Islamismus

Das wollen die fünf größten islamistischen Terrorgruppen

Der Islamische Staat, Al-Kaida, Al-Nusra: Weltweit kämpfen islamistische Terrorgruppen um Macht und Einfluss. Was unterscheidet sie?

Ein Kämpfer der ehemaligen Al-Nusra-Front, heute Dschabhat Fatah al-Scham, in der Nähe der Stadt Idlib im Norden Syriens.

Ein Kämpfer der ehemaligen Al-Nusra-Front, heute Dschabhat Fatah al-Scham, in der Nähe der Stadt Idlib im Norden Syriens.

Foto: © Hamid Khatib / Reuters / REUTERS

Berlin.  Viele Islamisten sehen sich in einem Heiligen Krieg gegen den Westen, verfolgen „Ungläubige“ und tragen den Terror auch nach Europa. Auch wenn die Gruppierungen häufig von derselben Ideologie getragen sind, bekämpften sie sich teilweise auch untereinander. So konkurriert der Islamische Staat beispielsweise mit Al-Kaida. Dieser Überblick zeigt Entstehung, Unterschiede und Motive der großen islamistischen Terrorgruppen im Nahen und Mittleren Osten.

1. Islamischer Staat: Schreckgespenst des Westens

Sie entführen Andersdenkende, köpfen ihre Gegner, zerstören jahrtausendealte Kulturdenkmäler: Die Kämpfer der sunnitischen Terrormiliz Islamischer Staat tauchten im Jahr 2014 scheinbar aus dem Nichts auf. Im August 2016 reicht der Einfluss der Organisation vom Nordirak und Syrien bis nach Libyen. Den ehrgeizigen Herrschaftsanspruch untermauerte der Anführer Abu Bakr al-Bagdadi zwei Jahre zuvor, am 29. Juni 2014, als er das IS-Kalifat ausrief. Als selbst ernannter Kalif – sonst bestimmt diesen ein traditionelles Wahlverfahren oder ein Sultan – beruft sich Al-Bagdadi auf die Nachfolge des Propheten Mohammeds als Oberhaupt aller Muslime.

Tatsächlich agiert die Miliz in weiten Teilen wie ein echter Staat, was sie von anderen Terrornetzwerken unterscheidet. Es gilt die islamische Rechtsprechung, die Scharia. Die Terroristen stellen aber auch Regionalregierungen mit Bürgermeistern und Gouverneuren auf. Wie dünn teilweise die Faktenlage über den IS ist, zeigt der Blick auf die Anzahl der Kämpfer: So gibt es unterschiedliche Schätzungen. Die Zahlen schwanken zwischen einigen Tausenden bis mehreren Zehntausend.

Nicht überall heißt die Miliz IS. Im arabischen Sprachraum verbreitet ist die Bezeichnung „Daesch“ (bzw. „Daesh“). Auch Frankreichs Präsident François Hollande nennt die Terrormiliz so. Der Gebrauch dieses Wortes soll verhindern, dass der vom IS erhobene Anspruch auf einen eigenen Staat kritiklos übernommen wird. Das Wort „Daesh“ erinnert vom Wortklang an die Formulierung „Zwietracht säen“ und soll den IS damit abwerten.

Der IS finanziert sich hauptsächlich durch die Förderung von Erdöl in den besetzten Gebieten. Außerdem zählen Schutzgelder, Spenden und auch Landwirtschaft zu den Einnahmequellen der Terroristen.

2. Al-Kaida: Geschwächtes globales Terror-Netzwerk

Al-Kaida (arabisch „Die Basis“) besteht aus losen, weltweit vernetzten sunnitisch-islamistischen Organisationen. Auch wenn der IS dem Terror-Netzwerk inzwischen in der medialen Öffentlichkeit den Rang abgelaufen hat, verfolgt Al-Kaida ebenso das Ziel einen Gottesstaat für alle „Rechtgläubigen“ zu errichten, der alle islamischen Länder umfasst. Zwar erklärte George W. Bush die Terrorgruppe einst in seinem „Krieg gegen den Terror“ zum Erzfeind der Vereinigten Staaten, doch entstand die Ideologie von Al-Kaida ursprünglich bereits im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer in den Afghanistan-Kriegen in den 1980er Jahren.

Über den genauen Zeitpunkt der Gründung kursieren mehrere Vermutungen. Zunächst bestand die Organisation mehrheitlich aus Saudi-Arabern und Ägyptern. Sie radikalisierten sich getrieben von antiamerikanischen Gedanken im Zweiten Golfkrieg (1990/1991). Den Gründern von Al-Kaida, Osama bin Laden und Aiman az-Zawahiri, spielte die Taliban-Herrschaft in die Hände. Sie erlaubten den Islamisten, Hauptquartiere und Trainingslager in Afghanistan einzurichten. So erlangte die Organisation die Professionalität, die später den 11. September 2001 ermöglichte. Seit dem Tod von Osama bin Laden im Mai 2011 in Pakistan gilt das Netzwerk allerdings als geschwächt. Neuer Kopf ist Aiman az-Zawahiri. Die Vereinigten Staaten gehen von mehreren Tausend Al-Kaida-Kämpfern weltweit aus.

Seit Mitte 2016 verstärkt Al-Kaida den Dschihad in Syrien. Das Ziel: Die Gründung eines Emirats in Syrien. Davon verspricht sich die Organisation laut Experten einen ähnlichen Auftrieb, wie ihn der IS nach dem Ausruf des Kalifats im Jahr 2014 erhielt.

Wie auch andere Terrorgruppen finanziert sich Al-Kaida durch Spenden von Geldgebern, die der antiamerikanischen Ideologie nahestehen. Nach Schätzungen stammt zudem etwa die Hälfte des Vermögens aus dem Drogenhandel in Afghanistan.

3. Fatah al-Scham: Die ehemalige Al-Nusra-Front

Bis zum Juli 2016 war die Al-Nusra-Front der militärische Arm von Al-Kaida. Dann erklärte ihr Anführer Abu Mohammed al-Dschaulani in einer Videobotschaft, dass die Gruppe nun unter dem Namen Dschabhat Fatah al-Scham in Syrien kämpfe. Der Hintergrund: Die Miliz will sich künftig mit anderen Dschihadisten-Gruppen zusammenschließen und damit an Schlagkraft gewinnen. Sie kämpft gegen den Islamischen Staat. Andere Gruppierungen, wie zum Beispiel die gemäßigte Freie Syrische Armee (FSA), kooperieren hingegen derzeit mit Fatah al-Scham gegen die Regierungstruppen.

Mit der Umbenennung sagt sich die ehemalige Al-Nusra-Front von der Mutterorganisation Al-Kaida los. Es ist offenbar eine Trennung im beiderseitigen Einverständnis. Der Ex-Al-Nusra-Chef Abu Mohammed Al-Dscholani sagte dazu: „Wir danken den Anführern von Al-Kaida dafür, dass sie die Notwendigkeit verstanden haben, die Verbindungen abzubrechen (...), die darauf abzielen, die syrische Revolution zu verteidigen.“ Seitens Al-Kaida hieß es, die Führung von Al-Nusra müsse „die notwendigen Schritte“ unternehmen, um die Anhänger des islamischen Kampfes in Syrien zu „schützen“.

Nach Schätzungen von Experten verfügt die neue Terrormiliz über etwa 5000 bis 10.000 Kämpfer. Während die Rekruten des IS aus aller Welt stammen, gilt Fatah al-Scham als Terrormiliz mit regionalen Wurzeln: Die Mehrheit der Kämpfer sind Syrer, die sich als nationale Rebellen verstehen. Sie finanzieren sich durch private Spenden aus Golfstaaten wie Katar und Kuwait und millionenschwere Lösegelder für Geiseln.

4. Hamas: Für ein islamisches Palästina mit Waffengewalt

Die antiisraelische Hamas („Eifer“ oder „Engagement“) erlangte im Jahr 1987 beim Ausbruch der ersten Intifada – dem palästinensischen Aufstand gegen Israel – als militante Widerstandsgruppe Bekanntheit. Ihr Ziel ist es, im Gebiet von Palästina einen islamischen Staat zu errichten. Israel ist nach Meinung der Hamas ein besetztes Gebiet, den jüdischen Staat will sie beseitigen.

Seit 2007 herrscht die Hamas im palästinensischen Gazastreifen, der im Norden und Osten an Israel und im Süden an Ägypten grenzt. Damals vertrieb sie die gemäßigtere Fatah-Organisation von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas gewaltsam aus dem Küstenstreifen. Seither haben die militanten Palästinenser mehr als 17.000 Raketen und Mörsergranaten auf Israel abgefeuert, wie die israelische Armee sagt. Die Fatah herrscht seit 2007 nur noch in den nicht von Israel verwalteten Teilen des Westjordanlandes. Es gibt jedoch auch im Westjordanland aktive Hamas-Zellen.

Die Hamas und ihre Milizen werden unter anderem von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft. Nach 2007 änderte die Hamas ihre Strategie und zeigte grundsätzlich Bereitschaft zu einer langfristigen Waffenruhe mit Israel. Diese ist allerdings nicht in Sicht. Bis zu einer Vereinbarung setzt die auch im Sozialbereich engagierte Organisation weiter auf den „bewaffneten Widerstand“. Die gesamte Region kommt unter dem ständigen Druck von Terror, Gewalt und Gegengewalt weiterhin nicht zur Ruhe.

Geld bekommt die Hamas vor allem von Spendern. Dazu zählen exilierte Palästinenser, private Unterstützter und arabische Staaten.

5. Hisbollah-Miliz: Kampf auf Seiten von Baschar al-Assad

Die radikal-islamische Hisbollah („Partei Gottes“) hat einen politischen und einen militärischen Arm. Die EU stuft die Hisbollah-Miliz als terroristische Vereinigung ein. Sie entstand 1982 mit Unterstützung des Irans als Antwort auf die israelische Invasion im Libanon. Seitdem kämpft sie mit Gewalt gegen Israel und für die Errichtung einer „Herrschaft des Islams“. Außerdem ist die schiitische Hisbollah-Partei mittlerweile die stärkste politische Kraft im Libanon.

Nach Schätzungen gehören der Hisbollah-Miliz mehrere tausend Kämpfer an. Die Gruppe wird für zahlreiche Anschläge und Entführungen verantwortlich gemacht. Zu den Hochburgen der Hisbollah gehören vor allem die von Schiiten bewohnten Viertel im Süden Beiruts, die Bekaa-Ebene im Norden des Landes und der Süden an der Grenze zu Israel.

Viele Schiiten verehren Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah. Er bestätigte im Frühjahr 2013, dass sich die Miliz aufseiten der Regierungstruppen von Präsident Baschar al-Assad am Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien beteiligt. Die Begründung: Aufständische hätten libanesische Grenzdörfer attackiert. Die Hisbollah ist seitdem immer wieder in heftige Kämpfe verwickelt.

Finanziert wird die radikal-islamische Gruppierung hauptsächlich aus dem Iran. Zu einer anderen wichtigen Einnahmequelle der Hisbollah gehört der internationale Schmuggel mit gefälschten Markenprodukten, Drogen und Zigaretten. (mit Material von dpa)