Politik

„Postfaktisch“ schafft es bestimmt in den Duden

Der Begriff „Post-Truth“ ist in England und in den USA in aller Munde. Eine deutsche Entsprechung gibt es auch

Als ich das erste Mal nach Deutschland kam, war für mich wahrscheinlich der größte Schock die Erwartung, dass ich mit fremden Menschen nackt in einer Sauna sitzen soll. Mittlerweile habe ich mich einigermaßen daran gewöhnt. Das nennt man wohl eine halbwegs erfolgreiche Integration. Aber ich fühle mich trotzdem immer noch „very British“ – das heißt prüde –, wenn ich eine Sauna betrete. Deswegen wahrscheinlich mache ich es eher selten.

Als ich meinen Eltern eine Rikscha-Fahrt durch die Mitte Berlins geschenkt habe, waren sie erstaunt, die Nacktheit der FKKler im Tiergarten zu beobachten. Vor allem in der Nähe von Schloss Bellevue und vom Reichstag! Und für mich ist es ein Widerspruch in sich, dass der Englische Garten in München so heißt, da die meisten Engländer angesichts so viel öffentlicher Hüllenlosigkeit sofort davonlaufen würden.

Wellness, habe ich gelernt, ist der Oberbegriff für solche Freizeitaktivitäten in Deutschland. „Wellness? Nie gehört!“, habe ich zum Erstaunen meiner Bekannten gesagt, als ich den Begriff zum ersten Mal gehört habe.

Die unterschiedlichen sprachlichen und sozialen Normen zwischen unseren beiden Ländern sind sehr gut verkörpert in dem Ausdruck „Shitstorm“ oder „Shitschturm“, wie Kanzlerin Angela Merkel es mal niedlich ausgesprochen hat. Obwohl es aus zwei englischen Wörter besteht, müsste man einen Native Speaker erklären lassen, was es bedeutet, da es im englischsprachigen Raum so gut wie gar nicht benutzt wird.

Nicht nur, dass das Wort für unsere feinen englischen Ohren vulgär klingt, auch die bildliche Assoziation macht es ziemlich unbenutzbar, zumindest für den alltäglichen Gebrauch. Wenn ich es beim Nachrichtenmoderator des Deutschlandfunks oder bei ernsthaften Persönlichkeiten höre, werde ich an den ersten Besuch meiner deutschen Brieffreundin bei uns zu Hause in England erinnert. Meine ziemlich vornehme Mutter hatte keine Zeit verloren, ihr sehr schnell zu erklären, dass sie bei uns nicht fluchen oder pöbeln darf, nachdem sie „Shit“ am Esstisch gesagt hatte, zum Erstaunen von uns allen, die so etwas vor unseren Eltern nie gewagt hätten. „Not in this house, thank you“ (nicht in diesem Haus), sagte meine Mutter mit angespannter Stimme, woraufhin meine Freundin erwiderte, „aber bei uns ist das üblich!”

Es erstaunt viele Deutsche auch, wenn man ihnen erklärt, dass das Wort „Handy“ als etwas ganz anderes, aber eben nicht als Mobiltelefon verstanden wird. Handy ist jemand, der praktisch veranlagt und geschickt mit seinen Händen ist. „Learning by Doing“ ist auch ein Spruch, den ich nur in Deutschland höre.

Ich war sehr erleichtert, zu hören, dass „Post-Truth“ – ein neuer Begriff, der in England (nach Brexit) und Amerika (nach Trumps Wahl) in aller Munde ist – eine deutsche Entsprechung bekommen hat, größtenteils dank Angela Merkel. Hier sagt man „postfaktisch“, benennt damit den gesellschaftlichen Zustand, in dem Fakten in der politischen Kontroverse keine Rolle mehr spielen. Stattdessen ist die gefühlte Wahrheit immer größerer Bevölkerungsgruppen das, was zählt. Fakten sind keine Fakten mehr, eher Machenschaften der „Lügenpresse“. Jetzt hat sich der Begriff einen Platz im renommierten Oxford English Dictionary verdient. Man kann leicht prognostizieren, dass „postfaktisch“ bald im Duden zu finden sein wird – neben Brexiteer und Trumper.

„Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten”, sagte Merkel, Mitte September. Obwohl ich mich einerseits freue, dass das Wort richtig ins Deutsche übersetzt worden ist, wäre es mir persönlich lieber, es wäre in seinem ursprünglichen Englisch geblieben. Da es jetzt auch ein deutscher Begriff ist, ist zu befürchten, dass Deutschland auch in postfaktischen Zeiten angekommen ist. Mit Blick auf die Bundestagswahl ist diese Entwicklung als alles andere als einfach nur eine linguistische Marotte aus dem englischsprachigen Raum zu betrachten.

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