Politik

Land ohne Hoffnung

Zwei Jahre nach dem Abzug westlicher Truppen ist Afghanistans Zustand desolat

Sünden der Vergangenheit haben oft die unangenehme Eigenheit, sich zu rächen. Kaum ein Land verkörpert dies besser als Afghanistan. Tausende radikalislamischer Gotteskrieger, die in den 80er-Jahren von westlichen Regierungen für den Kampf gegen die sowjetischen Besatzer am Hindukusch trainiert und bewaffnet wurden, haben sich in den vergangenen 20 Jahren gegen ihre Ziehväter gewendet.

Die 350.000 Mann starken afghanischen Sicherheitskräfte, die bis Ende des Jahres 2014 mit Milliardenhilfe von westlichen Staaten in qualitativ fragwürdigen Schnelldurchgängen als Polizisten und Soldaten ausgebildet wurden, stellen heute eine größtenteils demoralisierte, ineffektive und korrupte Truppe dar – ganz so, wie warnende Stimmen es voraussagten. Verlass ist nur auf eine Kerntruppe von rund 30.000 Mann.

Deshalb kann der Anschlag auf das deutsche Konsulat in Masar-i-Scharif nicht überraschen. Trotz ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit treiben die geschätzt 30.000 bis 40.000 Kämpfer der Taliban Kabuls Sicherheitskräfte in diesem Jahr scheinbar nach Belieben vor sich her.

Zwei Jahre, nachdem der mit vielen Vorschusslorbeeren ausgestattete Präsident Aschraf Ghani unter westlichem Druck eine Regierung der Nationalen Einheit mit seiner politischen Opposition bilden musste, stehen alle Zeichen auf Krieg. Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Ghani noch fast alle Hoffnungen auf Verhandlungen mit den Taliban gesetzt. Doch Pakistan, das den Taliban als Rückzugsort dient, konnte oder wollte nicht helfen. Und auch China, das sich im vergangenen Jahr eingeschaltet hatte, vermochte es nicht, Gespräche voranzutreiben.

Stattdessen fordert der Konflikt gegenwärtig mehr zivile Opfer als in den Jahren vor dem weitgehenden Abzug westlicher Truppen. Die 13.000 ausländischen Soldaten, die noch am Hindukusch stationiert sind, verhindern lediglich die militärische Niederlage Kabuls.

Junge Afghanen, die seit 2001 voller Elan die Ausbildungschancen ergriffen und zu Tausenden in Schulen und an Universitäten strömten, resignieren. Ihre kriegserfahrenen Eltern erkannten die Zeichen schon vergangenes Jahr und schickten sie zu Tausenden als Flüchtlinge nach Europa.

Ohne Aussicht auf baldigen Frieden muten westliche Bemühungen, den Teufel der Korruption aus Afghanistans Institutionen zu vertreiben und der Regierung mit Milliardenaufwand zu mehr Effektivität zu verhelfen, wie ein in Geldscheine verpacktes Alibi an. Inmitten der prekären Sicherheitslage können auch die besten Bemühungen Ghanis, die Wirtschaft des Landes wiederzubeleben, kaum von Erfolg gekrönt sein.

Der Anschlag auf das deutsche Generalkonsulat in Masar-i-Scharif droht ein Erbe zu zerstören, auf das Berlin voller Stolz und mit Recht verwies. Denn bis Ende 2014 lief es dank deutscher Hilfe zwischen Badachschan im Nordosten und Masar-i-Scharif wirtschaftlich sehr viel besser als in anderen Teilen des Landes.

Zudem reibt sich die Regierung der Nationalen Einheit unter Präsident Ghani und seinem Gegenspieler Abdullah Abdullah angesichts der vielen, schier unlösbaren Schwierigkeiten in gegenseitigen Grabenkämpfen auf. Selbst die Pläne für Parlamentswahlen, laut Verfassung für dieses Jahr vorgeschrieben, sind in aller Stille begraben worden.

Afghanistan ist zwei Jahre nach dem Abzug westlicher Truppen ein Land ohne Hoffnung – klammert sich aber dennoch an einen Strohhalm: dass es nicht noch schlimmer kommt am Hindukusch.