Berlin

Berliner Imame lehnen Pläne für eine Geldbuße ab

Laut Studie gibt es in der Hauptstadt 460 „Kinderehen“

Berlin. Der Berliner Prediger Abdul Adhim Kamouss, bekannt durch seinen Auftritt bei Günther Jauch, verheiratet junge und ältere Paare seit 14 Jahren nach islamischem Recht. Echte „Kinderehen“, bei denen mindestens einer der Partner rechtlich gesehen „Kind“ ist, also höchstens 14 Jahre, habe er keine einzige geschlossen, sagt Kamouss. Er könne sich aber an „eine oder zwei“ Ehen erinnern, bei denen das Mädchen 17 und ihr Partner 18 oder 19 gewesen sei. Solche Ehen habe er geschlossen. „Und das war auch in Ordnung“, sagt Kamouss.

Bevor er einwilligte, habe er sich stets davon überzeugt, dass die Eheleute sich bereits länger kannten und sich freiwillig, also ohne Druck der Familie, für die Ehe entschieden hätten. Außerdem sei klar gewesen, dass der islamischen Ehe beim Erreichen der Volljährigkeit der Gang zum Standesamt folgen sollte. „Von echten Zwangsehen, die in Deutschland geschlossen wurden, habe ich in meinem Umfeld ohnehin nie gehört“, sagt Kamouss. Den Vorschlag, demzufolge Imame, die Kinderehen schließen, ein Bußgeld bezahlen müssten, betrachtet er mit Skepsis. Er begrüße zwar Maßnahmen gegen Zwangsehen. „Man muss bei dem Thema aber differenzieren“, sagt Kamouss.

Ender Cetin, Vorsteher der türkisch geprägten Gemeinde der Neuköllner Sehitlik-Moschee, hält die Diskussion für überzogen. Aus seinem Umfeld kenne er „keinen einzigen Fall“, bei dem in Berlin eine Kinderehe geschlossen worden sei. „Vom Hörensagen“ seien ihm aber Fälle bekannt, in denen Familien ihre minderjährigen Kinder zur Eheschließung in die Türkei schicken wollten – in der irrigen Annahme, dass die dort erlaubt sei. Wenn es Kinderehen gebe, seien diese im Übrigen kein religiöses Problem, sondern eines überkommener archaischer Familientraditionen.

Laut einer Umfrage des Berliner Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung gab es im Jahr 2013 in Berlin 84 Zwangsehen, bei denen mindestens einer der Partner minderjährig war. Der Berliner Bildungsverwaltung sind hierzu dagegen keine offiziellen Zahlen bekannt. Im Zuge der gestiegenen Flüchtlingszahlen seien aber elf minderjährige Flüchtlinge in Obhut genommen worden, die als Eheleute eingereist waren. Bei Mädchen unter 16 Jahren erkennen die Berliner Behörden im Ausland geschlossene Ehen grundsätzlich nicht an. Wenn die Eltern dem erwachsenen Ehepartner einer unter 16-Jährigen die Erziehungsberechtigung übertragen haben, ist das aus Sicht der Behörden daher irrelevant. „Die Minderjährige gilt damit also als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling und wird entsprechend in Obhut der Jugendhilfe genommen“, sagt ein Sprecher der Jugendverwaltung.

Anders ist es bei Mädchen ab dem 16. Lebensjahr. Soweit keine konkreten Gründe vorliegen, die dem widersprechen, würden im Ausland geschlossene Ehen in diesem Fall anerkannt. So will es das geltende Recht – noch jedenfalls.