Silvesternacht

Spätes Eingreifen begünstigte Kölner Silvester-Exzesse

Ein Gutachter hat Anzeigen aus der Kölner Silvesternacht ausgewertet. Demnach hätte die Polizei früher eingreifen sollen.

Poilizeiautos am Kölner Hauptbahnhof. Ein Untersuchungsausschuss des Landtags vernimmt derzeit Zeugen zu den Übergriffen.

Poilizeiautos am Kölner Hauptbahnhof. Ein Untersuchungsausschuss des Landtags vernimmt derzeit Zeugen zu den Übergriffen.

Foto: imago stock&people / imago/Winfried Rothermel

Düsseldorf.  Es sind Zeilen, aus denen die Ohnmacht spricht. „Wir baten einen Polizisten uns zu helfen, der meine Schwester anschrie, sie solle sofort zurück an den Rand gehen und schubste sie dorthin. Erneut wurde ich hinter mir von mehreren Händen angefasst, und im Gesäß und an den Gesäßtaschen meiner Hose befanden sich mehrere Hände.“

Oder: „Auf der Domplatte angekommen, wurden wir wirklich an allen Körperöffnungen unzählige Mal berührt. Die Männer griffen uns zwischen den Schritt, an den Po und an die Brüste.“ Oder: „Wir wurden an die Wand gedrückt und zwischen den Beinen, an den Brüsten und am Kopf betatscht. Einer dieser Männer fasste mir zwischen die Beine, leckte sich seine Finger danach ab und versuchte dann, mir diesen Finger in den Mund zu stecken.“

Gutachten wertet mehr als 1000 Strafanzeigen aus

Der Untersuchungsausschuss des Landtags zur Kölner Silvesternacht hat bislang in 46 Sitzungen mehr als 130 Zeugen vernommen. Wegen der laufenden Ermittlungen gab es bislang jedoch bei der parlamentarischen Aufarbeitung so gut wie kein Echo der überfallenen Frauen selbst. Ein Gutachten des Rechtspsychologen Rudolf Egg, der im Auftrag des Ausschusses mehr als 1000 Strafanzeigen ausgewertet hat, schenkt den Opfern nun erstmals öffentlich eine Stimme. Was der renommierte Wissenschaftler an Zitaten, Zahlen und Schlussfolgerungen zusammengetragen hat, macht die Schrecken der Nacht auch zehn Monate danach wieder beklemmend aktuell.

„Wir hatten von der Geschädigtenseite bislang keinen Zeugen gehabt. Das Gutachten sollte uns helfen, ein umfassenderes Bild zu bekommen“, sagte der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, Peter Biesenbach (CDU). Egg rechnet vor, dass fast 47 Prozent der angezeigten Taten Sexualdelikte waren. Fast 80 Prozent der Sexualdelikte wurden im Freien, also nicht im Kölner Hauptbahnhof begangen. Anders als lange angenommen, kam es bereits zwischen 20.30 und 23.34 Uhr zu mehr als einem Drittel aller Straftaten.

Räumung hatte keinen „präventiven Effekt“

Vor allem auffallend viele Sexualdelikte fielen in den eher frühen Bereich des Abends. In einen Zeitraum also, als die Kölner Polizei noch nicht wirklich handlungsfähig war. Die einschneidendste Sicherheitsmaßnahme der Nacht wiederum, die Räumung des Bahnhofvorplatzes gegen Mitternacht, erlebten viele Opfer als dramatische Verschärfung ihrer Notlage.

Die Räumung habe „offensichtlich keinen präventiven Effekt“ gehabt, erklärt der Gutachter. Die bedrängten Frauen fühlten sich gerade im Moment der Verdrängung durch die Polizeikette noch bedrohter: „Der Weg wurde ohne Ankündigung oder Hinweis abgesperrt. Wir wurden so arg zusammengequetscht, dass ich nicht mehr konnte“, zitiert Egg aus einer Anzeige.

Späte Räumung war wohl Fehler

Der stellvertretende Ausschussvorsitzende Martin Börschel (SPD) verwies zwar darauf, dass der Gutachter lediglich Strafanzeigen ausgewertet und Schlussfolgerungen gezogen habe, jedoch keine Ermittlungsergebnisse liefern könne. Es verdichteten sich gleichwohl die Hinweise, dass die späte Räumung des Bahnhofsvorplatzes und das Fehlen einer Polizei-Meldekette am früheren Abend entscheidende Fehler gewesen sein dürften, so Börschel.

Unklarheit herrscht weiterhin bei der Frage, wie es überhaupt in Nordrhein-Westfalens größter Stadt zu einer solchen Zusammenrottung von Hunderten Männern arabischer und nordafrikanischer Abstammung kommen konnte. Egg mutmaßt, dass es „im Vorfeld der Ereignisse irgendeine Form der Verabredung oder Absprache gegeben hat“, gemeinsam in Köln Silvester zu feiern. Bei der Mehrzahl der Teilnehmer sei dies jedoch nicht mit der festen Absicht zur Begehung von Straftaten verbunden gewesen.

Früheres Einschreiten der Polizei hätte helfen können

Als Erklärmöglichkeit für die Entfesselung des Mobs bietet der Wissenschaftler die amerikanische „Broken-Windows-Theorie“ an. Grob vereinfacht: Wenn Straftaten ohne Konsequenzen bleiben und sich in einer Gruppe das Gefühl der risikolosen Regellosigkeit ausbreitet, fallen alle Hemmungen. Zur Vermeidung dieses Sogeffekts wäre ein frühes und entschlossenes Einschreiten der Ordnungskräfte notwendig gewesen. In einer Anzeige liest sich das Gefühl des Ausgeliefertseins jedoch so: „Es war das nackte Chaos und 20 Schritte im Eingangsbereich standen seelenruhig zwei Polizisten.“