Politik

Der Schatten von Dresden

Sorgen und Ängste trüben die Stimmung der Feiern am Tag der Deutschen Einheit

Deutschland feiert an diesem Wochenende zum 26. Mal den Tag der Deutschen Einheit. Die einstige Euphorie über das Glück der Geschichte, die Spaltung des Landes friedlich überwunden zu haben, ist verflogen. Nach Nüchternheit angesichts überzogener Versprechungen und Erwartungen trüben Sorgen und Ängste die Feierlaune in diesem Jahr weiter. Dass die zentrale Feier in Dresden organisiert wird, weil Sachsen derzeit turnusmäßig die Präsidentschaft im Bundesrat inne hat, dämpft die doch eigentlich angesagte Freude weiter.

Ausgerechnet Dresden, ausgerechnet in dieser Stimmungslage. Die Stadt, die sich zu DDR-Zeiten rühmte, gesellschaftspolitisch nicht ganz im Sozialismus untergegangen zu sein und sich bürgerliche wie intellektuelle Tugenden bewahrt zu haben, die nach der Wende zumindest im Zentrum wieder in altem Glanz erstrahlt, gilt seit Monaten als Hort rechten Gedankenguts und Aktionismus. Eine Einschätzung, die viele Dresdner für ungerecht halten. Aber weder Pegida noch Fremdenfeindlichkeit, jüngst gar noch Bombenanschläge, lassen sich leugnen. Zumindest in diesem Jahr ist es vorbei mit der Fröhlichkeit, der Selbstsicherheit und der Zuversicht, die den Tag der wiedergewonnenen Einheit doch prägen sollten. Auch wenn an diesem verlängerten Wochenende Hunderttausende in Dresden – und nicht nur dort – feiern, wird die Unbeschwertheit fehlen, die über so viele Jahre die Stimmung am 3. Oktober dominierte.

Das allerdings hat mit Dresden nur bedingt zu tun. Obwohl sich die wirtschaftliche Lage im Lande – in den alten wie in den neuen Bundesländern – verglichen mit unseren europäischen Nachbarn sehen lassen kann, rumort es im ganzen Volke. Die Menschen haben zunehmend das Gefühl, begründet oder nur gefühlt, die Politik verliere die Kontrolle über die großen Probleme unserer Zeit. Ob Globalisierung, Europas Zukunft, Terrorismus, Integration der Flüchtlinge oder das Erstarken des Nationalismus und damit verbunden rechtsextremer politischer Kräfte – zu viele Bürger fühlen sich mit ihren Bedenken und Sorgen unverstanden und damit alleingelassen.

Gerade an einem Tag wie dem nationalen Feiertag gilt es zu mahnen, dass zur Freiheit mehr gehört als nur materielle Absicherung. Freiheit verlangt zugleich Verantwortung, Mitverantwortung eines jeden für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Dazu gehört auch die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten, Kompromisse zu akzeptieren und unterschiedliche Meinungen als Wesen einer demokratischen Gesellschaft zu tolerieren.

Diese Fähigkeit wird im Westen zunehmend wieder verlernt, im Osten ist sie in der Breite in den vergangenen 26 Jahren nur in Maßen erlernt worden. Die Regierungen wie alle politischen Parteien tragen dafür Mitverantwortung. Sie haben sich auf materielle Wohlfahrt konzentriert und dabei die Vermittlung von demokratischen Werten, von Orientierung und geistiger Führung vernachlässigt. Das rächt sich jetzt, da Populisten bis hin zu Rechtsextremisten in die Orientierungslücke bei viel zu vielen Menschen hineinstoßen, die die etablierten Parteien durch ihr ideelles Laisser-faire gerissen haben. In Dresden wie in ganz Sachsen kumuliert nur, was im ganzen Land gärt. Es ist ja kein Zufall, dass die AfD in Ost wie West punktet.

Das Umfeld dieses 3. Oktobers muss Anstoß geben zu einer gesellschaftlichen Debatte darüber, wo dieses Land steht, welche Werte es verkörpert, wohin es sich orientieren soll. Dazu gehört auch ein bisschen mehr Würdigung dessen, was die Deutschen seit der Wiedervereinigung gemeinsam erreicht haben. Seite 5