Löschpraxis

Facebook stellt Foto aus Vietnam-Krieg wieder online

Für das Löschen eines Beitrags mit einem Foto aus dem Vietnam-Krieg wurde Facebook heftig kritisiert. Das Unternehmen reagiert nun.

„Lieber Mark Zuckerberg“: Ein offener Brief der Zeitung „Aftenposten“ an den Facebookchef fragt, warum Facebook beim Löschen so wenig differenziert und so wenig Besserung zeigt.

„Lieber Mark Zuckerberg“: Ein offener Brief der Zeitung „Aftenposten“ an den Facebookchef fragt, warum Facebook beim Löschen so wenig differenziert und so wenig Besserung zeigt.

Foto: NTB SCANPIX / REUTERS

Oslo.  Schreiend rennt sie weg. Ihre Arme sind geöffnet, ihr Gesicht verzweifelt, der Körper nackt. Das Bild des Mädchens Kim Phuc ist zum historischen Symbol des verheerenden Vietnamkrieges geworden, die längste militärische Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts. So bedeutend es auch ist – Facebook hatte es gelöscht, so zuletzt auch auf der Seite der norwegischen Zeitung „Aftenposten“. Weil es wegen seiner Nacktheit gegen die Nutzungsbedingungen von Facebook verstößt, wie das soziale Netzwerk erklärt.

Nach massiver Kritik reagierte Facebook und stellte den Zeitungsbericht mit einem berühmten Foto aus dem Vietnam-Krieg wieder online. Obwohl auf dem Bild ein unbekleidetes Kind zu sehen sei, erkenne das Online-Netzwerk die historische Bedeutung des Fotos an, hieß es am Freitag in einer Facebook-Stellungnahme beim Technologieblog „Recode“.

Chefredakteur kritisiert Mark Zuckerberg

Zuvor hatte der Chefredakteur von „Aftenposten“, Espen Egil Hansen, in einem Artikel auf der Titelseite der Zeitung direkt Mark Zuckerberg für die Löschung des Bildes kritisiert: „Erst erlässt du Regeln, die nicht zwischen Kinderpornografie und berühmten Kriegsfotos unterscheiden. Dann setzt du diese Regeln durch, ohne Raum für Abwägungen zu lassen.“ Und dann zensiere Facebook auch noch Kritik und eine Diskussion über solche Entscheidungen, heißt es weiter.

Die Aufforderung an die Zeitung, das Bild zu entfernen, sei am Mittwochmorgen in einer E-Mail vom Hamburger Facebook-Büro gekommen, erklärte der „Aftenposten“-Chefredakteur. „Weniger als 24 Stunden, nachdem die E-Mail abgeschickt worden war, und bevor ich Zeit hatte, zu antworten, sind Sie selbst eingeschritten und haben den Artikel und das Bild von der Facebookseite von „Aftenposten“ entfernt.“

Norwegens Ministerpräsident kritisiert Facebook

Der Chef des Deutschen Journalisten-Verbandes, Frank Überall, verurteilte das Vorgehen des Online-Netzwerks: „Welche Inhalte eine Zeitung veröffentlicht, muss die Entscheidung der Redaktion bleiben.“

„Es geht nicht an, dass wir uns nach Moralvorgaben aus Silicon Valley richten müssen“, twitterte auch Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur Digitale Medien der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und sprach von einem „Sündenfall von Facebook“.

Die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg veröffentlichte am Freitag das Vietnam-Bild aus Solidarität ebenfalls auf ihrer Facebookseite und kommentierte, das Unternehmen „ziehe die falschen Schlussfolgerungen, wenn es solche Fotos zensiert“. Kurz darauf war das Bild von Solbergs Facebookseite wieder verschwunden. Wer das Foto entfernt hat, war zunächst unklar.

„Ich glaube, dass du deine Macht missbrauchst“

„Lieber Mark, du bist der einflussreichste Herausgeber der Welt“, heißt es in dem Brief von „Aftenposten“-Chef Hansen. Als Chefredakteur der größten Zeitung in Norwegen müsse er sagen: „Ich glaube, dass du deine Macht missbrauchst.“

Als Beispiel nannte Hansen den norwegischen Autor Tom Egeland, der vor einigen Wochen sieben Kriegsfotos bei Facebook gepostet habe, darunter auch das Bild der fliehenden Kim Phuc aus Vietnam. Auch damals wurde das Bild von Facebook gelöscht. Egeland habe diese Entscheidung kritisiert, prompt sei sein Account von Facebook blockiert worden. Er habe keine neuen Einträge veröffentlichen können.

Algorithmus darf nicht Aufgabe der Medien übernehmen

Freie und unabhängige Medien hätten die wichtige Aufgabe, auch unangenehme Informationen und Bilder zu veröffentlichen, die manche Bürger nicht sehen oder hören wollten. Medien müssten jeden Einzelfall abwägen. Diese Aufgabe könne nicht von einem in Kalifornien programmierten Algorithmus übernommen werden, so Hansen.

Der Chefredakteur machte auch Vorschläge, wie Facebook es künftig besser machten könnte. In multikulturellen Zeiten sei es unmöglich, universelle Regeln für Veröffentlichungen in dem Netzwerk zu erlassen, erklärte er. Facebook müsse daher in unterschiedlichen Weltregionen unterschiedliche Richtlinien erlassen. Es sollte zudem auch zwischen Redakteuren und anderen Nutzern unterscheiden. Außerdem sei es derzeit noch zu schwierig, mit Facebook in einen Dialog zu treten, weil immer nur standardisierte Antworten zurückkämen.

Am Ende des Briefes des „Aftenposten“-Chefredakteurs ist erneut jenes Bild der mittlerweile 53 Jahre alten Kim Phuc zu sehen – mit einem Facebook-Logo im Genitalbereich. (mit dpa/epd)