US-Wahl

Wie konnte das passieren? Wie die Meinungsforscher versagten

Nur vier von 67 Umfragen sahen zuletzt Donald Trump vorn – für die Meinungsforscher eine Blamage. Dabei gibt es längst solide Methoden.

Fast alle Wahlumfragen in den USA hatten einen Sieg Hillary Clintons vorhergesagt. Umso größer ist nun die Enttäuschung bei ihren Anhängern – und den Wahlforschern.

Fast alle Wahlumfragen in den USA hatten einen Sieg Hillary Clintons vorhergesagt. Umso größer ist nun die Enttäuschung bei ihren Anhängern – und den Wahlforschern.

Foto: Rolex Dela Pena / dpa

Washington.  Der Vergleich liegt auf der Hand. Als Donald Trumps Chancen in der Nacht zum Mittwoch plötzlich stiegen, 45. Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, blickten Amerikaner und Briten ein paar Monate zurück: Die Briten wählten den Brexit. Niemand hatte damit gerechnet, die Meinungsforscher lagen falsch. US-Medien sprechen nun vom „Brexit Plus“. Die Fragen und Antworten im Überblick:

Warum lagen die Umfragen bei Brexit und US-Wahl so daneben?

Eigentlich hätte den Meinungsforschern ein zweiter Brexit nicht passieren dürfen. In den USA liegt ihnen viel besseres Datenmaterial vor als in Großbritannien. Die Wissenschaftler werden nun die Gründe untersuchen müssen. Von 67 Umfragen der vergangenen Tage hatten nur vier Trump vorne gesehen.

Stimmen aus Berlin zum Wahlsieg von Trump
Stimmen aus Berlin zum Wahlsieg von Trump

Der unmittelbar nach Trumps Wahlerfolg am häufigsten geäußerte Grund für das Debakel der Demoskopen : Die Wähler standen nicht zu ihrer Meinung – wie in England. Sie gaben den Meinungsforschern gegenüber nicht zu, dass sie das unpopuläre, das politisch unkorrekte Kreuz setzen wollen. Ein zweiter Effekt: Die Forscher unterschätzen die Zahl der Wähler, die 2012 nicht zur Wahl gegangen waren, es aber mit Donald Trump wieder lohnend fanden.

Lagen denn alle Erhebungen falsch?

Nein. Es gab durch die letzten Monate des US-Wahlkampfes mehrere Ausnahmen: Hervorzuheben ist die Umfrage der University of Southern California in Zusammenarbeit mit der „Los Angeles Times“. Die Meinungsforscher aus Kalifornien sahen praktisch durchgehend Trump als Sieger. Ihr Erfolg stützt die These vom „Shy Trump Effekt“.

Die Umfrage der „LA Times“ wird im Internet durchgeführt, ist also anonym. Möglicherweise waren die Befragten hier ehrlicher. „Es liegt der Verdacht nahe, dass Clinton-Anhänger mit einer höheren Wahrscheinlichkeit das auch so sagen, Trump-Anhänger weniger“, sagte Arie Kapteyn, Leiter der Studie. Auch IBD/TIPP hatte den Trump-Sieg vorausgesehen – die Studie, die auch 2012 sehr gut gelegen hatte. Niemand wollte sie ernst nehmen.

Steckt die Zunft der Meinungsforscher jetzt in einer Krise?

Es scheint zumindest schwieriger geworden zu sein, politische Ereignisse einigermaßen korrekt vorherzusagen. Das liegt auch an technischen Veränderungen. Alte Telefonumfragen per Festnetz funktionieren nicht mehr, anonyme Online-Umfragen haben ihre Tücken, auch die über Mobiltelefone. Die Stichprobenerhebung wird schwieriger, die Gewichtung der Ergebnisse noch mehr. „Ich habe 30 Jahre lang an die Kraft der Daten in der Politik geglaubt“, sagte der konservative Politik-Analyst Mike Murphy. „Heute Abend sind die Daten gestorben.“

Gibt es eine Alternative zur Meinungsumfrage?

Es kommen immer mehr Projektionsmodelle in Mode – sie errechnen Wahrscheinlichkeiten und stellen diese grafisch dar. Letztlich basieren jedoch auch diese Modelle auf Umfragen. Einen ganz anderen Weg geht etwa der deutschstämmige Professor Helmut Norpoth aus New York. Er hat die These aufgestellt: Wenn ein Kandidat im Vorwahlkampf lange kämpfen muss, ist er im Nachteil.

Zudem: Selten schafft es eine Partei, ihren Kandidaten durchzubringen, wenn ein Amtsinhaber derselben Partei acht Jahre im Amt war. Daraus hatte Norpoth eine 67- bis 88-prozentige Chance für einen Sieg Donald Trumps errechnet. (dpa)