Konflikt

In Syrien gibt es einen Schlagabtausch der Weltmächte

Das Verhältnis zwischen den USA und Russland ist weltpolitisch angespannt. Doch der Syrienkonflikt macht die Lage noch komplizierter.

Russlands Präsident Wladimir Putin und der US-Präsident Barack Obama verfolgen in Syrien durchaus unterschiedliche Strategien.

Russlands Präsident Wladimir Putin und der US-Präsident Barack Obama verfolgen in Syrien durchaus unterschiedliche Strategien.

Foto: REUTERS / SPUTNIK / REUTERS

Kairo/Damaskus.  Das vereinbarte Schweigen der Waffen in Syrien ist gefährdet: Ein Angriff US-geführter Kampfjets auf syrische Soldaten am Sonnabendnachmittag mit zahlreichen Toten führte zu einem heftigen diplomatischen Schlagabtausch zwischen den USA und Russland.

Beide Mächte unterstützen unterschiedliche Seiten in Syrien: die USA moderate Rebellen, Russland den syrischen Machthaber Baschar al-Assad. Beide Länder hatten aber vereinbart, künftig gemeinsame Luftangriffe auf Extremistengruppen wie den IS anzupeilen, falls die am vergangenen Montagabend in Kraft getretene Feuerpause sieben Tage hält.

Amerikanischer Angriff verschärft Konflikt

Ausgelöst wurde die jüngste Krise durch eine Attacke von amerikanischen und australischen F-16 und A-10 Thunderboldts auf eine gepanzerte Einheit, die die Piloten für eine Kolonne des „Islamischen Staates“ hielten. Sämtliche Fahrzeuge wurden zerstört, die fliehenden Besatzungen aus der Luft beschossen. Nach russischen Angaben starben 62 syrische Soldaten, über hundert wurden verletzt. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte sprach sogar von 90 Toten und 120 Verletzten.

Es war der erste westliche Angriff auf syrische Truppen seit Beginn des Bürgerkriegs vor mehr als fünf Jahren. Die USA erklärten, man bedauere den Beschuss syrischer Soldaten. Dieser sei irrtümlich erfolgt und sofort abgebrochen worden, als Russland die Koalition auf den Fehler aufmerksam gemacht habe.

USA und Australien bedauern ihren Irrtum

Auf einer kurzfristig für Samstag einberufenen Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates verließ Russlands UN-Botschafter Vitaly Churkin bei Ankunft seiner amerikanischen Kollegin Samantha Power allerdings demonstrativ den Saal. Er bezeichnete den US-Angriff als „ausgesprochen verdächtig“. Dagegen schloss Igor Konaschenkow, Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, nicht aus, dass die Attacke ein Versehen war, und machte „die sture Weigerung der USA, sich im Kampf gegen die Terroristen mit Russland zu koordinieren“, für den Vorfall verantwortlich.

Ein Sprecher des Pentagon erklärte, man habe dieses Bedauern via Russland auch an Syrien übermittelt. Die USA würden sich weiterhin an die Waffenruhe halten und zugleich die Terrormiliz IS bekämpfen. Washingtons UN-Botschafterin Power warf Churkin Effekthascherei und billige Punktemacherei vor. „Selbst nach russischen Standards ist die Nummer von heute Abend auf einzigartige Weise zynisch und scheinheilig“, erklärte sie. Die Diplomatin empört vor allem, dass Russland ausgerechnet jetzt auf eine Dringlichkeitssitzung poche, seit 2011 jedoch die unzähligen Luftangriffe des syrischen Regimes auf die eigene Bevölkerung nie beanstandet, geschweige denn zum Thema eines UN-Sondertreffens gemacht habe.

USA bezeichnet Situation als komplex

Das US-Zentralkommando in Qatar erklärte, seine Kampfflugzeuge hätten die Operation sofort abgebrochen, nachdem man von russischer Seite alarmiert worden sei, dass möglicherweise syrische Regierungssoldaten bombardiert würden. Die Situation vor Ort sei „komplex“, doch die „Koalitionskräfte würden keine syrische Einheit absichtlich angreifen“, hieß es in dem Text.

Die Stellungen der Assad-Armee liegen im Umkreis des Militärflughafens der Stadt Deir ez-Zor im Osten des Landes, wo das Regime nur noch kleine Gebiete kontrolliert. Seit Wochen versuchen Dschihadisten des IS, die Berge um die Runway herum zu erobern, um startende und landende syrische Militärjets unter Feuer nehmen zu können und so den Nachschub für die eingeschlossenen Armeeteile und Wohnviertel zu kappen. Nach Angaben aus Damaskus konnte der IS nach dem irrtümlichen Angriff der US-Koalition für einige Stunden Gelände gewinnen, inzwischen jedoch habe die syrische Armee mit russischer Luftunterstützung die alten Frontlinien wiederhergestellt.

Regime denkt nicht an Truppen-Rückzug

Bei den Hilfslieferungen für die im Osten Aleppos eingeschlossenen rund 250.000 Menschen gab es am Wochenende keinerlei Fortschritte. Als einer der Kernpunkte war in Genf vereinbart worden, dass die syrische Armee während der zunächst siebentägigen Feuerpause den nördlichen Korridor über die Castello-Straße und den südwestliche Zugang über das Ramouseh-Viertel räumen muss. Stattdessen sollten russische Soldaten dort die Kontrollen übernehmen.

Doch es gab keinerlei Anzeichen, dass das Regime seine Truppen zurückziehen und die Versorgungswege freigeben will. Stattdessen warf Russland den Rebellen vor, sie hätten die Feuerpause bisher 199-mal gebrochen und bereiteten eine größere Offensive vor. Russlands Präsident Wladimir Putin erklärte, die USA täten nichts, um die radikalen von den moderaten Rebellen zu entflechten.