Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.

Der letzte Volksschauspieler

Es ist später Nachmittag, und die Sonne schiebt ihr letztes Licht in die Ackerstraße. Eine junge Frau versucht, ihr nölendes Kind zu beruhigen. Ein Mann im Anzug führt laut über sein Handy ein Geschäftsgespräch. Nur Walter Plathe sitzt stoisch vor der Nummer 149. Er wirkt wie ein König, der sein Reich ungerührt überblickt. So als hätte er alles schon mal gesehen und ließe jetzt alles geschehen. Er kennt diese Straße hier in Mitte ja sein Leben lang. „Das ist mein Kiez gewesen, hier bin ich groß geworden.“

Wir waren schon vor einer Woche verabredet. Dann hat ihn eine Erkältung erwischt, er musste absagen. Kuriert hat ihn ein altes Schauspieler-Rezept, sagt er – „Schnauze halten. Hinlegen. Im Bett bleiben“. Und so können wir heute spazieren gehen durch die Straße, die seine Heimat immer noch ist. Er zeigt mit dem Daumen hinter seine Schulter: „Dort war früher die Bäckerei Zobel. Da habe ich meine ersten Groschen verdient. Zu Fastnacht und Silvester bin ich morgens um drei runter und habe Pfannkuchen mit Marmeladen abgefüllt.“ Der Tradition, Süßes zu erschaffen, ist man treu geblieben, heute befindet sich in den Räumen eine Schokoladenmanufaktur.

„So, jetzt gehen wir mal kieken“, gibt Plathe das Signal zum Aufbruch, steht auf und schiebt den schwarzen Hut nach hinten. Nun zeigt sich der Mann in seiner ganzen Kleidung, mit schwarzer Weste und hellblauem Hemd, das locker über der schwarzen Hose hängt. Im hippen Mitte fällt er damit auf, weil eindeutig aus dem Rahmen. Aber vielleicht ist es auch ein Stilmittel, das Plathe bewusst einsetzt. Ein Wiedererkennungszeichen. So einen schwarzen Hut trägt er auch in dem Stück „In alter Frische“, mit dem er momentan in der Komödie am Kurfürstendamm zu sehen ist. Er gibt dort mit Witz einen Nörgler und Besserwisser, den ehemaligen Direktor einer Eliteschule, der jetzt in einer Seniorenresidenz den alten Zeiten nachtrauert.

Vom Bild des treu sorgenden „Landarztes“, den er 17 Jahre lang auf den Bildschirmen verkörperte, ist das weit entfernt. Es scheint, als habe sich Plathe, als er die 60 überschritten hat, neu erfunden. Er steht heute weniger vor der Kamera, dafür mehr auf der Bühne. In den vergangenen Jahren spielte er den Professor Unrat, aber vor allem Berliner Typen wie den Eisernen Gustav und mit großem Erfolg über Jahre Heinrich Zille. „Mit zunehmendem Alter werden die Rollen im Theater einfach interessanter als beim Film. Für mich jedenfalls.“

Der Begriff „Volksschauspieler“ stirbt in der Theaterszene mehr und mehr aus, und vielleicht ist Plathe in Berlin der Letzte seiner Art. „Ein Volksschauspieler“, sagt er, „ist einer, der mit seiner Darstellungsweise den Nerv der Leute trifft und viele Identifikationsmöglichkeiten schafft. Wo das Publikum sagen kann: den Typ kenne ich, ich hätte mich auch so verhalten wie er.“ Ein Volksschauspieler müsse auch Privates in die Rolle einfließen lassen. „Da kannste dich nicht verstecken, da biste nackt.“ Während ich jetzt neben ihm herlaufe und ihn angucke, denke ich, es könnte auch umgekehrt sein, dass vieles von der Rolle ins Private fließen kann.

Den Kastanienbaum pflanzte er vor 60 Jahren selbst ein

Aber zurück zu Plathes Wurzeln, im wahrsten Sinne. Im Innenhof der Ackerstraße 149 steht eine Kastanie, vielleicht 20 Meter hoch. „Diesen Baum haben wir gepflanzt. Meine Mutter, andere Eltern aus dem Haus und ich. Zarte fünf Jahre war ich damals alt.“ 60 Jahre ist das her. „Und der Baum hat’s überlebt“, sinniert er und schaut auf ihn, als würde er seinem Alter Ego gegenüberstehen.

Wenige Meter daneben wohnte er mit seiner Mutter. Erdgeschoss. Ein Zimmer mit Küche. Außentoilette. Die Mutter hatte nach dem Zweiten Weltkrieg als Zeitungsverkäuferin am Nordbahnhof gearbeitet, erzählt er. Sie war 41 Jahre alt, als sie sich 1949 in Max verliebte, der aus West-Berlin kam. Nach einigen Wochen erklärte sie ihm: „Ich bin schwanger.“ Max fiel vor Schreck nur eine Antwort ein: „Um Himmels willen, wie erkläre ich das nur meiner Frau?“ Als damit die andere Beziehung offenbar wurde, schmiss sie ihn mit den Worten „Verpiss dir“ raus.

Bei der Geburt nannte die Mutter den Namen des Vaters nicht, bekam deshalb auch keinen Unterhalt und zog ihren Walter alleine groß. Manchmal kam Max noch vorbei, brachte Kaffee für seine ehemalige Geliebte mit und Schokolade für den Sohn. Aber richtig kennengelernt hat Walter Plathe seinen Vater nie. „Ist auch unerheblich: Er hat mich gemacht, und das war in Ordnung.“

Ich frage ihn, ob in der Ackerstraße noch Menschen leben, die ihn von früher kennen. Er schüttelt den Kopf, meint dann: „Den Blumenladen von Frau Pflanz nebenan gibt es aber noch. Ein Blumenladen und der Inhaber heißt Pflanz. Ooch witzich, wa? Wir können ja mal Tach sagen.“

Der Laden wird allerdings mittlerweile von der Tochter geführt. Sie versichert, dass die Mutter nur Gutes über ihn erzählt habe. Walter Plathe kommt nun selbst ins Schwärmen: „Hier kriegte ich auch Blumen, wenn ich woanders keine kriegte. Blumen waren ja in der DDR manchmal Mangelware.“ Selbst rote Nelken, erinnert sich die Inhaberin. Er mag vor allem Rosen, sagt Plathe. Im Übrigen sei er einer der wenigen Männer, der auch für sich selbst Blumensträuße kaufe. Als wir das Geschäft verlassen, verabschiedet er sich mit einem „Schönen Gruß an die Mama“.

Schräg gegenüber schauen wir auf die alte Acker-Markthalle. Die geschäftige wirbelige Welt dort war für den jungen Walter ein Abenteuerspielplatz, auf dem er mit Freunden herumtollte, die Leute ärgerte und ins Staunen geriet. „Da gab es die idiotischsten Typen.“ Wie die Familie Richard, „Herings-Richard hießen die“. Der eine Teil hatte seinen Stand auf der rechten Seite, der andere auf der linken. Über den Mittelgang ­haben sie sich immer beschimpft, erzählt Plathe. „Koofen Se bloß nicht bei dem, die haben nur altes Zeug.“ Später habe er sie dann in der Mittagspause friedlich an einem Tisch sitzen gesehen. Die Männer waren Brüder. Aber nach dem Essen haben sie sich in der Halle weiter beschimpft. „Das war deren Marktstrategie.“ Dann war da noch die Knopffrau: „Sie hatte ihren Laden gleich rechts. Da war ein Gitter runtergelassen, an dem überall Knöpfe hingen. Das glaubste nich, wieviel Knöpfe das waren. In der Mitte war eine kleine Luke, aus der guckte die Olle raus wie so ‘n Habicht. Wir hatten Angst vor ihr, aber wir haben sie auch oft geärgert.“

Frech war er als Kind, aber er habe auch ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl gehabt. „Wenn meine Kumpels oder ich ungerecht behandelt wurden, habe ich mich darüber aufgeregt. Das hat mir nicht immer zum Vorteil gereicht, aber es hat meine Seele erleichtert.“

Die Mutter nannte ihren Sohn „meinen Sonnenschein“. Manchmal erzählte sie ihm, wie es in der Ackerstraße früher, lange vor seiner Geburt, ausgesehen hatte. Dass es hier 20 Kneipen auf 500 Meter gab. Zudem war die Straße in den 20er-Jahren ein berüchtigtes Rotlichtviertel, aber darüber wollte die Mutter eigentlich nicht sprechen. Einmal, auf einem Spaziergang, verplapperte sie sich aber. Da war er zehn. „Siehste Junge, hier haben sie früher für fünf Mark hinter der Mülltonne.“ Er habe nichts verstanden, und die Mutter habe schnell beschwichtigend ein „schon gut“ hinterhergeschoben. Irgendwann später habe sie ihn dann aufgeklärt.

Während wir auf der Ackerstraße weitergehen, zeigt Plathe immer wieder auf ein Café, ein Restaurant, und erzählt, was dort früher war. Wo heute Whisky ausgeschenkt wird, war ein Friseur, wo es indisches Essen gibt, war ein Laden für Molkereiprodukte. „Hinten standen die Kühe in einem Stall und vorne wurden Milch, Butter und Käse verkauft.“

Wir kommen zum Koppenplatz. Der Berliner Stadthauptmann Christian Koppe hatte das Gelände vor mehr als 300 Jahren den Armen geschenkt, damit sie dort einen Friedhof errichten. Davon sieht man auf dem quirligen Platz mit einem schönen Park nichts mehr. Plathe ist hier eingeschult worden, die Schule steht heute sogar noch. Er hat aber kaum Erinnerungen an den Ort, denn schon nach zwei Jahren war er an die Sechste Oberschule in der Gipsstraße gewechselt. Er erzählt, dass er Mitschüler, die am Koppenplatz lebten, bewundert habe, weil die Wohnungen, in denen sie lebten, „so was Großzügiges hatten – im Gegensatz zur Ackerstraße“.

Schauspielerisches Talent und eine gewisse Eitelkeit

In der Schule entdeckte er sein schauspielerisches Talent. Balladen auswendig zu lernen, für viele ein Gräuel, wurde für ihn zur Leidenschaft. Er mochte es, sich vor die Klasse zu stellen und Verse zu zitieren. „War sicherlich auch eine gewisse Eitelkeit dabei.“ Er besuchte eine Art Nachwuchsstudium am Kabarett „Die Distel“ und bewarb sich dann mit seinen Kommilitonen an der Staatlichen Schauspielschule. Als Einziger wurde er angenommen. Er spielte Theater in Schwerin und Berlin, dann kam der Film. In „Zugvogel am Sund“ und „Das Puppenheim in Pinnow“ gab er den jungen Unangepassten, der gegen alte Obrigkeiten aufbegehrte, sich aber am Ende wieder in das kommunistische System einfügte. Gebrauchsdramatik, nennt er es heute, 30 Jahre später, spöttisch.

Wir kehren nun im „Sophieneck“ ein. Berlinerisch wirkt das hier, das Ambiente, das Essen, das Bier. „Das war mal ein Begräbnisinstitut“, murmelt Plathe. „Dann kam eine Kneipe rein, später eine Pianobar, dann wieder eine Kneipe. Ich weiß nicht, wie das heute läuft, aber der Sargladen hatte jahrelang irgendwie einen Fluch drauf.“

Plathe bestellt Bier und Schnaps für sich, und unser Gespräch wendet sich nun einem anderen Berliner zu. Heinrich Zille, dem Maler und Fotografen. Der das Leben in dieser Stadt in der Kaiserzeit und auch danach in seinen Bildern festgehalten hat. Vor allem das der Armen. Mit wenigen Pinselstrichen gelang es Zille, eine sozialkritische Seite aufzublättern, erklärt Plathe. „Und er hat immer ein Fünkchen Humor dabei gehabt, das macht ihn so einmalig.“

1999 hat er mit Günter Pfitzmann und Harald Juhnke das Zille Museum im Nikolaiviertel gegründet. Plathe machte mit, weil er nicht verstand, warum Berlin so verhalten mit dem Künstler umging. Nur im Märkischen Museum habe es damals eine Stube gegeben, in der an Zille erinnert wurde. Da Juhnke und Pfitzmann nicht mehr leben, „habe ich jetzt im Prinzip das Museum an der Backe“. So schießt er Gelder für den Erhalt zu. Wie den Lohn, den er für Stadtführungen, die er ab und zu macht, erhält. Für das Theaterstück über Zilles Leben suchte Plathe selbst einen Autor. Er wünscht sich einen Film, aber kein Produzent traue sich an den Stoff. Auch wisse der Senat zu wenig von der Bedeutung Zilles, in München beispielsweise würde dagegen der Komiker Karl Valentin um vieles mehr geehrt.

Doch nun ist Zeit zum Aufbruch. In zwei Stunden steht Plathe wieder auf der Bühne der Komödie am Kurfürstendamm. Mag er eigentlich Spaziergänge? Im Moment fahre er lieber Fahrrad, meint er. Außerdem habe er keinen Dackel, mit dem er rausgehen könne. „Ich habe über 30 Jahre immer nur mit Dackel gelebt.“ Demnächst will er wieder einen aus dem Tierheim holen.

Aber warum Dackel? „Sie machen, was sie wollen. Sie sind nur bis zu einem gewissen Punkt zu erziehen.“ Klingt nach einem Gefährten, der zu Walter Plathe passt. Zu dem König von der Ackerstraße.