Politik

Wie man ein guter deutscher Bürger wird

Viele Briten wollen sich nach dem Brexit einbürgern lassen. Auch unsere Kolumnistin. Sie schildert ihre Erfahrungen

Foto: dpa

„Woher kommen Sie?“, wurde ich neulich gefragt, kurz bevor ich die 33 Fragen meines Einbürgerungstestes beantworten wollte. „Aus Brexitland“, sagte ein schlagfertiger Engländer, einer von insgesamt sechs Briten in dem Zimmer. So viele Briten bei einem Test hatte die Aufsichtsfrau noch nie gesehen. Einer der Männer, angestellt bei einem Bestattungsinstitut, ist seit 28 Jahren in Deutschland, ein anderer, der bei der Post arbeitet, seit 37 Jahren. Eine Freundin von mir, die ich zufällig im Prüfungszimmer traf, ist seit Jahren Lehrerin an einer internationalen Schule. Und ich bin mittlerweile seit mehr als zehn Jahren als Korrespondentin hier. Für uns alle war es eine natürliche, unumgängliche Entscheidung, uns um die deutsche Staatsbürgerschaft zu bemühen. Aber ein mulmiges Gefühl hatte ich auch, wie im Wartezimmer des Zahnarztes.

„Sind Sie alle wegen des Brexit da?“, fragte die Aufsicht. „Ja“, antworteten wir alle simultan, aus einer Mischung von Verwirrung und Verschämtheit schmunzelnd. Nur wegen einer einzigen Entscheidung, weil 51 Prozent unserer Landsleute für einen Brexit gestimmt hatten, waren wir da. Bislang waren wir sehr glücklich, Engländer in Deutschland zu sein. Jetzt aber stehen wir kurz davor, das zu verlieren, woran wir stark geglaubt haben – den Zusammenhalt Europas.

In Deutschland darf man mehrere Ehepartner gleichzeitig haben?

Wie merkwürdig es sich anfühlte, dazusitzen und für die nächste halbe Stunde Fragen beantworten zu müssen, die beweisen würden, ob wir gute, aufrichtige deutsche Bürger sein könnten. Unter anderem wurde gefragt: Sie haben in Deutschland absichtlich einen Brief geöffnet, der an eine andere Person adressiert ist. Was haben Sie nicht beachtet? Aus welchem Land kamen die ersten Gastarbeiter/Gastarbeiterinnen nach Deutschland? Oder: In Deutschland darf man mehrere Ehepartner/Ehepartnerinnen gleichzeitig haben?

Meine Identität ist gerade auf dem Prüfstand. Inwieweit ich mich deutsch „fühle“, das kann ich noch nicht sagen. Aber soll ich nicht versuchen, so deutsch wie möglich zu sein, um würdig für die Staatsbürgerschaft zu sein? Und soll ich wiederum versuchen, ein bisschen weniger „britisch“ zu sein – mehr Kaffee statt Tee mit Milch zu trinken, weniger schwarzen Humor anzuwenden? Meine Tendenz zum „Understatement“ herunterzuspielen?

"Oh, you're so German!", sagt mir meine Mutter

Deutsche bin ich sowieso über die Jahren immer mehr geworden. Seit Langem gehe ich nur über grüne Ampeln. In Großbritannien ist das anders. Hier habe ich Pünktlichkeit gelernt, aber auch dass man mal eine Viertelstunde verspätet sein darf. Ich kann auch sehr direkt sein – zum Entsetzen meiner eher zugeknöpften britischen Familie. „Oh, you’re so German!“ (Du bist so deutsch), sagt mir meine Mutter nicht selten.

Ich liebe Strandkörbe, Rainer Maria Rilke und Hefeweizen. Selbst Saumagen habe ich probiert, um mein Kulturverständnis für mein Adoptivland zu vertiefen. Ein Rätsel ist für mich, wie es möglich ist, dass so ein talentiertes Volk wie die Deutschen mit so viel Geld ein so qualitativ schlechtes Fernsehangebot genießt und es noch akzeptiert. Verrückt werde ich vom Steuersystem und von Rechnungen der Deutschen Telekom, die in einem Pseudo-Englisch geschrieben sind, das ich nicht verstehen kann. Aber ich liebe die politischen und kulturellen Diskussionen, die man hier führen kann, ohne das Gefühl zu haben, man ist hochnäsig oder intellektuell überlegen, wie ich das oft in meiner Heimat empfinde.

Lachen könnte man hier öfter. Manchmal erstaunt es mich, wie schwierig es manche Menschen finden, einem Fremden ein freundliches Lächeln zu schenken. Ich habe gelernt, beim Begrüßen „to take the bull by the horns“ – den Stier bei den Hörnen packen – und Menschen einfach so mit einem Lächeln zu begrüßen. Vor allem, wenn jemand besonders unglücklich aussieht. Manche schauen mich dann an, als ob ich entgleist bin. Eher entkoppelt, würde ich sagen. Wie wenn man in der Bahn sitzt und die Durchsage kommt „Dieser Zug wird bald entkoppelt. Die zwei eigenständigen Teile werden in verschiedene Richtungen weiterfahren“, und man muss aufpassen, dass man im richtigen Teil sitzt.

Kate Connolly ist Korrespondentin vom "The Guardian & The Observer" in Berlin.