Politik

Abschied von der Zeit der geschulten Sinne

Digitale Errungenschaften verändern unser Leben. Dennoch hinterlassen sie bei unserem Autor auch Wehmut

Schärft oder schwächt die moderne Technologie eigentlich unsere Sinne? Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, leitet mich das Navi zum Ziel. Gute Navis sogar mit einer dynamischen Verkehrsberechnung, das heißt, der kleine Computer merkt, wenn sich irgendwo ein Stau gebildet hat, und schlägt eine alternative Route vor, auf die ich selber nicht gekommen wäre. Diese Errungenschaft der digitalen Welt ist praktisch und funktioniert ganz gut.

Etwas wehmütig denke ich an die Zeiten zurück, in denen ich mich auf eine längere Fahrt durch intensives Studium der Straßenkarte vorbereitet habe, mir die Wegkreuzungen und Ausfahrten versucht habe, möglichst gut zu merken, jedenfalls wenn ich ohne Beifahrer unterwegs war. Es beschleicht mich der Gedanke, dass das doch auch sehr schön war, und dass das Orientierungsgefühl, das ich behaupte zu haben, immer weniger gefordert wird. Ich sorge mich sogar, dass es mir irgendwann einmal ganz verloren geht. Auch mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs setze ich ja inzwischen das Navi auf dem Handy ein und gebe mir keine Mühe mehr, davon unabhängig zu sein. Was würde passieren, wenn das Navi ausfiele? Hätte ich überhaupt eine Karte, die ich nutzen könnte? Werden meine Kinder überhaupt noch Karten lesen und sich danach orientieren können?

Nun gibt es Menschen, die ein grundlegend schlechtes Orientierungsvermögen haben. Man erkennt sie als Fußgänger daran, dass sie eine Straßenkarte so halten, dass oben die Laufrichtung und nicht Norden ist und sie die Karte entsprechend drehen, wenn sie irgendwo abbiegen. Sie betrachten Navis sicher als heilbringend, jedenfalls solange sie nicht von diesen falsch geleitet werden, was hin und wieder vorkommen soll. Beim Navi in meinem Auto lässt sich sogar einstellen, ob man möchte, dass die Karte in Fahrtrichtung oder nach Norden ausgerichtet ist, was so den unterschiedlichen Gewohnheiten und Kompetenzen der Vergangenheit entgegenkommt. Doch Navis stellen nur einen von vielen technischen Fortschritten dar, die einige unserer Sinne mehr oder weniger entbehrlich machte. Die Uhrzeit konnte man vor der weiten Verbreitung von Armbanduhren noch einigermaßen gut selber schätzen, man wusste eben einfach, wie spät es ist. Klar geht es mit den genau tickenden Geräten an unseren Handgelenken präziser, und sie haben sich in der heutigen Welt auch nahezu unentbehrlich gemacht. Ähnlich wie Wettervorhersagen, die früher ohne Satellitenbilder, sondern durch einen geschulten Blick in den Himmel gemacht wurden, die man aber nicht mehr missen möchte. Ob sie viel besser sind als früher, lasse ich an dieser Stelle einmal offen.

Ein anderes Beispiel sind Telefonnummern. Während ich vor 20 Jahren noch viele Telefonnummern auswendig wählen konnte, kann ich heute kaum meine eigene nennen, wenn ich sie irgendwo spontan angeben soll. Ich behaupte, dass es eine Entlastung des Gehirns ist, sich nicht mehr mit diesen an sich belanglosen Dingen beschäftigen zu müssen, aber etwas peinlich ist es mir schon, wenn ich meine eigene Nummer im Handy nachsehen muss.

Am Wochenende bin ich in einem Auto mit zuschaltbarem automatischen Abstandshalter zum vorausfahrenden Fahrzeug unterwegs gewesen. Schon schick, wie er auf der Autobahn den Abstand zum vorderen Wagen hält und sogar in der Stadt an einer roten Ampel anhält, wenn es der vor mir tut. Es beschleicht mich aber das Gefühl, dass ich mich daran gewöhnen würde und es rumsen könnte, wenn ich vergesse, die Automatik einzuschalten oder in einem anderen Auto unterwegs bin. Wahrscheinlich ist alles wieder eine Frage der Gewohnheit und letztlich besser, als wenn nur ich den Abstand halten oder anhalten soll.

Missen möchte ich alle diese Errungenschaften der neuen und digitalen Welt nicht, aber ein wenig Wehmut an die Zeit der geschulten Sinne bleibt.