Gastbeitrag

Barack Obama - Präsident der großen Worte

Am 16. November kommt Barack Obama nach Berlin. Melissa Eddy , Korrespondentin der „New York Times“, blickt auf seine Amtszeit zurück.

US-Präsident Barack Obama im April 2013 im Weißen Haus

US-Präsident Barack Obama im April 2013 im Weißen Haus

Foto: REUTERS / LARRY DOWNING / REUTERS

Vor acht Jahren, als Barack Obama seine Reise nach Berlin angekündigt hatte, blickten die Welt und Deutschland voller Neugier und Freude auf den jungen Senator, der sich um das höchste Amt der westlichen Welt bewerben wollte. Nach Jahren im Schatten der Angst, nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001, dem darauf folgenden umstrittenen Krieg im Irak und einem Präsidenten Bush jr., dessen Administration versucht hatte, Europa in „alt“ und „neu“ zu spalten, wirkte er mit seinen damals nur 47 Jahren frisch und anders.

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Mehr als 200.000 Menschen standen an besagtem Sommertag 2008 vor der Siegessäule mitten in Berlin, um zu hören, was dieser ungewöhnliche Präsidentschaftskandidat über Deutschland, Amerika und die transatlantische Beziehung zu sagen hatte. Aber sie standen vor allem dort, um dabei zu sein.

Denn Barack Obama wirkte auf die Leute wie ein Rockstar. Viele wollten ihm nahe sein, es schien ein fast physisches Bedürfnis zu sein. Anfangs als Kandidat und dann auch während zweier Amtszeiten zog er die Menschen an – mit seinem scharfen Humor, seinem breiten Lächeln, seiner Offenheit, Menschlichkeit und Redekunst.

Immer fand er die richtigen Worte – ob nach der zigsten Schießerei oder dem Tod eines tatsächlichen Rockstars –, um den Schmerz zu lindern. Genauso traf er den Ton, wenn es galt, einen Sieg zu feiern. Dies tat er immer mit einem treffenden Humor und einer lässigen Wärme anderen gegenüber. Er war ein Präsident zum Anfassen.

Damals an der Siegessäule sprach er von der Freiheit und den Möglichkeiten, die das Leben im Westen jedem verspricht. Er entfaltete die Idee, dass jeder eine faire Chance bekommt, unterstützt durch den Zugang zu unabhängiger Information. Seine Reden waren immer inspirierend.

Nur heute, im Hier und Jetzt, klingen solche Versprechungen hohl. Konfrontiert mit einer unsicheren Zukunft, fragen wir uns, was uns erhalten bleiben wird? Werden die Funken der Gefühle, die Obama in uns vor acht Jahren geweckt hat, noch glühen, wenn er das Weiße Haus im kommenden Januar verlässt? Denn worauf kann man konkret zeigen – ob in Amerika oder der Welt – und sagen: „Schau, das hat er geschafft?“

Immer noch sitzen 60 Inhaftierte in Guantanamo. Viele Amerikaner haben weiterhin keine guten, gesicherten Arbeitsplätze, besonders nicht in den Staaten des Mittleren Westens. Selbst seine Gesundheitsreform scheint langsam zusammenzubrechen unter den hohen Kosten, die sich seit der Gründung angehäuft haben.

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Zugegeben, er hat das Pariser Abkommen für Klimaschutz unterzeichnet – eine Premiere für die USA – und dort den Atlantischen Ozean und andere Gewässer unter besondern Schutz gestellt und gleichzeitig auch versucht, die Kohleförderung abzubauen. Nun bleibt zu hoffen, dass diese Fortschritte unter seinem Nachfolger erhalten bleiben.

Denn viele Leute, die ihre Stimme ursprünglich für den legendären Slogan „Hope and Change“ gaben, den Obama im Wahlkampf 2008 und 2012 verkündete, entschieden sich nun am 8. November anders. Sie gaben ihre Stimme wieder für einen, der Veränderung versprach. Nur diesmal mit krasseren Worten und ohne das Versprechen der Hoffnung.

Selbst die Afroamerikaner, die vor acht Jahren glaubten, ein schwarzer Präsident könne endlich die Antwort sein auf Jahrzehnte der andauernden Unterdrückung, blicken heute unsicher in die Zukunft. Von den geschätzten 30 Menschen, die jeden Tag in Amerika durch Schusswunden sterben, sind die überwiegende Zahl Schwarze. In den letzten Jahren sind schwarze Männer mehrfach von Polizisten erschossen worden, wie Handyfilme ein ums andere Mal bewiesen haben.

Das Land scheint gespalten zu sein, so gespalten wie zum Vietnamkrieg, vielleicht sogar so gespalten wie zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkrieges.

Die Gründe dafür liegen aber auch in Obamas Errungenschaften, so absurd es klingen mag. Denn in seiner Amtszeit hat Präsident Obama viele vorher umstrittene soziale und kulturelle Änderungen in die Mitte der Gesellschaft gebracht. Womöglich auch dadurch, dass er selbst eine Barriere durchbrochen hat – als erstes schwarzes Staatsoberhaupt des Landes. Unter Obama durften Schwule und Lesben amtlich heiraten, egal wo in den USA. Es war eine lang ersehnte, lang erkämpfte Errungenschaft. Und es hat eine starke Symbolkraft, dass alle Rechte für alle gelten.

Überhaupt hat er viel erreicht für die LGBT-Community (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender-Community). Schwule und Lesben können zum ersten Mal für ihr Land offen als Soldaten dienen, ohne ihre sexuelle Orientierung verschweigen zu müssen. Er hat es möglich gemacht, offen über die Probleme und Schwierigkeiten zu sprechen, mit denen Transgender konfrontiert sind.

Vieles, was er uns hinterlässt, sind unsichtbare, aber sehr wichtige Bestandteile unseres Lebens. Er hat uns gezeigt, wie man mit Würde trauert, wenn junge Männer nur aufgrund ihrer Hautfarbe niedergeschossen werden. Er hat über Rassendiskriminierung offen und ehrlich gesprochen wie kein anderer seiner Vorgänger, denn die hat er schließlich selbst erlebt. Als er noch ziemlich frisch im Amt war, hat ein schwarzer Junge ihn gefragt, ob er, der Präsident, krause Haare habe wie er selbst. „Fass sie an!“ hat Obama geantwortet und beugte seinen Kopf zum Kind hin. „Komm, Mann! Fass sie an!“ In dem darauf folgenden Moment, als der Junge seine Hand auf den präsidialen Kopf legte, wurde ein Foto geschossen, das seitdem im Weißen Haus hängt und vielen Amerikanern im Gedächtnis geblieben ist. Denn Obama war etwas, was keiner vor ihm jemals war: ein lebendes Symbol, dass Träume wahr werden können.

Nun sagen Kritiker, dass genau deshalb, weil er der erste schwarze Präsident war, er ein Land hinterlässt, das unter einer schweren Spaltung leidet. Dass während seiner Amtszeit die Kluft zwischen Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Gebildet und Ungebildet nur größer und unüberwindbarer geworden sei. Vielleicht aber hat er sich auch nur getraut, die schwierigen Fragen offen zu stellen, ohne zu heucheln. Der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. In der Hoffnung, dass wir durch ein offenes, ehrliches Gespräch vorankommen. Nur dadurch.

Obama war aber auch ein Präsident, der, zusammen mit seiner Frau Michelle, mit vielen kleinen und außerhalb des Landes kaum erkennbaren Schritte das tägliche Leben wesentlich geändert hat. Zum Positiven.

Michelle Obama hat einen Garten auf dem Gelände des Weißen Hauses gepflanzt, der ihr bei der Ernte Kartoffeln und lila Auberginen einbrachte – und den Ärger einiger großer Lebensmittelkonzerne. Damit setzte sie ein Zeichen für einen gesünderen Lebensstil. Sie machte die Idee von regionalem Essen und Märkten mit frischem Obst und Gemüse in den Städten populär. Und zeigte eine Alternative auf für kleine Gemeinden, in denen viele gezwungen sind, ihre Lebensmittel von der Tanke zu kaufen, da die nächste große Supermarktkette zu weit weg und ohne eigenes Auto nicht erreichbar ist.

Es war auch Frau Obama, die First Lady, die Millionen von Kindern dazu gebracht hat, vom Sofa aufzustehen und sich wieder zu bewegen. In einem Land, wo mehr als ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen übergewichtig ist. Sie hat – zusammen mit ihren beiden Töchtern und unterstützt von ihrem Mann – gezeigt, dass Sport nicht immer ein Wettkampf sein muss, sondern auch nur Spaß machen kann. Und das für die ganze Familie.

Denn die Obamas waren eine Vorzeige-First-Family. Während der acht Jahre im Amt gab es keinen einzigen Skandal. Das hat seit vielen Jahren kein anderer Präsident vor ihm geschafft.

Oft wirkte er wie der Erste Priester Amerikas, mit seiner Baritonstimme, die im gemessenen Tonfall eines Martin Luther King Jr. die Nation an ihren Glauben erinnerte. Nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch an sich selbst, an das Amerikaner-Sein.

Diese Stimme war zu hören im Juli 2015, als er die Trauerrede hielt für den Reverend Clementa Pinckney, der mit acht anderen schwarzen Männern und Frauen in der Mother-Emanuel-Kirche in Charleston, South Carolina, während eines Gebetskreises von einem weißen Mann erschossen worden war. Seine Trauerrede war voller Emotionen und aus ihm sprach der geballte Frust, der sich in ihm angesammelt hatte. Monat für Monat hatte er ähnliche Traueransprachen an die Nation halten müssen, weil kurz nacheinander überall im Land junge, schwarze Männer von Polizisten auf offener Straße niedergeschossen worden waren. Doch er sprach auch von Gnade. Von der Möglichkeit einer tief gespaltenen Nation, sich selbst wiederzufinden. Sich herauszukämpfen aus einer sonderbaren Stimmung, die aus Verbitterung und Bequemlichkeit bestand, und die das Land beherrschte. Diese Gnade müsse man nun benutzen, um das Beste aus jedem herauszuholen, sagte damals der Präsident.

Am letzten Mittwoch, als klar war, dass Donald Trump ihm als Präsident folgen würde, klang er überraschend ähnlich. Doch diesmal stand er vor dem Weißen Haus und nicht in einer afroamerikanischen Kirche. Seine Botschaft aber war die gleiche, genauso wie der gemessene Tonfall in seiner Stimme. Seine Botschaft lautete: Wir sind nicht zuallererst schwarz und weiß, auch nicht Demokraten und Republikaner. Als Erstes sind wir alle Amerikaner.

Melissa Eddy ist Auslandskorrespondentin der „New York Times“ in Berlin. Einmal im Monat schreibt sie eine Kolumne in der Berliner Morgenpost über deutsche und amerikanische Befindlichkeiten .