Politik

Mehr Geld für Frauen

Das Gesetz zur gleichen Bezahlung ist überfällig und wird Folgen haben

Es gibt viele Erklärungsansätze, wenn es um die Ursache für die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern, die sogenannte Lohnlücke, geht. Frauen wählen den falschen Beruf, sie arbeiten zu oft Teilzeit, sind zu schüchtern gegenüber ihren Chefs. Das schnelle Fazit, das sich daraus ableiten lässt: Frauen sind selbst schuld, wenn sie im Durchschnitt 21 Prozent weniger verdienen als Männer.

Was soll daran ein Entgeltgleichheitsgesetz ändern, zu dem sich jetzt die Berliner Koalition durchgerungen hat? Ein Gesetz, von dem Kritiker sagen, es sei nicht mehr als ein Placebo? Reicht es nicht aus, wenn Frauen einfach weniger Teilzeit arbeiten, typische Männerberufe ergreifen und fordernder auftreten? So einfach ist es leider nicht. Auch wenn Frauen alles richtig machen, wenn sie immer Vollzeit arbeiten, zu ihrem Chef rennen und forsch an ihrer Karriere planen, bleibt eine nicht wegzudiskutierende Gehaltslücke von knapp sieben Prozent zum männlichen Kollegen.

Es ist wohl tatsächlich so, dass Frauen im Berufsleben benachteiligt werden. So erzählen Frauen immer noch Geschichten vom Medizinprofessor, der einer jungen, talentierten Ärztin erklärt, sie solle sich einen anderen Doktorvater suchen. Bei ihm würden Frauen nichts. Oder vom altväterlichen Chef eines Konzerns, der unter vier Augen sagt, der Ehemann verdiene ja ordentlich, da brauche es keine Gehaltserhöhung.

An dieser Haltung kann die richtige Berufswahl auch nichts ändern. Im Gegenteil: Wenn mehr Frauen in typische Männerberufe eindringen, sinkt insgesamt das Lohnniveau der Branche. So sind bei den Juristen und Medizinern, im Bäckerhandwerk und der Gastronomie die Frauen auf dem Vormarsch. Ein positiver Trend – wäre da nicht die Bezahlung. Wie Studien zeigen, ist das Gehalt in diesen früher von Männern dominierten Berufsgruppen eher gesunken.

Was für eine Haltung bloß steckt dahinter? Ist die Arbeit von Frauen weniger wert? Brauchen sie nicht so viel Geld, weil der Mann ja verdient? Leisten sie weniger, weil ihnen unterstellt wird, sie hätten den Haushalt am Hals und müssten zum Elternabend gehen?

Den Verdacht der Diskriminierung könnten Arbeitgeber aus der Welt schaffen, wenn sie offen auf das Entgeltgleichheitsgesetz reagieren würden. Doch gerade die Industrie- und Arbeitgeberverbände, vor allem, wenn sie Männerberufe repräsentieren, wettern gegen das Gesetz. Und auch der Wirtschaftsflügel der Union, der sich mit der Frauenquote in Aufsichtsräten schwer tut, fürchtet zu viel Bürokratie für den Mittelstand.

Dabei geht es nur um ein wenig mehr Transparenz in den Betrieben, um ein vorsichtiges Auflösen eines Tabuthemas – die Höhe der Löhne und Gehälter.

Frauen, die nach den Durchschnittslöhnen fragen, eine ehrliche Antwort zu geben – das kann doch kein so schwerwiegender bürokratischer Aufwand sein, wie Arbeitgeber und der Wirtschaftsflügel der Union behaupten. Vielmehr sollte sich ein Chef selbst die Frage stellen, ob die Lohnentwicklung der Mitarbeiter gerecht ist. Wer mehr leistet, wer Verantwortung übernimmt und überdurchschnittliches Engagement zeigt, sollte dafür wertgeschätzt werden.

Das neue Gesetz ist löblich, doch wird es kaum ausreichen, um in absehbarer Zeit die Lohnlücke zu schließen. Womöglich ist es tatsächlich nur ein Placebo. Doch die Medizingeschichte beweist, dass Scheinmedikamente eine erstaunliche Wirkung haben können.

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