Politik

Von der Demokratisierung des Wissens

Die Bauakademie von Karl Friedrich Schinkel, die Digitalisierung und eine Vision für eine Architektur-Denkfabrik

Berlin ist im ständigen Werden begriffen. Freie Plätze, Attrappen und Visionen gehören dazu: Der Potsdamer Platz erstand vor nicht allzu langer Zeit auf einem ehemaligen Todesstreifen, das Schloss in Berlins Mitte war über viele Jahre eine höchst umstrittene Vision – jetzt ist es neu erstanden und wird bald als Humboldt Forum seiner Bestimmung an der Schnittstelle zwischen Museen, Wissenschaft und Öffentlichkeit übergeben werden. Gleich nebenan gibt es einen kleineren, doch nicht minder zu Visionen inspirierenden Ort: Karl Friedrich Schinkels Bauakademie, die noch als Attrappe aus Stahlgerüst und Plastikplanen auf ihr Erwachen aus dem Dornröschenschlaf wartet. Erst kürzlich rüttelte Hermann Parzinger an diesem Schlaf und stieß eine öffentliche Debatte um die Nutzung dieses künftigen Gebäudes an. Von Vollendung der Mitte und Errichtung eines Architekturmuseums war die Rede.

Doch geht es nicht einfach nur um die Wiederherstellung eines Gebäudes. Es muss eine inhaltliche Vision für diesen Ort gefunden werden. Verstreut über die Stadt lagern in Depots, Museen und Galerien wahre Schätze der Architekturgeschichte. Allein das Architekturmuseum der TU Berlin, das seine Wurzeln in eben dieser Bauakademie hat und die älteste Einrichtung seiner Art in Europa ist, beherbergt mehr als 180.000 Zeichnungen, Fotografien, Modelle und Musterbücher.

Hinzu kommen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Akademie der Künste, der Berlinischen Galerie und anderer. Mit diesen Beständen, mit ihren Kuratoren und Museumsleitern und mit diesem unfertigen Ort lässt sich vortrefflich eine Vision gestalten – eine Vision für eine Architektur-Denkfabrik. Die Sammlungen müssen nicht aus ihren angestammten Häusern entrissen und an dem neuen Ort zusammenführt werden. Es sollten vielmehr Synergien gefunden werden, bei denen das Ergebnis größer ist als die Summe ihrer Einzelteile.

Den Schlüssel dafür sehe ich auch hier in der Digitalisierung. Als eines der ersten Museen weltweit hat das TU-Architekturmuseum Anfang des Jahrtausends begonnen, seine gesamten Bestände bildlich zu digitalisieren und online zu stellen. 15 Jahre später gab das Museum – wiederum mit als Erstes – große Teile der digitalen Daten frei. So stehen nun 77.730 Werke zum persönlichen Gebrauch zur Verfügung. Und die urheberrechtlich geschützten 57.255 Werke kann man über eine digitale Voransicht anschauen. Seit Februar 2016 wird auch die Theaterbausammlung der TU Berlin digitalisiert. Das sind Planmappen mit 319 Theaterbauten, mehr als 600 Glasplatten-Negative in verschiedenen Formaten, 44 Aktenordner mit Lehrmaterial aus den 50er- und 60er-Jahren sowie Mappen mit historischen Bühnenbildzeichnungen.

Schon diese Beispiele lassen die Dimensionen und die Möglichkeiten erahnen, wie man mit historischen Architekturzeugnissen umgehen kann. Ein konkretes Beispiel dafür war eine Ausstellung just in der Bauakademie zum Wettbewerb zur Museumsinsel aus den Jahren 1883/84. Umgesetzt hatte die Ausstellung die TU-Kunsthistorikerin und Leibniz-Preisträgerin Bénédicte Savoy mit ihren Studierenden und dem Leiter des TU-Architekturmuseums, Hans-Dieter Nägelke. Alle ausgestellten Pläne waren hochwertige Digitalausdrucke, sie standen unproblematisch allen Studierenden für ihre Arbeiten zur Verfügung.

Welch ein Unterschied zu früher, als nur privilegierte Personen überhaupt Zutritt zu den Werken hatten, geschweige denn sie anfassen und in Arbeitsgruppen bearbeiten konnten. Mit dieser Demokratisierung des Wissens entstehen neue Perspektiven der Teilhabe an Geschichte, der Diskussion über unsere Städte und der Beteiligung an künftigen Planungen. Es gibt wohl kaum bessere Aufgaben für die neue Architektur-Denkfabrik. Schinkel hätte sicherlich seine Freude daran.