Calais

Die Kinder von Calais

Frankreich hat das Flüchtlingslager, das viele nur „Dschungel“ nennen, geräumt. Vor allem das Schicksal der minderjährigen Migranten ist unklar

Calais.  Mark hat ein Bild gemalt. Mit Filzstiften hat einen lila Vogel, eine Giraffe und ein Zebra auf ein Blatt Papier gezeichnet. Mark schrieb noch dazu: „Sei stark“, „Pass auf dich auf“, „Viel Glück“. Sein Bild hat er für die vielen Tausend Geflüchteten im Camp von Calais gemalt. Bunt bemalte Hoffnung. Helfer haben es ausgedruckt, jetzt hängt es hier als Plakat neben anderen Bildern von Kindern an den Holzhütten des Lagers. Marks Worte und der lila Vogel sind für Menschen wie Idris gedacht.

Mark ist ein Junge aus Großbritannien, vielleicht frühstückt er an diesem Oktobermorgen mit seinen Eltern oder spielt mit anderen Jungs im Kindergarten. Idris ist ein Teenager, 16 Jahre alt, aus dem Sudan. Er hockt gerade auf dem Sandboden vor seinem Zelt im Lager von Calais, das alle nur den „Dschungel“ nennen, weil man sich hier zwischen Holzhütten, Planen, Plastik, Gestank und Schlamm verlaufen kann.

Idris ist müde. Die Nächte im Dschungel sind kurz und kalt. Seit fünf Monaten lebt er hier. Und es ist eigentlich nur noch ein Wunsch, der ihn nicht aufgeben lässt. Der ihn nachts auf Ladeflächen von Lastwagen springen lässt, immer wieder, auch wenn ihn die Polizei jedes Mal entdeckt und zurückschickt ins Camp. Ein Wunsch, für den Idris sein Leben riskiert. Er will nach Großbritannien. In das Land von Mark.

Es sind Idris’ letzte Nächte im Dschungel. Die französischen Behörden räumen das Lager, in dem zuletzt noch mehr als 6000 Flüchtlinge ausharrten. Freiwillige Helfer und Angestellte des Staates schicken Menschen aus dem Sudan, Afghanistan, Eritrea oder Äthiopien in eine große Halle nahe dem Camp, dort sollen sie sich registrieren. Busse bringen die Flüchtlinge in Aufnahmezentren, wo über ihren Asylstatus entschieden werden soll. Mehrere Tausend haben das Camp schon verlassen. Idris sagt an diesem Morgen vor seinem Zelt, dass er bleiben werde. Bis er es nach England schafft. Von den Bussen will er nichts gehört haben.

Mehr als 1000 Minderjährige sollen noch im Camp leben

Idris ist ein „minderjähriger unbegleiteter Flüchtling“. Mehr als 1000 sollen laut Helfern im „Dschungel“ leben, genau weiß es niemand. 14 Jahre alte Jungen wie Ahmet aus Ägypten, wie der 16 Jahre alte Said und der 15 Jahre alte Abdi aus Somalia, wie Ibrahim und Idris aus dem Sudan. Sogar 12- und 13-Jährige leben hier. Ohne Eltern oder Geschwister.

Ihre Geschichten hören sich immer so unfassbar an: Flucht vor Krieg, lange Märsche und gefährliche Fahrten durch die Wüste, noch riskantere Fahrten auf maroden Booten über das Mittelmeer. Dann Italien, manchmal ein Umweg über Deutschland. Jetzt Calais.

Mit sechs anderen aus dem Sudan schläft Idris in einem Zelt. Daneben haben sie eine Feuerstelle, auf der sie Tee oder Reis kochen. Im Zelt liegen Decken und Klamotten. Idris’ Zuhause passt in einen Rucksack und eine Plastiktüte. Ein Elendsviertel mitten in Europa.

Vor Jahren war sein Vater verschwunden, verhaftet von der Polizei in Omar al-Baschirs Diktatur. Was dem Vater vorgeworfen wird, könne Idris nicht sagen. Auch zwei seiner Brüder würden im Gefängnis sitzen, erzählt er. Irgendwann, als die Angst der Mutter um ihren letzten Sohn in Freiheit zu groß war, floh Idris Richtung England. Sein Cousin war schon vorher losgezogen. Ihm wollte er folgen.

Man wolle bei der Räumung des Lagers behutsam vorgehen, sagt Patrick Visser-Bourdon, Chef der Polizeieinheiten in Calais. „Wir wollen uns vor allem um die Kinder kümmern. Sie sind die Schwächsten.“ Manche der Jungen und Mädchen seien älter, als sie angeben würden, damit sie bessere Chancen auf Asyl in England haben. Täuschung ist für manche auch ein Fluchtweg.

Auch in England hat die Überprüfung des Alters für Debatten gesorgt. Mehr als 200 Jungen und Mädchen sind in den vergangenen Wochen dort angekommen. Vor sechs Monaten hatte die britische Regierung das Dubs-Übereinkommen verabschiedet, es erlaubt unbegleiteten Minderjährigen Asyl in England. Doch es ist unklar, wie viele Kinder das Königreich aufnimmt und wann. Vielleicht 400, vielleicht alle.

Die Regierung in London streitet seit Monaten mit den Franzosen darüber, wie sehr sie verantwortlich ist für die Menschen in Calais, die fast alle nach England wollen. Schnell einig waren sich Franzosen und Briten beim Errichten der Zäune um den Eurotunnel und den Hafen von Calais. Rund zwei Drittel der Menschen im „Dschungel“ sind jünger als 26 Jahre. Helfer erzählen, dass einige schon mehrere Jahre in Großbritannien gelebt haben, sie bekamen als Minderjährige vorläufiges Asyl, gingen zur Schule, lebten mit Freunden. Doch als sie 18 wurden, schoben die britischen Behörden viele nach Frankreich ab. Sie landeten wieder in Calais.

Für Jugendliche und Kinder hatten Hilfsorganisationen Schiffscontainer im Camp freigeräumt. Sie waren umzäunt und abgeschnitten von den Zelten des „Dschungels“. Zwölf Minderjährige teilten sich einen Raum. Am Dienstag nun kamen Arbeiter, geschützt von Polizisten, und rissen erste Planen von den Hütten, schmissen Zelte und Holzlatten in Müllcontainer. Sie roden den Dschungel, Abschnitt für Abschnitt. Bis zuletzt wollten Menschen wie Idris und Ibrahim in ihren Zelten ausharren.

Die Blicke der Jugendlichen sind leer, ihre Stimmen leise

Hilfsorganisationen fragen die Kinder nicht nach ihrer Geschichte. „Das kann traumatische Erinnerungen wecken“, sagt ein Helfer. Idris’ und Ibrahims Blicke sind leer, ihre Stimme leise. Beiden fällt es schwer, von ihrer Flucht zu erzählen. Ibrahim wurde von Kriminellen in Libyen gefangen gehalten, die Lösegeld erpressten. Der Bruder, der schon in England lebt, schickte 2000 Dinar, etwa 1300 Euro. Wieder in Freiheit verdiente Ibrahim Geld als Schafhüter, manchmal schlief er die Nächte draußen. Als der Bruder wieder Geld schickte, zahlte er Schmuggler für einen Platz im Boot nach Europa. Ibrahim hat im Sudan nie eine Schule besucht, er kommt aus den Bergen im Süden des Landes. Idris ging immerhin fünf Jahre zur Schule. Er sagt, er möchte Pilot werden. Bei British Airways? Idris lächelt.