Politik

Leibniz und das ganze Wissen

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Der Gelehrte wollte verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das macht ihn heute noch so faszinierend

Der Mann, dessen Todestag sich am 14. November zum 300. Mal jährt, war ein Universalist. Gottfried Wilhelm Leibniz durchmaß als Gelehrter ganze Sonnensysteme des Wissens. Als Mathematiker, Logiker und Philosoph leistete er ebenso Bedeutsames wie als Rechtswissenschaftler, Psychologe und Sprachforscher. Leibniz schrieb in mehreren Sprachen, er korrespondierte in weitverzweigten Netzwerken mit den be-deutendsten Gelehrten seiner Zeit und schuf in fünf randvoll mit Arbeit gefüllten Jahrzehnten ein wissenschaftliches Werk von atemberaubender Bandbreite.

Theorie und Praxis sollten, so fand Leibniz, miteinander verbunden sein. Rast- und ruhelos trieb er neben seinen großen, enzyklopädischen Werken technische Erfindungen voran: Geräte zur Messung der Windgeschwindigkeit, Endlosketten zur Erzförderung im Bergbau, verbesserte Türschlösser, eine mechanische Rechenmaschine, ein Unterseeboot – Legion sind die Beispiele, die Leibniz’ praktisches Talent unter Beweis stellen. Das meiste wurde freilich gedacht, nicht realisiert. Mit Ungeduld registrierte er, dass viele seiner Ideen nur langsam umgesetzt wurden und vieles seine Zeitgenossen überforderte.

Die universelle Ausrichtung seines Denkens hatte einen sehr einfachen Ursprung. Leibniz war davon überzeugt, dass die Welt auf der Grundlage fester Prinzipien organisiert sei. Alle Erscheinungen unterliegen demnach einer genauen Ordnung, deren Verständnis uns den Zugang zum abstrakten Reich der Zahlen ebenso verschafft wie zu den Geheimnissen der göttlichen Schöpfung, dem System der Sprachen oder dem Recht. Als Aufklärer glaubte Leibniz fest an die Macht einer vernünftigen Weltarchitektur, in der nichts dem Zufall überlassen war. Gottes Macht spiegelte sich für ihn in der rationalen Ordnung aller Dinge. Wir leben, so betonte Leibniz, in der besten aller möglichen Welten. Das bedeutete nicht, dass er das Schlechte, das Böse oder Unrechte auf Erden leugnete. Nur war er sich sicher, dass es unabdingbar zur Schöpfung gehörte. Hätte Gott das Gute ohne das Böse schaffen können, dann hätte er das auch getan, so dachte Leibniz. Diese Einsicht wiederum bedeutete für ihn nicht Resignation, sondern Auftrag: Wir müssen uns anstrengen, die Vollkommenheit, die in allen irdischen Dingen steckt, zu verwirklichen. Die Welt ist nicht fertig, sie ist eine Aufgabe. Sie kann sich verändern und verbessert werden – gerade darin steckt ihre göttliche Perfektion.

Leibniz war kein Idealist, sondern ein Vernunftmensch. Seine Nüchternheit hinderte ihn daran, die Wirklichkeit zu verklären. Aber er wollte verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das macht ihn auch heute noch zu einer faszinierenden Gestalt, deren Denken uns etwas angeht. Im 21. Jahrhundert sind wir jedoch Leibniz’ umfassender Gelehrsamkeit ferner denn je. In gewisser Weise ist das auch die Konsequenz seines eigenen Werks. Der dynamische Fortschritt der Wissenschaften, den Leibniz forderte, hat dazu geführt, dass Spezialistentum an den Platz übergreifender Kenntnisse getreten ist. Forschung wird immer stärker kleinteilig und atomisiert; die akademischen Fächer zerlegen sich in Neben- und Unterdisziplinen. Mehr als 18.000 Studiengänge werden derzeit in Deutschland angeboten. Wer sollte da noch in der Lage sein, gleichzeitig an mathematischen, juristischen und philosophischen Fragen zu arbeiten?

Aber auch ein Gedächtnis wie Leibniz hat im 21. Jahrhundert niemand mehr. Aus der Rechenmaschine, die er entwarf, ist der Computer geworden – das größte Speichermedium, das die Menschheit je schuf. Er sammelt für uns das Wissen, und in seinen digitalen Welten liegen die Reiche jener Gelehrsamkeit, die Leibniz noch in seinem Gehirn dirigierte. Wie hätte er wohl auf unsere simultanen Wirklichkeiten im Netz reagiert? Vermutlich mit einer umfassenden Theorie des Großrechners – und mit technischen Verbesserungsvorschlägen, die uns in eine ferne Zukunft katapultiert hätten.

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