Die Kandidatin der Demokraten muss nach einem Schwächeanfall pausieren – und Trump sieht sich im Vorteil

Ist Hillary Clinton fit genug für das Weiße Haus?

Hillary Clinton muss nach einem Schwächeanfall pausieren. Das könnte den US-Wahlkampf auf den Kopf stellen. Donald Trump sieht sich im Vorteil

Washington. Ein leutseliger Blick. Dann ein freundliches „Wie geht’s Dir? Alles wieder in Ordnung?“ Wenn Donald Trumps Strippenzieher clever sind, werden sie dem New Yorker Milliardär in der ersten Fernsehdebatte der Präsidentschaftskandidaten am 26. September genau diesen Einstieg empfehlen. Hillary Clinton wäre von Beginn an in der Defensive. Seit ihrem Schwächeanfall am Sonntag bei der Gedenkfeier für die Terroranschläge vom 11. September 2001 ist die Krankenakte der Demokratin ganz nach vorn auf die Tagesordnung gerückt. Manche Republikaner fiebern bereits einem Trump-Sieg entgegen. Gemach.

Der Vorfall an sich, so der Tenor vieler US-Kommentatoren, war „keine Katastrophe“. Auch wenn die verwackelten Handybilder von einer hilflos strauchelnden Clinton, der die Beine wegknicken, bevor sie von Mitarbeitern in ein Auto bugsiert wird, kein Beleg für die „unverwüstliche Vitalität“ sind, die Amerikaner sich von ihren Präsidenten/-innen wünschen.

Trumps Leute dichteten ihr Sprachstörungen an

Zur Affäre wurde der Vorgang erst durch die undurchsichtige Informationspolitik ihres Teams. Stundenlang wurde geschwiegen. Dann kam Leibärztin Lisa Bardack mit dem Bulletin, das wie eine Bombe einschlug: Clinton hatte bereits seit Freitag eine Lungenentzündung. Sie wurde mit Antibiotika behandelt und hatte bei der Trauerfeier, von der man ihr vorher abriet, unter Hitze und Wassermangel gelitten. „Der Kollaps“, sagen Ärzte, „war programmiert.“ Eine Wahlkampfreise nach Kalifornien sagte Clinton ab. Wann sie wieder ins kräftezehrende Geschehen eingreift, ist offen.

Zwei Monate vor dem Wahltag sind die Diagnose und der Umgang damit für Clinton ein heftiger Rückschlag. Über Wochen hatte ihr Widersacher Donald Trump der bald 69-Jährigen die „körperliche und geistige Gesundheit“ abgesprochen, um das höchste Staatsamt auszufüllen. Der Republikaner, im Falle eines Sieges selbst schon 70 Jahre alt, machte sich dabei Spekulationen zu eigen, die im Internet kursieren. Danach soll Clinton einen schweren Sturz vor vier Jahren, nach dem sie als Außenministerin mit einer Gehirnerschütterung samt Blutgerinnsel im Kopf wochenlang aus dem Verkehr gezogen war, nie richtig überstanden haben. Selbst Ehemann Bill Clinton räumte später ein, dass es rund sechs Monate gedauert hatte, bis Hillary wieder voll hergestellt war.

Trumps Büchsenspanner dichteten ihr sogar eingeschränktes Sprachvermögen an. Clinton widersprach der „üblen Nachrede“ vehement, bemühte sich zuletzt besonders um kraftvolles Auftreten. In einer Fernsehshow öffnete sie wie zum Beweis ein fest zugeschraubtes Gurkenglas. Und drehte damit den Spieß kurzerhand um.

Trump, durch rhetorische Fehltritte einschlägig beleumundet, sei mental und psychisch vollkommen ungeeignet für den Job im Weißen Haus, sagte sie. Ein von Trumps Hausarzt Harold Bornstein vorgelegtes Bulletin über den Bauunternehmer (Tenor: „Nie getrunken! Nie geraucht! Fit wie ein Turnschuh!“) wies Clinton ins Reich der schlecht erzählten Märchen.

Dorthin, wo traditionell – aber ganz in echt – viele Geschichten um den oft geschönten Zustand amerikanischer Präsidenten spielen. 1919 verschwieg man den Bürgern, dass Woodrow Wilson nach einem Schlaganfall geistig schwerbehindert und amtsunfähig war. Ehefrau Edith übernahm de facto die Regie. 1960 verheimlichte die Leibärztin von John F. Kennedy, dass der Politstar an der Nebennieren-Erkrankung Morbus Addison litt. Am raffiniertesten wurde die Fiktion eines gesunden Staatschefs im Fall von Franklin Roosevelt am Leben erhalten. Während seiner zwölfjährigen Amtszeit unterdrückten er und seine Berater die Tatsche, dass der an Kinderlähmung erkrankte Politiker nie ohne stählerne Beinstützen gehen konnte.

Kein Staatsgeheimnis war dagegen die Tragik, der 1841 Präsident William Henry Harrison zum Opfer fiel. Mit 68 Jahren wollte er vor seinen Anhängern den starken Mann markieren. Bei der Amtseinführung, traditionell im Januar, verzichtete er auf warme Kleidung, erkältete sich bei seiner Rede im Freien und starb drei Wochen später.

Historiker bemühten sich gestern, die Causa Clinton entschieden tiefer zu hängen. Als Vergleich sei eher „die Peinlichkeit zulässig“, die Präsident George H. W. Bush 1992 in Japan widerfuhr, hieß es in Washingtoner Denkfabriken. Beim Staatsbankett musste sich der an einer Magen-Darm-Grippe erkrankte Republikaner damals übergeben. Ausgerechnet in den Schoß des gastgebenden japanischen Premierministers Miyazawa.

Im Fall von Clinton sind die Konsequenzen der „Akte Pneumonia“ noch nicht überschaubar, weil sie in ein vertrautes Muster fällt: Die Wahrheit kam spät und in der Dosierung dünn geschnittener Salamischeiben daher. Ähnlich wie in der E-Mail-Affäre, in der seit Monaten Clintons Integrität als verantwortungsvolle Politikerin auf dem Prüfstand steht. „Das amerikanische Volk tagelang über eine ernst zu nehmende Erkrankung im Dunkeln zu lassen“, sagte ein Kommentar des rechtskonservativen TV-Senders Fox News, „zeugt nicht von Weitsicht.“

Aber: Selbst Fox News rechnet nicht mit einem krankheitsbedingten Rückzug Clintons. Es wäre ein nie dagewesener Fall, der die Demokraten vor die Aufgabe stellen würde, bis zum 8. November eine Alternative aufzutreiben. In Betracht kämen Vize-Präsidentschaftskandidat Tim Kaine und der jetzige Vize Joe Biden.

Für beide amtierenden Präsidentschaftskandidaten, so konstatierte Obamas ehemaliger Hausarzt David Scheiner, führt nach Clintons Ausrutscher nun kein Weg mehr daran vorbei, „endlich umfassend“ darüber Auskunft zu geben, wie es wirklich um sie steht. Scheiner erinnert sich noch gut an den 1000-seitigen Rapport, mit dem Obamas Widersacher John McCain 2008 „vollständige Transparenz“ herstellen wollte. Damals hatte der designierte republikanische Präsidentschaftskandidat eine achtjährige Behandlung gegen Krebs minutiös aufgelistet. Beim demokratischen Herausforderer Barack Obama waren es immerhin noch mehrere Hundert Seiten. Es ist in Amerika alte Tradition, bei der Bewerbung um das höchste Amt maximale Transparenz walten zu lassen.

Ganz so ausführlich dürfte das medizinische Bulletin bei Donald Trump nicht werden. Allerdings will der Milliardär in den nächsten Tagen viele Details über seine jüngste Untersuchung öffentlich machen. „Ich bin sehr gesund.“ Für seine angeknockte Rivalin hatte er gestern auffallend höfliche Worte parat: „Ich hoffe, dass es ihr bald besser geht.“ Trump hat die erste TV-Debatte im Sinn. „Wie geht’s Dir? Alles wieder in Ordnung?“