US-Wahl

Wie Donald Trump die Filterblase zum Platzen brachte

Trump wird neuer US-Präsident? Kann nicht sein. Wie es passieren konnte, dass wir das nicht abgesehen haben. Ein Erklärungsversuch.

Die Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten hat viele überrascht – in den USA und auch im Rest der Welt.

Die Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten hat viele überrascht – in den USA und auch im Rest der Welt.

Foto: CARLO ALLEGRI / REUTERS

Berlin.  Niemand hat es geglaubt, trotzdem ist es passiert: Donald Trump wird neuer US-Präsident. Und wir fragen uns: Wie konnte das geschehen? Diesen Mann, der Frauen verunglimpft, gegen Ausländer und Migranten hetzt, der Lügen verbreitet und jeden dämonisiert, der nicht in sein Weltbild passt – diesen Mann finden doch alle schrecklich, unmöglich, sexistisch, unwählbar. Das muss doch so sein. Oder?

Nein, das ist nicht so. Und weil wir das nicht sehen, sind wir jetzt tief schockiert. Was ist da los?

Vieles wird aus unserem Leben herausgefiltert

Die Antwort hat mit Algorithmen zu tun, die entscheiden, was wir auf Seiten wie Facebook sehen und was nicht. Aber auch damit, dass wir uns fast nur noch mit Meinungen umgeben, die unseren ähnlich sind, von denen wir uns bestärkt und durch die wir uns verstanden fühlen. Das ist bequem und fühlt sich gut an. Keiner unserer Freunde hätte Trump gewählt.

Die AfD? Finden alle furchtbar. Marine Le Pen in Frankreich? Rassistisch und damit unwählbar. Geert Wilders in den Niederlanden? Ein unerträglicher Rechtspopulist.

Wir leben in einer sogenannten Filterblase, die all das aus unserem Leben herausfiltert, was nicht zu uns passt, womit wir nicht einverstanden sind, was wir für falsch halten. Der Gedankeneinheitsbrei, der uns umgibt, lässt nicht viel Raum für andere Meinungen. Das hat zur Folge, dass sich unser Blick auf die Welt verengt. Die Realität ist unsere Realität – nur hat die mit der Realität von vielen anderen nicht viel zu tun.

Tausende protestieren gegen Trump

Wie vom Blitz getroffen

Denn: Der Brexit ist tatsächlich passiert, auch wenn wir ihn nicht für möglich gehalten haben. Die AfD bekommt in Deutschland viele Stimmen, auch wenn es nicht unsere sind. Marine Le Pen und ihr Front National haben realistische Chancen, die Präsidentschaftswahl in Frankreich nächstes Jahr zu gewinnen, auch wenn wir das nicht nachvollziehen können. Und Geert Wilders bekommt in den Niederlanden immer mehr Rückenwind, auch wenn wir ihn nicht ernst nehmen können.

Sehr viele Menschen also sehen die Dinge anders als wir. Nicht nur im Netz, nicht nur auf Facebook, Instagram, Twitter und Snapchat. Auch im realen Leben haben ihre Meinungen mit den unseren nicht viel gemein. Nur bekommen wir davon nichts mit. Auch deshalb, weil wir es nicht mitbekommen wollen. Und sind dann wie vom Blitz getroffen, wenn Menschen wie Donald Trump eine Wahl gewinnen.

In Deutschland könnte das auch passieren

Dabei ist es gar nicht so weit hergeholt, dass in einem Jahr, wenn in Deutschland Bundestagswahl ist, etwas ganz Ähnliches passiert wie vor wenigen Stunden in den USA. Die AfD könnte ein Ergebnis holen, dass uns ähnlich überrascht, wie die 279 Wahlmännerstimmen für Donald Trump. Und Schuld – also an der Überraschung, nicht am Ergebnis – wäre wahrscheinlich auch dann die Filterblase.

Viele Menschen beziehen ihre Nachrichten vor allem – oder zumindest zuerst – aus ihren Timelines auf Facebook und in anderen sozialen Netzwerken. Das, was sie dort finden und lesen, beeinflusst ihre Wahrnehmung davon, was wichtig und richtig ist. Wir nehmen Facebook als öffentlichen Raum wahr, obwohl es keiner ist. Facebook ist ein Unternehmen – und stellt eigene Regeln auf. Nur vergessen wir das gerne mal.

In den USA informieren sich 44 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner so, besagt eine Untersuchung des renommierten Pew Research Centers und der Knight Foundation. In Deutschland dürfte die Zahl kleiner sein, aber auch bei uns sind die geteilten Texte und Artikel in sozialen Medien für viele die erste Informationsquelle. Das kommt der AfD zugute.

Keine Partei hat mehr Facebook-Fans als die AfD

Die islamfeindliche Partei ist die größte deutsche Partei auf Facebook, und das mit Abstand. Die AfD hat in dem sozialen Netzwerk mehr Fans als die SPD und die CDU zusammen. Unter anderem deshalb, weil die Partei früh in den Umgang mit sozialen Netzwerken investiert hat und weil wegen nicht ausgereifter Hierarchien keine Gremien über alle Posts abstimmen müssen. Die AfD kann auf Facebook also schneller handeln, als andere Parteien. „Das ist ein bisschen wie bei David und Goliath“, sagt Martin Fuchs, Politikberater und Blogger.

Raus aus der Blase

Wie also umgehen mit all dem? Mit der Filterblase, die nun erstmal geplatzt ist, und mit der anderen Realität, die offenbar ein bisschen realer ist?

Wir müssen aus der Blase raus. Müssen uns befassen mit den Dingen, die wir verabscheuen, müssen diskutieren und argumentieren – und offen bleiben dafür, dass es jenseits unserer eigenen, meist links-liberalen Meinung und der Meinung unserer Freunde, Arbeitskollegen, Geschwister, Eltern und Nachbarn noch eine andere Welt gibt.