Politik

Keine Zeit zum Ausruhen

Deutschland sollte stolz auf die boomende Wirtschaft sein. Und erst recht loslegen

Die Zahl ist ein Rekord und optisch eindrucksvoll: Der Umsatz deutscher Firmen im Ausland wird in diesem Jahr rund 1,22 Billionen Euro betragen, ein Plus von zwei Prozent.

Nur eine von vielen guten Nachrichten in der deutschen Wirtschaft. Boomende Industrie, volle Auftragsbücher, geringe Arbeitslosigkeit. Verbraucher, die kaufen und kaufen. Es geht der deutschen Wirtschaft gut. Richtig, richtig gut. Und das trotz einer Weltwirtschaft, die das Schwächeln der Wachstumslokomotiven China und USA verkraften muss.

Deutschlands Unternehmer können sehr zufrieden sein. Ihre Produkte sind nach wie vor in aller Welt gefragt. Deutsche Firmen werden als zuverlässige Partner geschätzt. Selbst wenn einer der Riesen strauchelt, wie etwa VW im Abgas-Skandal, wird Verantwortung übernommen.

Vor allem aber können die Arbeiter und Arbeitnehmer stolz sein. Sie tragen mit Fleiß, Effizienz, Einsatz, Flexibilität und einer Menge Überstunden zu diesem Erfolg entscheidend bei.

Kanzlerin Angela Merkel und ihr Vize Sigmar Gabriel können für ihre große Koalition aus Union und SPD in Anspruch nehmen, die Rahmenbedingungen richtig gesetzt zu haben. Mal außen vor gelassen, dass ihnen sprudelnde Steuereinnahmen dabei willkommene Hilfen sind.

Können sich Politik und Unternehmen nun zurücklehnen und die Hände in den Schoß legen? Die Antwort ist so eindeutig wie unabdingbar: nein, auf keinen Fall. Vielmehr müssen sich alle anstrengen, den Standard nicht nur zu halten, sondern zu verbessern.

Baustellen gibt es viele: der schlechte Ausbau mit Breitband in vielen ländlichen Regionen Deutschlands. Die Digitalisierung ist mancherorts so schlecht, dass Firmen bereits E-Mails mit einer etwas größeren Datenmenge nicht verschicken können. Ein Armutszeugnis für ein Hightech-Land.

Die maroden Brücken und Autobahnen, für die Lastwagenfahrer und Berufspendler weite Umwege oder Staus in Kauf nehmen müssen.

Die Energiewende, bei der Politik und Firmen den Schwarzen Peter hin- und herschieben und keiner so wirklich mutig und ohne Murren vorangeht.

Oder Deutschlands Schüler, die in maroden Schulgebäuden ihre gesamte Schulzeit verbringen müssen. Kein Erwachsener würde in diesen Bruchbuden geistige Höchstleistungen erbringen.

Eine öffentliche Hand, die weder personell noch strategisch in der Lage ist, Großprojekte erfolgreich und im Kostenrahmen zu planen und zu realisieren. Der Berliner Flughafen ist dafür ein trauriges Beispiel.

Es braucht einen Plan. Die Politik muss dringend damit beginnen, Investitionen in die Infrastruktur nicht nur in vielen Reden zu loben und zu preisen, sondern endlich auch zu tätigen. Die Gefahr ist groß, dass im Wahlkampf wieder Versprechen für eine bestimmte Klientel gemacht werden. Jede Partei für den Teil der Gesellschaft, der sie bitte wählen soll. Das bringt für die Zukunft des Landes gar nichts.

Und es braucht Unternehmer, die Stellen schaffen, in Standorte investieren und sich nicht auf guten Erträgen ausruhen. Unternehmen, die Neues ausprobieren und sich auch Arbeits(zeit)modellen nicht verschließen. Die ihre Mitarbeiter entsprechend ihrer Leistung auch gut entlohnen. Niemand darf glauben, dass im Zeitalter der digitalen Arbeit permanente Verbesserungen nicht mehr nötig sind. Es braucht ein ununterbrochenes An-sich-Arbeiten und den Willen, ständig hinzuzulernen. Sonst kann der Boom schnell vorbei sein.