Legalisierung

Warum für viele Amerikaner Cannabis bald legal sein könnte

Am 8. November geht es nicht nur um einen neuen Präsidenten. Neun US-Bundesstaaten entscheiden über die Legalisierung von Marihuana.

In New York wird Marihuana hauptstächlich zu medizinischen Zwecken angebaut. In anderen US-Bundesstaaten hat sich bereits eine richtige Wirtschaft um das Produkt entwickelt.

In New York wird Marihuana hauptstächlich zu medizinischen Zwecken angebaut. In anderen US-Bundesstaaten hat sich bereits eine richtige Wirtschaft um das Produkt entwickelt.

Foto: Getty Images / Getty Images News/Getty Images

Washington.  Egal, ob Donald Trump oder Hillary Clinton demnächst im Weißen Haus sitzt: Das Volk, das sie regieren, wird möglicherweise so relaxt sein wie selten zuvor. Neun Bundesstaaten entscheiden am 8. November neben der Präsidentenfrage in Volksabstimmungen über die weitere Legalisierung von Marihuana als Genussmittel oder Medikament.

Weil Umfragen zeigen, dass inzwischen 60 Prozent der Amerikaner das noch immer bundesweit geltende Cannabis-Verbot für überholt halten, vor zehn Jahren waren es nur 32 Prozent, gehen die Befürworter von einer „riesigen Schubwirkung“ für das Geschäft mit dem „grünen Gold“ aus.

Wirtschaftsexperten sehen riesigen Markt

Marktanalysten sagen voraus, dass der Umsatz mit Joints und „Edibles“, essbaren High-Machern wie Schokoriegeln oder Kuchen, von heute 5,5 Milliarden Dollar bis Ende des Jahrzehnts auf 23 Milliarden Dollar wachsen wird. Investoren winken gewaltige Gewinnen, der Fiskus kann sich über zusätzliche Steuereinnahmen freuen.

Bisher haben nur die Bundesstaaten Washington, Oregon, Alaska und Colorado sowie die Hauptstadt Washington DC die Droge unter strikten Auflagen als Genussmittel freigegeben. Privatleute dürfen selbst daheim anbauen und konsumieren. In 25 Bundesstaaten ist Marihuana als Schmerzlöser auf Rezept zugelassen. Teilweise schon seit 20 Jahren.

Die Augen sind vor allem auf Kalifornien gerichtet

Wie so oft sind die Augen vor dem Wahltag vor allem auf Kalifornien gerichtet. Vor sechs Jahren schrammte im bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat (40 Millionen Einwohner) der Antrag auf Entkriminalisierung von Kiffern und ihrer Ware an der Mehrheit vorbei. Diesmal werden der sogenannten Proposition 64 große Chancen auf Erfolg eingeräumt. „Es wird endlich Zeit“, schreibt die „Los Angeles Times“.

Sollten die Wähler an der Westküste grünes Licht geben, sagte Richard Baca dieser Zeitung, „dann ist der Zug in ganz Amerika nicht mehr aufzuhalten“. Der ausschließlich für Marihuana-Themen zuständige Zeitungsredakteur arbeitet für die „Denver Post“ in Colorado. Er gilt durch seine Internetseite www.thecannabist.co weltweit als In­stanz, seit der Bundesstaat in den Rocky Mountains am 1. Januar 2014 mit der Pionierarbeit begann: strikt kontrollierte Freigabe.

In Denver ist der Cannabisverkauf ein Touristenmagnet

Im Großraum Denver hat sich in nicht einmal 24 Monaten eine hoch diversifizierte Industrie mit Tausenden Arbeitsplätzen entwickelt, die vom Marihuana-Anbau über den Verkauf in lizensierten Läden bis hin zum touristischen Lifestyle-Produkt (Kiffer-Touren mit Chauffeur in Luxuslimousinen) die komplette Verwertungskette abdeckt. Als Hindernis steht nach wie vor das auf Bundesebene geltende Cannabis-Verbot im Raum. Es lässt Banken bei der Kreditvergabe zögern.

Investoren, „Ganjapreneure“ genannt, stehen unter latentem Geldwäsche-Verdacht. Weil Marihuana-Unternehmer lange Zeit in Colorado keine Konten eröffnen konnten, wurden sämtliche Geschäfte in bar abgewickelt. Julie Dooley, dreifache Mutter und Herstellerin von Öko-Schokokuchen, Müsliriegeln und Butter mit dem Cannabis-Wirkstoff THC, hat darum in ihrem Betrieb in Denver inzwischen „den zweiten großen Tresor stehen“.

Auch Staaten profitieren vom Verkauf

Allein 2015 wurde in Colorado nach offiziellen Angaben der Finanzbehörden eine Milliarde Dollar mit Marihuana-Produkten umgesetzt. Für den Fiskus fielen dabei Steuereinnahmen von rund 120 Millionen Dollar ab. Ein großer Teil davon fließt gesetzlich zweckgebunden in die Ertüchtigung der teils maroden Schullandschaft. Für 2016 wird mit Umsätzen von 1,5 Milliarden Dollar gerechnet.

Richard Baca ist sich sicher: „Weil sich die schlimmsten Befürchtungen, mehr Kriminalität, mehr Opfer, mehr Überdosierungen, mehr Abhängige, nicht bewahrheitet haben, haben die Menschen in anderen Bundesstaaten die Angst vor einer Legalisierung schleichend verloren.“ Vor allem Jüngere sind mit dem auf Bundesebene geltenden Verbot nicht einverstanden. In der Altersklasse 18 bis 29 sind 70 Prozent der Amerikaner für eine Freigabe.

Für Konservative ein Sündenfall

Neben Kalifornien steht am 8. November die Legalisierung von Marihuana als Genussmittel auch noch in Arizona und Nevada sowie in den Ostküsten-Staaten Maine und Massachusetts auf dem Stimmzettel. Befürworter haben fast in allen betreffenden Staaten in Umfragen leicht die Nase vorn. Konservative Kritiker wollen dagegen den „Sündenfall“ nicht zulassen und mobilisieren im Internet wie in Zeitungsanzeigen. Wähler in Arkansas, Florida, Montana und North Dakota entscheiden über die Frage, ob in ihren Staaten Kiffen auf Krankenschein erlaubt sein soll; etwa bei Krebs oder chronischen Gelenkschmerzen.

Sollten alle neun Bundesstaaten den Weg für eine Liberalisierung freimachen, wäre Marihuana in den USA de facto für fast ein Viertel der Bevölkerung legal. Eine Marktaussicht, die vom Alt-Hippie bis zum Wagniskapitalisten immer mehr Interessenten anzieht. Inzwischen gibt es einen Aktienindex für die Branche. Im MJIC (Marihuana Index Global Composite) sind Firmen aufgeführt, die vor allem mit Therapiemitteln auf Marihuana-Basis punkten wollen. Zu den bekanntesten Investoren gehört der Hip-Hop-Star Snoop Dogg, der von sich behauptet, täglich 80-mal den Joint kreisen zu lassen. Eine Firma aus ­Seattle, an der der bekannte Milliardär und Donald-Trump-Unterstützer Peter Thiel beteiligt ist, hat sich mit dem Anhang der jamaikanischen Reggae-Legende Bob Marley zusammengeschlossen. Auch der frühere Gouverneur von New Mexico und jetzige (chancenlose) Präsidentschaftskandidat Gary Johnson verdient in der Cannabis-Branche sein Geld.