Syrienkonflikt

Aleppo wird für eingeschlossene Menschen zur Hölle

Die heftigsten Angriffe auf Aleppo seit Wochen haben viele Menschen getötet. Die medizinische Versorgung im Ostteil ist lahmgelegt.

Ein Mann trägt ein verwundetes Kind, das aus den Trümmern eines zerstörten Gebäudes gerettet wurde. Im eingeschlossenen Ostteil von Aleppo sollen noch 100.000 Kinder leben.

Ein Mann trägt ein verwundetes Kind, das aus den Trümmern eines zerstörten Gebäudes gerettet wurde. Im eingeschlossenen Ostteil von Aleppo sollen noch 100.000 Kinder leben.

Foto: Anadolu Agency

Kairo.  Aleppo wird zur Hölle. Rund um die Uhr krachen die Bomben und Raketen. In Todesangst kauern die Menschen in ihren Wohnungen. Kein Winkel in dem von Assad-Truppen eingeschlossenen Ostteil ist mehr sicher, in dem immer noch 250.000 Einwohner ausharren, darunter 100.000 Kinder.

Seit dem Wochenende sind nun auch sämtliche Krankenhäuser zerstört. Als letztes traf es das einzige Kinderhospital. „Es ist ein Inferno, sie wollen Aleppo ausradieren“, sagte einer der überlebenden Ärzte.

Operationen sind in Aleppo unmöglich geworden

Videobilder eines zufällig anwesenden Al-Dschasira-Reporters zeigen, wie zwei Schwestern in dichtem Explosionsstaub Frühgeborene aus den Inkubatoren bergen und mit den Kleinen im Arm in Tränen ausbrechen. Verletzte wissen nicht mehr wohin, Operationen sind unmöglich geworden, in dem belagerten Aleppo arbeiten nur noch 29 Ärzte.

„In all den Jahren habe ich noch nie solche schrecklichen Bilder gesehen von Verletzungen, von Menschen auf dem Fluren der Notaufnahme, Tote und Lebende Seite an Seite“, erklärte dem „Guardian“ der britische Kriegschirurg David Nott, der selbst in Aleppo operierte.

„Die Verwundeten sterben, einen Patienten mit offenem Bauch mussten wir auf dem Operationstisch zurücklassen“, klagte einer seiner syrischen Kollegen. „Frauen laufen blutend aus der Geburtenstation, weil das Krankenhaus wieder attackiert wird. Babys sterben, weil die Sauerstoffflaschen leer sind oder die Generatoren nicht mehr arbeiten.“

UN fordern Ende der Angriffe auf Zivilisten

Auch die Teams der Weißhelme sind von dem Ausmaß der Verwüstung völlig überwältigt. Die letzte Hilfsstation der Retter wurde am Sonnabend dem Erdboden gleichgemacht. „Wir haben nicht mehr genug Leichensäcke“, berichtete einer der Helfer per Video. Sämtliche Schulen sind geschlossen. Mindestens hundert Menschen starben in den letzten Tagen, viele sind noch unter Trümmern verschüttet, andere an dem vom Regime eingesetzten Chlorgas erstickt.

„Diese Zerstörung lebenswichtiger Infrastruktur lässt die eingeschlossenen Menschen ohne jede medizinische Hilfe und überlässt sie dem Tod“, klagte die örtliche Gesundheitsbehörde in Aleppo in einem schriftlichen Notruf an die Welt. Man sei entsetzt über diese jüngste Eskalation von Gewalt, erklärten auch die offiziellen Vertreter der Vereinten Nationen in Damaskus und forderten ein Ende der „wahllosen Angriffe auf Zivilisten und die zivile Infrastruktur“.

Regime diffamiert alle Gegner ausnahmslos als Terroristen

Die scheidende Sicherheitsberaterin im Weißen Haus, Susan Rice, verurteilte das russisch-syrische Vorgehen „auf das Schärfste“ und forderte die Angreifer auf, ihr Bombardement sofort einzustellen. UN-Syrienvermittler Staffan de Mistura, der zuvor Gespräche in der Türkei und im Iran geführt hatte, reiste am Sonntag zu dem syrischen Außenminister Walid al-Moallem nach Damaskus.

Bei dem Treffen schlug De Mistura vor, alle dschihadistischen Kämpfer aus Aleppo zu evakuieren und dann den moderaten Aufständischen eine Art Selbstverwaltung zu gewähren, eine Idee, die das Regime ablehnte. „Wie kann es sein, dass die UN Terroristen belohnen wollen?“ empörte sich al-Moallem, dessen Regime alle Gegner ausnahmslos als Terroristen diffamiert. Keine Regierung der Welt werde sich auf so etwas einlassen.

Krieg in Syrien dauert bereits länger als Zweiter Weltkrieg

Russland und Assad-Regime hatten Ende Oktober während der Schlussphase des amerikanischen Präsidentenwahlkampfes eine einseitige Feuerpause erklärt. Eine Woche nach dem Wahltag nahmen sie am vergangenen Dienstag ihre Luftangriffe gegen den Osten Aleppos wieder auf – brutaler denn je. Die beiden Kriegspartner kalkulieren, dass durch den Wechsel im Weißen Haus und an der Spitze der Vereinten Nationen sämtliche politischen Initiativen zu Syrien bis zum Frühjahr auf Eis liegen, sodass sie in den kommenden drei Monaten auf dem Schlachtfeld in ihrem Sinne Fakten schaffen können.

Vor allem eine Rückeroberung von Aleppo könnte die Schlagkraft der Rebellen entscheidend schwächen und den Machtanspruch des Regimes endgültig sichern. Der blutige Konflikt, der weit über 300.000 Menschen das Leben gekostet und die Hälfte aller Syrer zu Flüchtlingen gemacht hat, dauert mit seinen nahezu sechs Jahren inzwischen länger als der Zweite Weltkrieg.

Eingeschlossenen steht harter Winter bevor

Bei Donald Trump, der die Syrienpolitik seines Vorgängers Barack Obama im Wahlkampf scharf kritisierte, fehlen bisher die Konturen einer eigenen Nahost-Strategie. Auch der scheidende UN-Generalsekretär Ban Ki-moon wird nach Ansicht westlicher Diplomaten auf keine neuen Friedensverhandlungen mehr drängen, sondern dies seinem Nachfolger António Guterres überlassen. In einem ersten Interview nach der US-Wahl umwarb Diktator Baschar al-Assad Trump als „natürlichen Verbündeten“ seines Regimes.

Für die eingeschlossenen Bewohner im Ostteil Aleppos dagegen ist eine apokalyptische Lage entstanden. Ein harter Winter steht bevor. In den nächsten Wochen werden wahrscheinlich die ersten Menschen an Hunger sterben oder erfrieren. Nach Angaben der UN ließ das Assad-Regime seit Beginn der Belagerung Mitte Juli nicht einen Hilfstransport passieren. Man sei bereit, den Menschen in Ostaleppo beizustehen, sobald den Helfern von allen Konfliktparteien Zugang gewährt werde, bekräftigte der UN-Koordinator für Syrien, Ali al-Zatari.