Washington/Berlin

Schon 702 US-Amerikaner seit Jahresbeginn von Polizisten erschossen

| Lesedauer: 4 Minuten

In den Vereinigten Staaten ziehen Beamte viel öfter ihre Waffe als ihre Kollegen in Deutschland. Immer wieder erschießen sie Schwarze. Heftige Proteste erschüttern die Städte

Washington/Berlin. Wieder einmal gab es Schüsse von Polizisten auf Afroamerikaner und wieder einmal gab es Proteste gegen die Beamten – dieses Mal in der Stadt Charlotte im Bundesstaat North Carolina. Zwölf Polizisten wurden in der Nacht zu Mittwoch verletzt, einer von ihnen bekam einen Stein ins Gesicht geworfen. Zuvor hatten die Beamten einen Verdächtigen gesucht und dabei auf einem Parkplatz einen bewaffneten Mann erschossen.

Es ist der jüngste Fall in einer nicht enden wollenden Kette. In den USA ziehen Polizisten viel schneller als in Deutschland ihre Waffe und feuern auch schneller – oft genug auf Schwarze. Die „Washington Post“ zählt auf einer Internetseite die Zahl der Menschen, die durch Polizeikugeln sterben. Aktueller Stand am Mittwochabend: 702. Davon waren 322 Weiße, 172 Schwarze und elf Hispanics. Im Jahr 2015 waren es 990, und es sieht nicht so aus, als ob es am Ende dieses Jahres anders aussehen würde. Der Zeitung zufolge wurden im vergangenen Jahr an jedem Tag 2,6 Menschen von der Ordnungsmacht erschossen. Laut dem Recherchekollektiv „Mapping Violence“ werden unbewaffnete Schwarze fünfmal häufiger von Polizisten getötet als weiße US-Amerikaner.

Was den Fall in North Carolina angeht, so berichtet die örtliche Zeitung, Polizisten hätten am Dienstagnachmittag in einem Wohngebiet einen Verdächtigen gesucht. Dabei hätten sie auf einem Parkplatz einen laut Polizei „bewaffneten und bedrohlichen“ Mann erschossen. Der Schütze und der getötete Familienvater (43) sind Afroamerikaner. Am Ort des Geschehens kam es zu Protesten Hunderter Menschen. Demons­tranten riefen den Namen der Schwarzenbewegung Black Lives Matter. Demonstranten kletterten auf ein Polizeiauto. Der Protest weitete sich aus. An einem nahen Supermarkt kam es zu Plünderungen. Die Polizei setzte Tränengas ein. Zeitweise wurde eine Autobahn gesperrt. Dann beruhigte sich die Lage.

Eine Reporterin veröffentlichte ein Video der Schwester des Erschossenen. Die Angehörige sagt, ihr Bruder sei unbewaffnet gewesen. Polizeichef Kerr Putney sagte später, der Getötete sei nicht der ursprünglich Gesuchte gewesen. Es werde eine Untersuchung geben, so Bürgermeisterin Jennifer Roberts.

Erst am Montag waren Videos zu einem anderen Fall veröffentlicht worden. Die Aufnahmen aus einem Helikopter und vermutlich einer Körperkamera zeigen, wie eine weiße Polizistin in Oklahoma einen unbewaffneten Afroamerikaner erschießt. Er geht mit erhobenen Armen auf einer Straße auf sein Auto zu, mehrere Polizisten nähern sich. Dann fällt der Mann um. Sein Name wird mit Terence Crutcher (40) angegeben.

Vor dem Hauptquartier der Polizei in Tulsa, Oklahoma, versammelten sich Hunderte Menschen. Sie demonstrierten friedlich und forderten in Sprechchören und auf Plakaten die Entlassung der Schützin. Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton nannte den Vorfall in Oklahoma entsetzlich. Von Donald Trump wurde keine Reaktion auf einen der Vorfälle bekannt.

Bei Racheaktionen starben im Juli acht Polizisten

Auslöser der massiven Proteste war der Fall Michael Brown. Im August 2014 erschießt ein weißer Polizist den unbewaffneten 18 Jahre alten Schüler. Ferguson, ein Stadtteil von St. Louis im Bundesstaat Missouri, erlebte danach gewaltsame Demonstrationen. In vielen US-Städten gingen Schwarze auf die Straße. Danach folgen immer wieder Berichte über tödliche Schüsse auf Afroamerikaner und heftige Proteste.

Trauriger Höhepunkt dieses Jahres waren im Juli die tödlichen Schüsse auf einen Schwarzen in Baton Rouge, Louisiana. Der Afroamerikaner Alton Sterling wurde von Polizisten erschossen, während er am Boden lag. Bei Racheaktionen in Baton Rouge und Dallas, Texas, wurden acht Polizisten erschossen. Bei den Schützen handelte es sich um Schwarze.

Die Gewalt treibt auch einen der größten schwarzen Sportler aller Zeiten um. Ex-Basketballspieler Michael Jordan sagte im Juli: „Als stolzer Amerikaner, als Vater, der seinen eigenen Vater bei einer sinnlosen Gewalttat verloren hat, und als schwarzer Mann bin ich zutiefst beunruhigt über die Tode von Afroamerikanern durch Polizisten und wütend über das feige und hasserfüllte, gezielte Töten von Polizeibeamten.“

( ak/phn/dpa )

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