Machtpolitik

Saudi-Arabien und Iran kämpfen um Vormachtstellung

Schlagabtausch zwischen Riad und Teheran kurz vor der islamischen Pilgerfahrt nach Mekka: So hasserfüllt wie jetzt ging es selten zu.

Der heiligste Ort: Muslimische Pilger beten rund um die Kaaba in der Großen Moschee in Mekka

Der heiligste Ort: Muslimische Pilger beten rund um die Kaaba in der Großen Moschee in Mekka

Foto: AA / ddp images/abaca press

Kairo/Berlin.  Saudi-Arabien und der Iran beäugen sich seit geraumer Zeit mit tiefem Misstrauen. Zu groß ist die Rivalität und der Ehrgeiz, die Regionalmacht Nummer eins am Persischen Golf zu werden. Zu dem machtpolitischen kommt der religiöse Gegensatz: Die Saudis begreifen sich als Schutzmacht der Sunniten, die Iraner sehen sich als Sachwalter der Schiiten.

Rhetorische Muskelspiele und abfällige Bemerkungen über die Gegenseite gehören fast zur Tagesordnung. Doch einen derart hasserfüllten Schlagabtausch wie der kurz vor Beginn der diesjährigen Hadsch, der islamischen Pilgerfahrt nach Mekka, hat es seit einer Generation nicht mehr gegeben.

Etwa 2400 starebn bei der Hadsch 2015

Die schrille Tonlage setzte Anfang der Woche Irans Revolutionsführer Ali Khamenei, der das saudische Königshaus als „kleine, kümmerliche Teufel“ und als „Mörder“ abkanzelte. Es habe sich nach der tödlichen Massenpanik bei der Hadsch 2015 „absichtlich grausam“ verhalten.

Damals wurden nach einer Zählung der Nachrichtenagentur AP rund 2400 Menschen getötet. Darunter waren mehr als 460 Iraner, kritisierte die Regierung in Teheran. Die Katastrophe hallt bis heute nach. Irans Präsident Hassan Rohani rief die islamische Welt dazu auf, Saudi-Arabien für Versäumnisse im Umgang mit dem Unglück „zu bestrafen“.

„Kleine, kümmerliche Teufel im saudischen Königshaus“

Der Großmufti Saudi-Arabiens, Abd al Aziz al Scheich, gab sich empört und sprach allen Schiiten den Status als Muslime ab. Doch nicht nur das. Er beleidigte die Iraner als „Nachkommen der Magier“. Das bezieht sich auf den Zoroastrismus, die Religion in Persien vor dem Islam. Die Zoroastrier kannten mehrere Gottheiten. Bedeutende Könige des altpersischen Reichs wie Dareios der Große und Xerxes I. hingen diesem Glauben an und förderten ihn.

Mit seiner Breitseite wollte der Großmufti vermutlich auch eine politische Spitze setzen. Viele Iraner verwenden mittlerweile Symbole der Zoroastrier als Zeichen des Widerstandes gegen strenge schiitische Tugendwächter. Irans Außenminister Mohammad Dschawad Zarif schoss sofort zurück und wetterte gegen den „bigotten Extremismus“ der Saudis.

Der Untersuchungsbericht fehlt noch immer

Die iranische Führung ärgert vor allem, dass Saudi-Arabien nach der größten Hadsch-Katastrophe aller Zeiten noch immer keinen Untersuchungsbericht vorgelegt, geschweige denn sich bei den Familien der Opfer entschuldigt hat. Dem „inkompetenten saudischen Königshaus“ müsse die Aufsicht über die heiligen Stätten in Mekka und Medina entzogen werden, giftete Religionsführer Ali Khamenei.

Nun bleiben die iranischen Pilger erstmals seit drei Jahrzehnten der muslimischen Wallfahrt fern, die am morgigen Samstag beginnt. Bis heute vermissen Familien aus mehr als 30 Ländern ihre Angehörigen, die von den saudischen Behörden nach dem Massensterben vermutlich irgendwo in Mekka anonym begraben wurden.

Fest steht lediglich, dass zur Unglückszeit einer der Zugänge zur Jamarat-Brücke bei Mina, wo die Pilger symbolisch den Teufel steinigen, geschlossen war. Wer diese Blockade veranlasst hat, ob es gar jemand aus der Königsfamilie mit seinem Gefolge war, darüber schweigt sich Riad aus. Auch die Gesamtzahl der Toten beziffert Saudi-Arabien wider besseres Wissen nach wie vor auf 769.

Iranische Pilger meiden Mekka in diesem Jahr

Beide Kontrahenten am Golf befinden sich seit Jahren in einem kalten Krieg, der sich nach dem Atomabkommen mit Teheran im Juli 2015 erheblich verschärft hat. Saudi-Arabien fürchtet ein Wiedererstarken der Islamischen Republik, die im letzten Jahrzehnt durch ein beispielloses internationales Sanktionsregime in Schach gehalten wurde. Iran wiederum will erneut regionale Hegemonialmacht werden und liefert sich daher auf allen Schlachtfeldern des Nahen Ostens – in Syrien, Irak und Jemen – harte Konflikte mit der ölreichen Monarchie. Als Riad direkt nach Neujahr den schiitischen Prediger Nimr al-Nimr hinrichten ließ, zündete ein Mob die saudische Botschaft in Teheran an. Seitdem sind die diplomatischen Beziehungen vollends gekappt.

Zwei Millionen Pilger werden in diesem Jahr wieder in der Geburtsstadt des Propheten Mohammed erwartet. Auf dem Flughafen in Kairo öffnet sogar ein spezieller Terminal, um die Massen der Frommen in ihren weißen Gewändern abzufertigen. Umgerechnet 2000 bis 5000 Euro muss ein Muslim im Durchschnitt berappen, eine VIP-Hadsch mit Luxushotel und Blick auf die schwarze Kaaba kann leicht das Zehnfache kosten.

Tausende Überwachungskameras wurden installiert

Man habe keine Mühe gescheut, optimal für die Sicherheit und den Komfort aller Pilger zu sorgen, erklärte Innenminister und Vizekronprinz Mohammed bin Nayef. Die Zufahrtswege zur Jamarat-Brücke wurden noch einmal verbreitert, Teile der Zeltstadt in Mina umgesetzt und die Zeit für das Steinigungsritual auf zwölf Stunden begrenzt. Obendrein bekommen alle Pilger erstmals ein elektronisches Armband, auf denen Daten zu Person, Standort und Gesundheit gespeichert sind. Darüber hinaus gibt es Tausende Überwachungskameras.

Neben den fünf täglichen Gebeten, den Almosen, dem Glaubensbekenntnis und dem Fasten im Monat Ramadan gehört die Hadsch zu den fünf Säulen des Islam. Laut Koran sollte jeder Muslim einmal im Leben an der großen Wallfahrt teilnehmen. Zunächst umrunden die Beter siebenmal die Kaaba in der Großen Moschee. Höhepunkt der Hadsch ist das Gebet auf dem Berg Arafat, 15 Kilometer östlich von Mekka.

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