Extremismus

Islamisten rekrutierten Jugendliche in Duisburger Reisebüro

Die Polizei hat Männer festgenommen, die Reisen in den Dschihad organisiert haben sollen. Wichtig dafür war ein Duisburger Reisebüro.

Ein Verdächtiger (M) wird zur Vorführung in die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe gebracht. Nach monatelangen Ermittlungen wurden in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen am frühen Dienstagmorgen fünf IS-Verdächtige verhaftet.

Ein Verdächtiger (M) wird zur Vorführung in die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe gebracht. Nach monatelangen Ermittlungen wurden in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen am frühen Dienstagmorgen fünf IS-Verdächtige verhaftet.

Foto: Marijan Murat / dpa

Hildesheim/Duisburg.  Die radikale Szene feiert ihn wie einen Popstar. Auf Plakaten im Internet und Handy-Kurznachrichtendiensten werden seine Predigten wie Hollywoodfilme inszeniert: ein brüllender Löwe, protzige Neonschrift, dazu salbige Ansprachen: „Was hast du für deine Religion geleistet?“

Ahmad Abdulaziz Abdullah A. nannte sich unter den Islamisten nur Abu Walaa. Im Internet verbreitete er in den vergangenen Monaten fast täglich islamistische Propaganda, per Telefon und Code konnten sich Radikale aus ganz Deutschland zuschalten. Aktiv war A. vor allem in einer Moschee in Hildesheim, seinen Wohnsitz hat er bei Krefeld.

Sein Gesicht zeigte Abu Walaa nie öffentlich. Bei seinem Auftritt im Netz ist nur sein Oberkörper zu sehen, hin und wieder gerät ein langer dunkler Bart ins Blickfeld der Kamera. Doch den Sicherheitsbehörden galt er seit Jahren als zentrale Figur der deutschen Islamisten. Jetzt sitzt er in Haft – denn der 32 Jahre alte Iraker soll auch einer der wichtigen Unterstützer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in Deutschland sein.

Razzia in mehreren Bundesländern

Am Dienstagmorgen rückten Polizisten in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen aus. Seit Herbst des vergangenen Jahres ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen A. und mutmaßliche Helfer. Jetzt wurden insgesamt fünf IS-Verdächtige festgenommen, zwei von ihnen in Duisburg und Dortmund. Ahmad Abdulaziz Abdullah A. nahmen die Polizisten in Hildesheim fest. Dort war der radikale Prediger im „Deutschsprachigen Islamkreis Hildesheim e.V.“ aktiv.

Schon Ende Juli hatte es dort eine Razzia gegen die sogenannten Salafisten gegeben. Die Durchsuchung musste übereilt angegangen werden, nachdem Medien über die Vorabaktion berichtet hatten. Jetzt aber haben die Ermittler offenbar ausreichend Beweise für einen Haftbefehl des Richters vorgelegt.

Wohl keine Anschläge in Deutschland geplant

Die fünf Männer ausländischer Herkunft sollen nach Angaben der Bundesanwaltschaft Freiwillige für den „Islamischen Staat“ (IS) rekrutiert haben. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz war nach Informationen dieser Redaktion seit mehreren Monaten an der Gruppe dran. Hinweise auf Anschlagspläne in Deutschland gibt es demnach nicht.

Neben A. ist der 50-jährige Türke Hasan C. aus Duisburg unter den Festgenommenen. Er betreibt dort ein Reisebüro und hat nach Angaben von NRW-Verfassungsschutz-Chef Burkhard Freier Kontakt zu den Jugendlichen gehabt, die im April einen Anschlag auf ein Gebetshaus der Sikh in Essen verübt haben sollen. „Er gehört zu den Radikalisierern“, sagte Freier.

Ein Netzwerk für den Dschihad

Die fünf Beschuldigten bilden laut Bundesanwaltschaft ein überregionales „salafistisch-dschihadistisches Netzwerk, innerhalb dessen der Beschuldigte A. die zentrale Führungsposition übernommen hatte“. Der Prediger Abu Walaa bekenne sich offen zum IS und sei in der Vergangenheit bei zahlreichen salafistischen Veranstaltungen als Redner aufgetreten. „Ziel des von ihm angeführten Netzwerks war es, Personen an den IS nach Syrien zu vermitteln“, erklären die Bundesanwälte.

Auf den ersten Blick klingen die Vorträge von Abu Walaa harmlos. Mal geht es um die „Aquida“, die Lehren des Islam; ein anderes Mal verliest der Prediger Suren des Koran oder unterrichtet Arabisch. Doch für die Ermittler ist die Lage eindeutig: „Der Unterricht diente dazu, die ideologischen und sprachlichen Grundlagen für eine zukünftige Tätigkeit beim IS, insbesondere für die Teilnahme an Kampfhandlungen, zu schaffen.“

In Duisburger Reisebüro radikalisiert

A. nutzte laut Behörden ein Netzwerk an Helfern in der Szene, etwa den Reisebürobesitzer C. aus Duisburg, um Ausreisen zu billigen und sogar zu organisieren. Im Reisebüro und in privaten Räumen seien labile junge Menschen systematisch radikalisiert worden, berichten die Ermittler. Eine Organisation einer Ausreise eines Mannes und dessen Familie zum IS können die Ermittler der Gruppe nachweisen. Abu Walaa soll dabei der „führende Kopf“ gewesen sein.

NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ hatten als Erste über die Razzia berichtet. Die Aussagen eines IS-Rückkehrers sollen danach maßgeblichen Anteil an den Festnahmen haben. Der 22 Jahre alte Anil O. lebte mehrere Monate im IS-Gebiet in Syrien, doch dann floh er in die Türkei. Bevor er Ende September nach Deutschland zurückkehrte, gab Anil O. in der Türkei dem Rechercheverbund ein Interview, in dem er A., alias Abu Walaa, als „die Nummer eins des IS in Deutschland“ bezeichnete.

Abu Walaa hetzte auch gegen andere Islamisten

Polizei und Politik feiern den Fahndungserfolg. „Hier ist ein Schlag gelungen gegen die Chefideologen der salafistischen Szene in Deutschland“, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) in Düsseldorf. Auch Jäger verweist auf den Syrien-Rückkehrer Anil O., der detaillierte Hinweise gegeben habe, „wie das Netzwerk funktioniert“.

Gehetzt hatten Abu Walaa und dessen Anhänger immer wieder auch gegen einen anderen islamistischen Prediger: Pierre Vogel. Abu Walaa galt dieser als „Abweichler“ und „Kollaborateur“ mit den deutschen Behörden – das zeigt die Radikalität der Gruppe um Abu Walaa.

Kaddor: Muslime wünschen sich Härte gegen Extremisten

Auch Muslime zeigen sich erleichtert, dass die Polizei gegen Abu Walaa und dessen Gruppe vorgeht. „Die Festnahmen sind ein wichtiges Signal, das das Vertrauen der Menschen in den Rechtsstaat wieder stärkt“, sagt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor dieser Redaktion. „Die Festnahmen zeigen, dass der Rechtsstaat handlungsfähig ist und Ergebnisse erzielt.“ Sie würden auch in der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland „positiv bewertet“, sagte Kaddor. „Viele Muslime wünschen sich ein noch deutlicheres Vorgehen gegen Extremisten.“