Washington

Trump vergrätzt Frauen, Latinos und Schwarze

Nach dem Sexismus-Video: Bei wichtigen Wählergruppen droht der Republikaner noch deutlicher in Rückstand zu geraten

Washington. Das Gemetzel ist vorbei. Jetzt beugen sich wieder die Analysten über das Schlachtfeld, das Donald Trump und Hillary Clinton hinterlassen haben. Nach der zweiten Fernseh-Debatte im US-Präsidentschaftswahlkampf, die wüster und bösartiger denn je geriet, steht eine Frage im Mittelpunkt: Hat der Republikaner noch eine Siegchance – nach seiner Pleite im ersten Aufeinandertreffen, der eine üppige Pannenserie, das landesweit für Empörung sorgende Sex-Skandal-Video und der daraus resultierende Liebesentzug durch Dutzende konservative Partei-Prominente folgte? Und: Hat Trump die Talfahrt bei zentralen Wählergruppen wie Latinos, Frauen, Afro-Amerikanern und Parteiunabhängigen gestoppt?

Der Trend sagt: nein. Erste Schnellschuss-Umfragen nach dem zweiten Duell in St. Louis ergaben, dass 57 Prozent Clinton als Siegerin sahen, Trump nur 34 Prozent. Wie aussagekräftig das ist, wird sich nach Einschätzung von Nate Silver vom Blog „FiveThirtyEight“ erst in den nächsten Tagen zeigen. Bereits vor dem ersten Schlagabtausch hatte er Clintons Siegchancen auf 80 Prozent hochgeschraubt. Das war noch vor Bekanntwerden des Sex-Videos („Greif ihnen zwischen die Beine“), das in den US-Medien und in sozialen Netzwerken das mit Abstand größte Wahlkampfthema geworden ist.

60 Millionen Latinos – das ist die größte Minderheit

Bereits vorher hatte Clinton in Umfragen bei Frauen, die mit 52 Prozent den größten Wählerblock stellen, Vorsprünge bis zu 45 Prozent. Erste Reaktionen weiblicher Wähler auf Trumps Entschuldigungsversuch in der von gegenseitigen Vorwürfen geprägten Debatte sprechen für eine weitere Distanzierung. Danach glauben fast 65 Prozent der Wählerinnen, dass der Milliardär „keinen Respekt vor Frauen hat“.

Trumps Bemühungen, Hillary Clinton für angebliche außereheliche Verfehlungen ihres Mannes Bill haftbar zu machen und sie als Frauenfeindin zu dämonisieren, kamen laut Umfragen des Senders CNN in weiblichen Wählerschichten ebenfalls „überhaupt nicht gut an“. Das gilt auch für die Attacken, die Trump gegen Clinton ritt, als es um die E-Mail-Affäre in ihrer Zeit als Außenministerin ging. Als Trump vor laufender Kamera ankündigte, Clinton deswegen ins Gefängnis werfen zu lassen, falls er Präsident würde, gingen Schockwellen durch weite Teile des Publikums. „Hat der Mann bei Stalin abgeschrieben?“, fragte eine Kommentatorin. Zwischenfazit: Die Frauen scheinen bei der Wahl für Trump so gut wie verloren. Was wichtig ist, weil sie zusammen mit Afro-Amerikanern und Latinos (Gruppen, die Trump auch in St. Louis wieder mit Stereotypen vergrätzt hat) zum wachsenden Teil der Gesellschaft zählen. Unter den rund 330 Millionen US-Amerikanern sind die Latinos mit knapp 60 Millionen die größte Minderheit. Dahinter kommen mit rund 40 Millionen die Afro-Amerikaner. Der klassische Trump-Anhänger – männlich, weiß, unterdurchschnittlich gebildet, älter als 55 Jahre – gehört zur aussterbenden Art. Wie übersetzt sich diese Diskrepanz in die entscheidende Währung bei der Präsidentschaftswahl – die Zahl der Wahlmännerstimmen? Und wie ist die Lage in den „Swing-States“, den Bundesstaaten also, die mal demokratisch, mal republikanisch wählen und das Zünglein an der Waage spielen? Im Wahlmännergremium, das am 19. Dezember auf Grundlage der Abstimmung vom 8. November den Präsidenten wählt, ist 270 die magische Zahl. Nimmt man die Wahlmänner der Bundesstaaten zusammen, die sich in den letzten sechs Präsidentschaftswahlen konstant als sichere Bank für die beiden Parteien erwiesen haben, kämen die Demokraten Stand heute in vier Wochen auf 242, die Konservativen auf 102 Stimmen.

Heißt: Clinton hat zahlreiche Optionen, die Lücke zu schließen. Trump dagegen darf sich keine Ausreißer erlauben und muss vor allem in den Bundesstaaten Florida, North Carolina, Pennsylvania und Ohio punkten. Aussichten? Mäßig. In Florida, wegen seines hohen Anteils an Wählern lateinamerikanischer Herkunft wichtig, hatte Clinton vor der zweiten Debatte und vor dem Sex-Video-Skandal binnen zwei Wochen einen fast zweistelligen Rückstand auf Trump in einen Fünf-Prozent-Vorsprung umwandeln können. Florida entsendet 29 Wahlmänner in das „electoral college“ und kann damit wahlentscheidend sein.

In Ohio dagegen lag Clinton Ende vergangener Woche nach Erhebungen des als seriös geltenden Quinnipiac-Instituts fünf Prozentpunkte hinter Trump, der dort bei enttäuschten Wählern aus der alten Industriearbeiterschaft punktet. In Pennsylvania (plus vier Prozent) und North Carolina (plus drei Prozent) hatte die Demokratin leicht die Nase vorn. Zwischenfazit mit aller Vorsicht: Es sieht ungünstig aus für Trump. Seit 1960 ist kein US-Präsident gewählt worden, der aus dem Dreigestirn Florida, Ohio und Pennsylvania nicht mindestens zwei Bundesstaaten gewonnen hat.

Aber es gibt eine große Unbekannte: Sieben von zehn Wählern sind unzufrieden mit der Richtung, die Amerika unter der Regierung Obama genommen hat. Clinton gilt ihnen als verlängerter Arm. Trump dagegen wird als Garant für Wechsel wahrgenommen.

Wahlforscher schließen nicht aus, dass viele Trump wählen, es aber in Befragungen verheimlichen. Man spricht von einem „Schweige-Kartell“. Angesichts einer niedrigen Wahlbeteiligung – 2012 machten nur 53,6 Prozent der Amerikaner von ihrem Grundrecht Gebrauch – kann sich also eine Überraschung ergeben. Nämlich dann, wenn Donald Trump Millionen von Nichtwählern in einer Trotzreaktion an die Urnen lockt.