Politik

Was vor Kinderehen schützt

| Lesedauer: 3 Minuten

Ein Verbot ist gut. Vorbeugung in den Herkunftsländern der Flüchtlinge ist besser

Ein kleines Mädchen steckt in einem strassbesetzten Brautkleid. Die Haare sind onduliert, die Lippen tiefrot, die Augen schwarz umrandet. Eine als Prinzessin herausgeputzte Elfjährige, die ihren zwölfjährigen Cousin heiraten soll. Oder: Eine vielleicht Zehnjährige hockt im Schneidersitz neben ihrem Ehemann, dessen Gesichtszüge von greisenhaften Falten geprägt sind. Die Bilder, die aus Ländern wie Afghanistan, Indien, Pakistan oder Ägypten gezeigt werden, verstören zutiefst: Kinderehen sind nach westlichen Moralvorstellungen absolut untragbar. Sie missachten gleichermaßen Menschenrechte, Kinderrechte und Frauenrechte.

Bisher beschränkte sich die Empörung auf das ferne, arme Ausland. Doch im vergangenen Jahr, als knapp eine Millionen Flüchtlinge – größtenteils aus Syrien – nach Deutschland kamen, ist die Kinderehe zu einem innerdeutschen Thema geworden. Die Zahl der verheirateten Kinder und Jugendlichen, die in Deutschland leben, ist längst vierstellig. Es ist so einfach wie richtig, Imame mit Bußgeldern zu belegen, wenn sie gegen deutsches Recht Jugendliche verheiraten.

Schwieriger ist es bei Eheleuten, die im Ausland verheiratet wurden. Sie stellen unsere Justiz und unsere Behörden vor ein Dilemma. Wie sollen sie mit den jungen Menschen umgehen – ohne erneut ihre Rechte zu verletzen? Der erste Reflex: Ehe annullieren, das Paar trennen. Ein entsprechendes Gesetz wird gerade erarbeitet. Tatsächlich ist das zunächst einmal das richtige Zeichen für die deutsche Gesellschaft und auch für die Menschen, die sich auf den Weg nach Deutschland machen: Seht her, heißt das, in Deutschland gibt es keine Kinderehe, sondern Gleichberechtigung. Heranwachsende gehören in die Schule und dürfen nicht all ihrer Rechte beraubt in den Familien verschwinden.

Doch so einfach ist die Welt nicht für eine jugendliche Ehefrau – größtenteils sind es Mädchen, die als Minderjährige verheiratet werden. Was ist, wenn eine 14-Jährige, die aus einer völlig anderen Kultur kommt, niemand anderen kennt als ihren erwachsenen Mann? Und wie soll das Jugendamt mit den Kindern von Teenager-Müttern umgehen? Das Kleinkind in eine Pflegefamilie zu geben, wäre sicher auch nicht im Sinne von Menschenrechtskonventionen. Und was bedeutet eine Annullierung für das Aufenthaltsrecht und den Unterhaltsanspruch? Es wird schwierig sein, herauszufinden, was der jungen Ehefrau wirklich hilft. Ob Gerichte das können, ist fraglich.

So gut es ist, dass in Deutschland das Thema Kinderehe oben auf der politischen Tagesordnung angekommen ist – mindestens ebenso wichtig ist eine Entwicklungshilfe, die sich in den Herkunftsländern für Mädchenrechte einsetzt. Das bedeutet: Eine elementare Schulbildung für alle und Hilfe in Zwangssituationen. Doch wie Kinderhilfsorganisationen immer wieder beklagen, unterstützt die Bundesregierung eher Studenten aus Entwicklungsländern, die sich in Deutschland ausbilden lassen, als die arme Landbevölkerung etwa in Afghanistan oder Somalia. Doch mangelnde Bildung ebnet Zwangsehen den Weg, zementiert Armut und damit – neben Krieg und Terror – die Hauptfluchtursache, die die Politik bekämpfen will.

Ein Gesetz, das Kinderehen verbietet, ist – wie übrigens ein Verbot der Vollverschleierung – zunächst einmal nicht mehr als eine Beruhigungspille für aufgeregte Wutbürger. Wer wirklich etwas für die verheerende Situation von Mädchen tun will, denen oft genug gar nichts anderes übrig bleibt, als sich dem Druck zu beugen und sich verheiraten zu lassen, muss in den Herkunftsländern ansetzen. Seite 4

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