Nach der Festnahme eines Verdächtigen prüfen die Ermittler, wie konkret die Gefahr eines Anschlags war

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Andreas Gandzior

Viele Fragen sind noch offen und die Hintergründe längst nicht geklärt. Eines aber kann am Tag nach der Festnahme des mutmaßlichen Terrorverdächtigen Ashraf al-T. als gesichert gelten: Die Polizei lässt ihre Materialien nach Anti-Terror-Einsätzen mitunter am Tatort liegen. In einem Papierkorb im Hausflur des Gebäudes in der Kolonnenstraße in Berlin-Schöneberg finden sich am Donnerstag Überreste eines rot-weißen Flatterbandes und Einmalhandschuhe. Die Beamten nutzten sie wohl, um den 27 Jahre alten Ashraf al-T. festzunehmen.

Sonst deutet am Donnerstag nichts mehr darauf hin, dass in dem 20er-Jahre-Bau noch bis Mittwochabend ein mutmaßlicher Terrorist lebte. Im Hof fegt ein Bewohner Laub. Ashraf al-T., so berichtet er, sei aufmerksam und höflich gewesen. „Ganz nett, ganz aufgeschlossen“, sagt auch die Bedienung in der benachbarten Bäckerei. Nur mit der Sprache habe es gehapert. Deutsch habe Ashraf al-T. sehr schlecht gesprochen.

Der nette Nachbar war womöglich Anhänger des IS

Die Sicherheitsbehörden zeichnen ein anderes Bild des Festgenommenen. Der Generalbundesanwalt bemühte sich am Donnerstag, einen Haftbefehl gegen Ashraf al-T. zu erwirken. Der Vorwurf: Mitglied in einer ausländischen Terrororganisation. Der nette Mann aus der Kolonnenstraße – womöglich ein Anhänger der Miliz „Islamischer Staat“ (IS), dessen Anschlag nur durch das Eingreifen der Polizei verhindert werden konnte.

Nach der Festnahme des Terrorverdächtigen Dschaber al-Bakr im Oktober dieses Jahres in Chemnitz, dem Axt-Anschlag in Würzburg und dem Sprengstoffanschlag in Ansbach (beide im Juli) steht nun also wieder Berlin im Blickpunkt der Ermittler. Hinweise, dass Ashraf al-T. eine Aktion im Stil der Großanschläge von Brüssel oder Paris plante, haben sie zwar offenbar nicht. Sie fanden in der Wohnung, in der der Festgenommene lebte, auch keinen Sprengstoff. Der 27-Jährige könnte aber einen „kleineren“ Angriff, etwa mit einem Messer, geplant haben. Darauf deuten zumindest die Auswertung von Internetchats und die Observation hin. Einen solchen „Spontan-Angriff“, etwa unmittelbar nach dem Kauf einer Tatwaffe, hätten die Beamten kaum verhindern können. Daher die Festnahme.

Der Leiter des Berliner Verfassungsschutzes, Bernd Palenda, geht „nach aktuellem Stand“ davon aus, dass Ashraf al-T. ein Einzeltäter war. Auch habe es offenbar keine direkte Verbindung zu dem Chemnitzer Terrorverdächtigen al-Bakr gegeben. Für eine abschließende Bewertung sei es aber zu früh. „Die Sicherheitsbehörden haben gut zusammengearbeitet“, sagte Palenda.

Zu Details äußerte Palenda sich ebenso wenig wie andere Behördenvertreter. Aus informellen Gesprächen ergibt sich aber folgendes Bild: Ashraf al-T. reiste im Oktober 2015 nach Deutschland – und gab sich unter falschem Namen als syrischer Kriegsflüchtling aus. Er sei in Aleppo geboren worden, behauptete er. Tatsächlich aber, dessen sind sich die Ermittler sicher, kommt der Mann aus Tunesien. Der Staat gilt als „sicheres Herkunftsland“. Hätte Ashraf al-T. seine wahre Identität und Herkunft angegeben – sein Asylantrag wäre sofort abgelehnt worden.

So aber konnte er bleiben – und sorgte im März dieses Jahres für Ärger. In der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof war er in eine Schlägerei verwickelt und erhielt Hausverbot. Nach einer Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge tauchte er unter.

Die Verschleierung seiner wahren Identität erklärt, warum das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten mitteilte, der Festgenommene sei der Behörde nicht bekannt. Denn „Ashraf al-T.“ ist tatsächlich nicht registriert. Sein Tarnname dürfte in der Datei aber existieren.

Erste Hinweise, dass Ashraf al-T. nicht nur Asylbetrüger, sondern auch Terrorist sein könnte, erreichten die deutschen Sicherheitsbehörden Mitte Oktober. Ein „befreundeter Nachrichtendienst“ hatte die Internetkommunikation von Ashraf al-T. überwacht – womöglich mit einem Kontaktmann des IS.

Als die Hinweise sich verdichteten, begannen das Bundesamt für Verfassungsschutz und der Verfassungsschutz in Berlin mit der Observation. Hinweise auf eine konkrete Tatplanung, auf Ort und Zeit für eine Attacke, brachte die Beobachtung nicht. Doch die Behörden blieben vorsichtig – und das wohl zu Recht. Denn um „Ungläubige“ zu ermorden, brauchen islamistische Terroristen keinen Sprengstoff und kein Netzwerk von Mittätern. Sie schlagen auch alleine los und das mit einfachsten Mitteln. Jüngste Beispiele: der Anschlag von Würzburg, bei dem ein Anhänger des IS mit einer Axt auf Zivilisten losging, oder der Fall der 15-jährigen Islamistin Safia S. Sie muss sich zurzeit vor dem Oberlandesgericht in Celle verantworten, weil sie einem Polizisten ein Messer in den Hals gerammt haben soll.

Sein Quartier in der Kolonnenstraße fand Ashraf al-T. wohl, weil er auf dem Tempelhofer Feld einen ehrenamtlichen Helfer kennenlernte. Der Mann nahm den höflichen „Syrer“ in seiner Wohnung in der Kolonnenstraße auf. Wer sich im Haus umhört, erfährt, dass der Helfer den „syrischen Kriegsflüchtling“ sogar den Nachbarn vorstellte. Sie sollen einen guten Eindruck gehabt haben.

Doch Ashraf al-T., der mit mindestens drei weiteren Identitäten unterwegs war, stand – wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten – nicht nur mit einer Terrororganisation in Kontakt. Er gilt auch als psychisch labil. Vor wenigen Wochen wurde dann noch sein Asylantrag abgelehnt. Ashraf al-T. wurde zur tickenden Zeitbombe. Die Entscheidung zum Zugriff fiel am Mittwochmorgen. Dann, um etwa 20.30 Uhr, nahmen Beamte den 27-Jährigen in der Wohnung seines Helfers in der Kolonnenstraße fest. Eine Gefährdung Dritter, so heißt es in Ermittlerkreisen, sei nicht mehr auszuschließen gewesen.

Nun ist die Bundesanwaltschaft am Zug. Doch die Behörde hat schlechte Karten. Denn Ashraf al-T. mag gefährlich gewesen sein. Für einen Haftbefehl, geschweige denn eine Anklage oder Verurteilung, bräuchten die Chefankläger aber Beweise für eine konkrete Tatplanung. Diese scheint es bisher nicht zu geben. Gut möglich also, dass Ashraf al-T. bald wieder auf freiem Fuß ist.

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