Politik

Gut und glücklich

Die Festnahme des Bombenbastlers von Chemnitz war dramatisch, macht aber Mut

Wenn sogar ein besonnener Mann wie Innenminister Thomas de Maizière (CDU) die Parallele zu den Anschlägen von Brüssel und Paris zieht, ahnt man: Deutschland ist mit der Festnahme von Dschaber al-Bakr knapp einer schweren Terrorattacke entgangen. Zum einen kann der Sprengstoff, der beim Syrer in Chemnitz gefunden worden ist – TATP – eine verheerende Wirkung entfalten. Zum anderen sind die 1,5 Kilogramm, von denen die Rede ist, wahrlich eine beachtliche Menge.

Wir haben Glück gehabt, großes Glück. Man kann gut nachempfinden, warum die sächsische Polizei twitterte, wie „überglücklich“ sie sei. Ihren Beamten fällt ein Steinbruch vom Herzen, nachdem der Terrorverdächtige von Chemnitz gefasst worden ist. Sie hatten den Syrer entkommen lassen und zwei Tage lang nicht fassen können. Dabei hatte es der Bombenbastler auf der Flucht nicht weit gebracht, gerade mal 90 Kilometer bis Leipzig. Es muss der Polizei zu denken geben, dass er von ihrem Radarschirm verschwand, obwohl er den Freistaat nicht einmal verlassen hatte.

Wie der gefährliche Mann gefasst wurde, ist nicht das Ergebnis von detektivischem Spürsinn. Es ist der Hilfe von Bürgern zu verdanken, genauer: von anderen Flüchtlingen, von Syrern, Landsleuten, eine buchstäblich fesselnde Geschichte.

Wäre der Ausgang der Story einem Drehbuchautor eingefallen, hätte man ihn als allzu kitschiges Happy End abgelehnt: Landsleute halten den Syrer fest und übergeben ihn der Polizei. Verdächtiger gefasst, Anschlag verhindert, Flüchtlinge per se wieder ins rechte Licht gerückt – das Gute siegt.

Die Geheimdienste haben nach allem, was man weiß, gut funktioniert. Sie sind in diesem Fall ihrer Rolle als Frühwarnsystem gerecht geworden. Bei der sächsischen Polizei hingegen lief nicht alles optimal. Da war viel Pech im Spiel. Der Fahndungserfolg, der sich hinterher einstellte, unterdrückt vieles, auch Zweifel.

Manches ist noch unklar, zum Beispiel, wo und wie sich der Mann radikalisiert hat, ebenso die Frage, ob er ein Einzeltäter ist oder Teil eines Netzwerkes war. Ist seine Identität überhaupt geklärt? Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise sind viele Menschen mit falschen Pässen nach Deutschland gekommen, schon aus Opportunitätsgründen. Schließlich hatte sich herumgesprochen, dass Syrer beste Anerkennungschancen haben. Bayern hat nach Stichproben öffentlich den Verdacht geäußert, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Pässe nicht genau genug überprüft. Man ahnt, unter welchem Druck die Behörde steht, die Verfahren zu beschleunigen. Aber auch für die Registrierung muss gelten: Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit. Nach dem Chemnitzer Fall werden die Rufe lauter werden, die Zuwanderer strenger und lückenlos unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit zu überprüfen.

Al-Bakr kam im Frühjahr 2015, sein Komplize im November desselben Jahres. Es sind die ersten spektakulären Verdächtigen, die im Zuge der überstürzten Flüchtlingspolitik von Angela Merkel nach Deutschland kamen. Damals sind erschreckend viele Menschen nicht, zu spät oder nachlässig registriert worden.

Der Kontrollverlust rächt sich bis heute. Man geht von 500 Gefährdern und 400 Unterstützern aus. Das Risiko eines Terroranschlags durch Scheinflüchtlinge ist ein Damoklesschwert, das über uns allen und Merkels Regierung schwebt. Die Syrer, die ihren Landsmann in Leipzig stellten, haben der Polizei und nicht zuletzt der Wir-schaffen-das-Kanzlerin einen Dienst erwiesen. Angela Merkel hat genau gewusst, bei wem sie sich am Montag zu bedanken hatte. Seite 3 Berichte