Politik

Der Drachentöter

Wenn Väter mit ihren Söhnen im Herbst einen selbstgebauten Drachen in den Himmel steigen lassen wollen

Wir sind eine biorhythmische Familie, die im Einklang mit den Jahreszeiten lebt. Im Frühjahr wird Hausputz gemacht, wobei die Jungs immer wieder gern zugucken. Im Sommer bieten wir unsere Körper den Mücken an. Und im Herbst lassen wir Drachen steigen, weil die Menschen das schon immer gemacht haben. Außerdem kann man ein Foto mit Kind und Drachen auf Facebook posten, das Vater-Sohn-Glück suggeriert. Deswegen basteln wir, also ich, den Drachen natürlich selbst. Während Hans im Fernsehen eine Teenager-Serie guckt, sitze ich am Wohnzimmertisch und fluche leise. Für den Rahmen habe ich aerodynamisches Leichtholz gekauft. Leider sägt das Küchenmesser nicht gut. Und die Klebe klebt nicht. Früher war mehr Chemie im Leim. Das Paradox des ökologischen Zeitalters: Was gesund ist, hält nicht. Zum Stabilisieren ziehe ich mehrere Lagen Pergamentpapier über die Holzlatten. Den Otto-Lilienthal-Preis für Aerodynamik gewinne ich damit nicht. Hans rollt sich missmutig vom Sofa. Er soll die lustigen Papierschleifen an die Schnur kleben und ein Clownsgesicht auf das viellagige Papier malen. Der Kleine tackert die Schleifen mit so vielen Klammern an die Schnur, dass die Flugfähigkeit endgültig dahin ist. Ich mache ein Facebook-Foto, das Bastelglück vortäuscht, nachdem ich den Tacker aus und die Öko-Klebe ins Bild gerückt habe. Die Chefin fragt, wann wir den richtigen Drachen bauen.

Grundsatzfrage: Sollen wir mit unserem Holz-Papier-Tacker-Klebe-Fragment in den Wettbewerb auf dem Drachenberg ziehen, wenn andere Väter garantiert in Hochleistungsfluggeräte investiert haben? Wir würden zwar die moralische Überlegenheit des Selbstgebauten genießen, uns aber zugleich für ein fluguntaugliches Gerät schämen. Dann doch lieber ins Fachgeschäft. Ich hatte mit zehn, maximal 20 Euro gerechnet. Während ich mir die schlichten Modelle in der Schnäppchenecke schöndenke, hat Hans einen Doppeldecker mit zwei Leinen aus dem Regal gekramt, Kostenpunkt: ein Cabrio-Wochenende mit der Chefin. Man müsse Handschuhe tragen, weil der Zug immens sei, sagt der listige Fachverkäufer. Hans nickt begeistert. Vati im Kampf mit zwei Quadratmetern Segelfläche plus der Aussicht, dass ich weggeschleift werde – da lacht der Junge. Zwei Dutzend weitere Väter pendeln zwischen Billigdrachen und Turboflieger. Wer erst zu billigen Ausreden und dann zum Schnäppchen-Drachen greift, der liebt sein Kind nicht richtig.

Der Sonnabend ist nieselig und windstill. Die Chefin sagt, Hans möge mich begleiten, um mir eine Freude zu machen. Oben auf dem Schuttberg spielen Horden von Vätern Familienglück. Die Kinder starren in ihre Smartphones. Drei Drachen in der Luft, etwa vier Dutzend am Boden. Ermattete Väter, die mangelnden Wind durch Sprints auszugleichen versuchen. Immer dasselbe Drama: Kinder halten Drachen, Vater tritt an, Leine ruckt, Drachen fliegt einen hektischen Salto, knallt in den Boden, kostbare Karbonstreben bersten. Wer ist eher kaputt: Vati oder Drachen? Mehrere Leinen bilden ein Spinnennetz und sorgen für neue Bekanntschaften. Erst mal ein Foto für Facebook: Hans mit Drachen und wenigen Metern unverknoteter Leine. Die Botschaft an die Welt: Top-Daddy.

„Los Papa, laufen“, sagt Hans. Ich warte noch. Bevor ich mich zum Lappen mache, analysiere ich die Fehler der anderen. Wir müssen eine Brise abwarten, sage ich fachmännisch. Aber es kommt keine. Früher war mehr Herbst. Elender Klimawandel. Ich sprinte zweimal lustlos bis zum Karbonknirschen. Der Turbodrachen fliegt nicht so wie auf Youtube, sondern schlabbert wie ein Mumienschlafsack über den Boden. Die anderen Väter grinsen und machen Facebook-Fotos. Beim Abstieg sehen wir Jungs auf Skateboards, die den Berg hinabschießen. Das wolle er auch mal versuchen, sagt Hans, mit dem Drachen als Segel. Aber klar, mein Junge. Das werden großartige Facebook-Fotos.