Terrorismus

Wie der IS drei Attentäter in Deutschland fernsteuerte

Islamisten rekrutieren Terroristen über Chats im Netz und wollen sie zum Anschlag bewegen. In Deutschland waren sie damit erfolgreich.

Polizisten stehen neben dem Regionalzug in Würzburg, in dem der Attentäter zuschlug.

Polizisten stehen neben dem Regionalzug in Würzburg, in dem der Attentäter zuschlug.

Foto: dpa Picture-Alliance / Karl-Josef Hildenbrand / picture alliance / dpa

Berlin.  Es ist kurz nach halb sieben, am Abend des 18. Juli, als der Teenager Riaz Khan A. wieder im Internet unterwegs ist und auf „Senden“ drückt. Er schickt der Propaganda-Agentur des selbst ernannten „Islamischen Staates“ sein Video: Er, der junge Riaz A., wie er mit einem kleinem Messer fuchtelnd in seinem Zimmer in Ochsenfurt bei Würzburg sitzt, gegen die „Ungläubigen“ hetzt und auf den IS schwört.

Riaz A. ist seit einiger Zeit auch in einem Chat angemeldet, kommuniziert regelmäßig mit einer Person, die heute aus Sicht der Sicherheitsbehörden ein Rekrutierer des IS ist. Auch an dem Abend seines Attentats schreiben sie sich. „Bruder, ich sende dir mein Video. Ich werde heute in Deutschland einen Anschlag mit einer Axt unternehmen.“ Er sei ein „Gotteskrieger“. Er werde die Deutschen mit einem Messer töten und „eure Köpfe mit der Axt spalten, so Gott will“. Sein Chatpartner antwortet ihm: „Nicht mit einem Messer. Mach es mit der Axt.“

Drei Attentate in Deutschland waren „ferngesteuert“

Gegen 21 Uhr steigt Riaz A. mit einem Messer und einer Axt bewaffnet in den Regionalzug 58130 Richtung Würzburg. Noch einmal schreibt er seinem Chatpartner: „Fang jetzt an.“ Der IS-Mann antwortet: „Jetzt erlangst du das Paradies.“ Riaz A. verletzte vier Menschen schwer. Er selbst starb auf der Flucht durch Schüsse der Polizei.

Dem Rechercheverbund von „Süddeutscher Zeitung“, NDR und WDR liegen die Chatprotokolle vor. Die Generalbundesanwaltschaft wollte den Bericht gegenüber unserer Redaktion nicht kommentieren. Klar ist: Polizei und Geheimdienste sind alarmiert. „Sorge bereitet uns ein neuer Tätertypus, bei dem es sich nur scheinbar um Einzeltäter handelt“, sagte Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen in Berlin. „Diese Attentäter werden virtuell aus dem Ausland über Instant Messaging ferngesteuert.“

Neuer Typus von Tätern

Bisher kannten die Sicherheitsbehörden verschiedene Strategien von Terroristen, um Anschläge in Europa zu verüben. Es gibt sogenannte Hit-Teams, Gruppen an Kämpfern, die aus den Gebieten des IS mit einem Auftrag Richtung Europa geschickt werden. Die Attentäter von Paris im November 2015 agierten als eines dieser Kommandos. Die in dieser Woche festgenommenen Terrorverdächtigen in Schleswig-Holstein sollen getarnt als Geflüchtete über den Balkan nach Deutschland eingereist sein.

Auch von radikalisierten Einzeltätern und sogenannten Schläferzellen geht eine Gefahr aus. Neu ist: der ferngesteuerte Dschihad. Drei Anschläge zählen Polizei und Verfassungsschutz in Deutschland in diese Kategorie: Der Axt-Angriff von Würzburg, das Sprengstoff-Attentat von Mohammed D. beim Musikfest in Ansbach, sowie die Messerattacke der jungen Safia S. gegen einen Polizisten am Bahnhof in Hannover. Beim Landeskriminalamt in Bayern ermittelt nun die Sonderkommission „Juli“ zu dieser neuen Form des Terrorismus.

Geplanter Anschlag in Frankreich

Und auch in Frankreich beschäftigt die „Fernsteuerung“ von Kämpfern die Sicherheitsbehörden. In der vergangenen Woche wurde durch einen Tipp von Passanten ein Anschlag mit Gasflaschen und Benzin in Paris vereitelt. Die drei Attentäterinnen waren bekannte Islamistinnen, wohl auch Mitglieder des IS. Staatsanwalt François Molins sagte, die Extremisten seien „ferngesteuert“ gewesen.

Was diesen Typ von radikalisierten Einzeltätern unterscheidet: Ein IS-Mitglied rekrutiert junge Männer und Frauen in Europa oder Amerika über soziale Netzwerke und Chats im Internet. Der Rekrutierer wird zu einer Art Verbindungsmann – zu einem „Terror-Betreuer“. Denn das Ziel ist, den Islamisten im Ausland zu radikalisieren, bis er bereit ist, einen Anschlag zu verüben.

Verschlüsselung für deutsche Geheimdienste zu kompliziert

Der Verfassungsschutz spricht von einer „hybriden Kriegsführung“ des IS – der Strategie im Kampf gegen den Westen und andere Muslime ist nun nicht mehr nur die Armee freiwilliger Dschihadisten, die zunehmend geschwächt ist. Die Waffen im „Heiligen Krieg“ sind das Internet und soziale Netzwerke: dazu gehören Facebook und WhatsApp. Vor allem aber gewinnt das verschlüsselte Chatprogramm „Telegram“ an Einfluss in der Szene.

Das Problem: Nicht nur die Kommunikation ist verschlüsselt, bei Telegram wissen die deutschen Behörden nicht einmal, wo die Server liegen. Anwerbeversuche des IS und Dialoge unter Dschihadisten sind für Verfassungsschutz und Polizei nur mit hohem Aufwand an verdeckten Onlineermittlern einsehbar – aber vieles bleibt im Dunkeln. In einigen Fällen müssen sich deutsche Behörden auf Tipps von „Partnerdiensten“ aus dem Ausland, etwa dem US-Geheimdienst, verlassen. Dort werden auch Messenger-Dienste überwacht und Daten abgefischt.

Riaz A. wollte sich nicht ausbilden lassen

Wie der Fall Würzburg zeigt, wurde der Attentäter Riaz A. auch angeleitet, als es um die Umsetzung der Attacke ging. Er solle doch besser einen Angriff mit einem Auto verüben, schreibt ihm sein Chatpartner. Nicht mit einem Messer. „Ich kann nicht Auto fahren“, antwortet A. Dann solle er es lernen. „Das Erlernen kostet Zeit“, schreibt Riaz A. Er aber möchte ins Paradies. Schnell. Am besten noch heute Nacht.