren späteren Mann kennen, auch er Eritreer. Sie bekamen zwei Kinder, heirateten in ihrer Heimat. 2003 brach Elsa Tequabo ihre Bande zu Hause ab, zog zu ihrem Mann nach Deutschland. Bewegende Jahre, Brüche, ein neues Leben. Doch je weiter sie von der Heimat entfernt war, desto stärker wuchs die Frage nach ihrem Vater. Tequabo beschloss, ihn zu suchen.

Am 20. Februar 2015 schickte Elsa Tequabo eine E-Mail an das DRK. Von Freunden der Mutter, die ihren Vater flüchtig gekannt hatten, wusste sie nur, dass er aus Hessen kam und damals zum Arbeiten im Ausland nach Eritrea und Äthiopien gereist war. Zwischen 1960 und 1974. Vielleicht war er Ingenieur, vielleicht Entwicklungshelfer. Als der äthiopische Kaiser Mitte der 1970er-Jahre entmachtet wurde, mussten Ausländer fliehen, sagt Tequabo. Wohl auch ihr Vater. Bis heute zerstören Krieg und Diktatur Tequabos Heimat.

DRK-Mitarbeiter suchen Vermisste

Viel weiß sie nicht über ihren Vater. Nur seinen Vornamen. Klaus. Oder Claus. „Ich weiß nicht, ob er noch lebt“, sagt Tequabo. „Aber ich hoffe es.“ In der ­E-Mail ans DRK schreibt sie: „Ich stehe unter ständigem Druck wegen des oben genannten Sachverhalts.“ Wenn sie heute ihre Geschichte erzählt, lassen Tränen ihre dunkle Wimperntusche verlaufen. Man muss viele Geschichten von Flucht und Verlust anhören, von Krieg und Migration, weil jede einzelne täglich verblasst in den vielen Bildern von Zeltmeeren vor Grenzzäunen und von überfüllten Schlauchbooten im Mittelmeer.

Elsa Tequabos Suche ist eine ganz andere als die von Zakaria und Ola ­Zakra. Doch beide sind Kapitel einer Welt, in der Krisen entgleisen – und in der Menschen wie Zakra und Tequabo ihre Hoffnung in Stichpunkten auf DIN-A4-Bögen des DRK aufschreiben. Ihre Suchanfragen leiten die Mitarbeiter an die Zentrale in München, dann weiter an das Internationale Rote Kreuz in die Schweiz. DRK-Helfer in Afghanistan, der Türkei, in Syrien, Somalia und Eritrea können die Gesuche sehen.

Krieg erschwert häufig die Suche

Viele hängen mit Fotos auf Plakaten aus, in Asylheimen, in Behörden. Einige DRK-Mitarbeiter besuchen die Adresse, wo Vermisste vermutet werden, Orte, wo sie zuletzt gesehen wurden. Häufig jedoch erschwert der Krieg die Suche. Oder die verstrichene Zeit. Als die Wärter in Assads Gefängnis Zakaria Zakra mit Eisenstangen schlugen, weil sie in ihm einen Spion der Rebellen vermutet hatten, obwohl er von ihnen entführt worden war, da betete Zakra zu seinem Gott. Und er dachte an seine Familie, seine Frau, die Kinder.

Jetzt denkt er oft an seinen Sohn und seine Mutter. Und er betet für sie.Elsa Tequabo lebte jahrelang mit dem Schweigen über ihren Vater. Ihren eigenen Kindern hat sie vor einiger Zeit die Wahrheit erzählt. „Meine Tochter war sehr verschlossen, aber sie hat es verstanden“, sagt Tequabo. Und ihr Sohn freute sich. „Ich habe einen Opa!“, rief er. Er wolle wissen, wie der Mann aussehe, erzählt sie. Sein Gesicht, seine Stimme, die Haut.