Abstimmung

Kopf-an-Kopf-Rennen bei vorgezogener Wahl in Kroatien

Kroatien steuert auf eine schwierige Regierungsbildung zu. Viele Koalitionsvarianten sind nach der Wahl möglich, das Ende ist offen.

Eine ältere Frau gibt bei den Wahlen in Kroatien ihre Stimme in einem Wahllokal ab. Laut Nachwahlbefragungen könnte die Regierungsbildung zur Hängepartie werden.

Eine ältere Frau gibt bei den Wahlen in Kroatien ihre Stimme in einem Wahllokal ab. Laut Nachwahlbefragungen könnte die Regierungsbildung zur Hängepartie werden.

Foto: Antonio Bat / dpa

Zagreb.  Die vorgezogenen Parlamentswahlen beim jüngsten EU-Mitglied Kroatien haben am Sonntag ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden großen Parteien gebracht. Das ergaben Nachwahlbefragungen der großen Fernsehanstalten. Die Sozialdemokraten (SDP) kommen danach auf 58, die konservative HDZ auf 57 Abgeordnete im Parlament mit 151 Sitzen.

Königsmacher ist wie bei der letzten Wahl vor zehn Monaten wieder die neue Reformpartei Most (Brücke), die erneut mit elf Mandaten auf den dritten Rang kam. Die übrigen Sitze teilen sich Kleinparteien sowie die acht Vertreter der Minderheiten wie Serben, Ungarn und Italiener.

Sozialdemokraten hatten sich mehr erhofft

Die Sozialdemokraten zeigten sich von diesen Prognosen enttäuscht, weil sie deutlich mehr als 60 Mandate erwartet hatten. „Wir sind zufrieden“, sagte dagegen der HDZ-Spitzenpolitiker Gordan Jandrakovic. Die Konservativen hatten nach dem Korruptionsskandal um ihren früheren Vorsitzenden Tomislav Karamarko nicht mit so einem guten Abschneiden gerechnet. Zufrieden zeigte sich auch Most.

Nachwahlbefragungen waren bei der letzen Wahl sehr nah an das spätere tatsächliche Endergebnis gekommen. Die Stimmenauszählung in Kroatien ist immer sehr langsam, obwohl nur 3,8 Millionen Bürger stimmberechtigt waren und schätzungsweise nur rund die Hälfte auch zur Wahl gegangen war. Die staatliche Wahlkommission hatte vorläufige Ergebnisse erst gegen Mitternacht angekündigt.

Lange Koalitionsverhandlungen erwartet

Koalitionsmöglichkeiten gibt es mit diesem Wahlergebnis viele. Daher erwarteten heimische Experten erneut langwierige Verhandlungen. Der Ausweg über eine große Koalition ist versperrt, beide Großparteien hatten sich immer wieder aus prinzipiellen und ideologischen Überlegungen dagegen ausgesprochen.

Die Probleme in Kroatien sind gigantisch. Wirtschaftlich liegt das Land am Boden, belegt innerhalb der EU zusammen mit Bulgarien die letzten Plätze. Der Staatshaushalt muss mit erdrückenden Schulden zurechtkommen, die im kommenden Jahr zum Teil zurückgezahlt werden müssen. Es gilt, die riesigen sozialen Ungleichgewichte zu reduzieren, die nach dem Bürgerkrieg (1991-1995) und einer teilweise kriminellen Privatisierung des früheren kommunistischen Eigentums entstanden sind.

Kroatien ist tief gespalten

Daneben ist das kleine Land entlang ideologischer Linien aus der Vergangenheit tief gespalten. Die Sozialdemokraten werden als ehemalige Kommunisten beschimpft, die Konservativen haben in den letzten Monaten den extremen Nationalismus und sogar den Faschismus aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs wieder salonfähig gemacht.

An solchen Gegensätzen war vor wenigen Monaten auch die geplante große Bildungsreform gescheitert, obwohl Zehntausende Eltern und Schüler dafür auf die Straße gegangen waren. Vor diesem Hintergrund „kann einem der Sieger fast leidtun“, kommentiert die Zeitung „Jutarnji list“ die Herkulesaufgaben. (bekö/dpa)