Stralsund

„Wir wollen keine Berliner Verhältnisse“

In Angela Merkels Wahlkreis Stralsund ist die AfD genauso stark wie die CDU — wie konnte es nur soweit kommen?

Stralsund.  Stralsund ist gerade jetzt im Spätsommer eine Stadt, in der jeder Handykamera-Schnappschuss als Postkarte verkauft werden könnte. Fachwerkhäuser neben Stadtvillen, dahinter ein Teich mit einem weißen Schwan darauf. Cafés wie an der Isar, Galerien wie in Berlin-Mitte, Touristen wie auf Sylt.

Fragt man hier Einheimische, wen sie am vergangenen Sonntag gewählt haben, antworten die meisten: „Grüne“, mit der Begründung: „Die haben hier so gute Arbeit gemacht, es ist zum Heulen.“ Oder „CDU und Linke“ und „Merkel hatte doch keine Wahl, als die Grenzen zu öffnen und hier ist alles friedlich.“ Oder „SPD und CDU“, mit der Begründung: „Die Werft ist wieder offen und wir brauchen mehr Tourismus.“ Und was ist mit der AfD? Keiner, den man in der Innenstadt fragt, will sie gewählt haben.

Dabei ist diese Wahl doch die „Protestwahl“, von einem Denkzettel an die Bundeskanzlerin ist die Rede, die örtliche „Ostsee-Zeitung“ titelte „Die Abrechnung“. Gerade in Stralsund müssten doch die Protestwähler leicht zu finden sein. Denn Stralsund ist der berühmte Wahlkreis 26, der Heimatwahlkreis von Angela Merkel. Hier ist sie so häufig, wie sonst selten außerhalb Berlins. Hier muss die Enttäuschung der Wähler noch tiefer sein und die Stimmen der Kritiker noch selbstbewusster. Stattdessen sagen die Innenstädter, sie kennen keine AfD-Wähler. Und die würden sich als solche nicht zu erkennen geben.

Dabei weicht der Wahlkreis nicht einmal besonders von den Ergebnissen des gesamten Landes Mecklenburg-Vorpommern ab: 21,8 Prozent der Stralsunder wählten hier die AfD, im Bundesland waren es 21,9 Prozent. Dass die CDU hier noch etwas beliebter ist, kann an Angela Merkels Besuchen liegen: im Wahlkreis lag die CDU knapp vorn mit 22,2 Prozent, im Bundesland kam die Partei nur auf historisch niedrige 19 Prozent. Im Gegenzug hat in Stralsund die SPD deutlich weniger Stimmen bekommen (23,6) als im gesamten Bundesland (30,6). Und auch wenn die Altstadtbewohner die AfD selbst nicht gewählt haben wollen, sie wissen, wo sie wohnen, nämlich jenseits der „Puppenstuben“-Fassaden.

In Stralsund-Grünhufe haben die Häuser meist fünf oder sechs Stockwerke, viele rechte Winkel und ein wenig Farbe auf den grauen Gebäuden durch bunte Balkone. Abends nach 20 Uhr sind in dem Plattenbaubezirk nur noch ein paar wenige mit dem Hund unterwegs. Im „Grünthaler Krug“, der einzigen Kneipe im Ort, sitzt Marina Schmidt. Sie wurde vor 56 Jahren in Stralsund geboren. Als sie ziemlich genau halb so alt war wie jetzt, brach ein System vor ihren Augen zusammen. Sie hat sich hochgearbeitet, ist heute selbstständige Unternehmerin für Großfeuerwerke. Sie muss lachen, als sie auf die Wahl angesprochen wird. „Na klar hab ich AfD gewählt!“ Sie wird etwas lauter: „Ich wollte Merkel einen Denkzettel verpassen – es ist doch keine Lösung, zu Flüchtlingen zu sagen: Kommt alle her!“

Marina Schmidt sagt, dass es ihr im Grunde gut gehe. Aber sie sehe auch die Veränderungen hier im Bundesland und nicht alles gefalle ihr: Die Gegend um Stralsund gilt als industrieschwach, ist eine der ärmeren Regionen Deutschlands, Schlusslicht bei der Bildung, bei den Gehältern. Stralsund ist nicht mehr gut angebunden mit Zügen nach Berlin, auf den Feldern stehen viele Windräder. Ob die Mitarbeiter der Werft eine langfristige Perspektive haben, ist weiterhin offen. Das sind die Themen, mit denen alle Parteien geworben haben. Gewonnen hat die CDU-Direktkandidatin Ann Christin von Allwörden, aber nur knapp: mit 56 Stimmen Vorsprung vor dem AfD-Kandidaten.

Am Tag nach der Wahl sitzt die 37-jährige Ann Christin von Allwörden in ihrem Stadtteilbüro in der Heilgeiststraße und wirkt noch ganz überwältigt von der Zustimmung. Trotzdem bleibt sie ernst: „Wir können nicht zufrieden sein mit dem Ergebnis“, sagt sie. „Ich habe in allen Gesprächen gemerkt, dass die Menschen nicht zu einer reinen Landtagswahl gehen, sie wenden sich mit ihrer Stimme an Berlin.“ Trotzdem habe sie im Ort einen Merkel-Bonus gehabt. Die Kanzlerin komme häufig in den Wahlkreis, dann gibt es Bilder von jubelnden Menschen. Von Allwörden sieht in Angela Merkel auch ein Vorbild. „Sich als Frau so durchzusetzen“, sagt sie und beendet den Satz nicht. Sie ist eine alleinerziehende Mutter und hat in 15 Jahren als Polizistin schon eine Bandenschlägerei von Arabern mit Gewalt beenden müssen, hat den gelben Gürtel in Jiu Jitsu und ist für den Einsatz bei Amokläufen ausgebildet.

Jenseits der Meerluft und der Möwen, im Stadtteil Grünhufe spricht Marina Schmidt inzwischen mit der Wirtin vom „Grünthaler Krug“, Katja Block. Die 49-Jährige hat auch die AfD gewählt. „Endlich bekommen wir eine starke Opposition“, sagt Block, „eine, die ein bisschen Gegenwind gibt.“ Die Wirtin kenne aber niemanden, der die NPD wählen würde. „Die AfD ist hier doch nicht rechts!“ Sie selbst habe nicht deutsche Freunde, darum ginge es doch gar nicht. Diese Partei sei, sagt sie, eben für die Bürger da. „Bei der Oderflut haben uns auch keine Italiener geholfen“, sagt sie, „aber wir sollen denen jetzt wegen des Erdbebens beistehen?“ In der Nähe von Populisten sehe sie die Partei nicht.

Warum aber wird in Mecklenburg-Vorpommern auf Plakaten vor „Asylchaos“ gewarnt, wenn in der Region nur drei Prozent der Flüchtlinge in Deutschland zugeteilt wurden? „Wir wollen eben nicht“, sagt Marina Schmidt, „dass wir Berliner Verhältnisse bekommen, wo mir alle Nase lang so jemand vor die Füße läuft.“ Dann sagt die Feuerwerksunternehmerin noch einen Satz: „Aber nächstes Jahr würde ich die AfD nicht wählen.“ Frau Petry, Björn Höcke und Beatrix von Storch seien ihr zu radikal. „Dann lieber dreimal Merkel.“ Fast keiner in ihrem Umfeld, sagen die Frauen, würde da anders denken. Frau Block, die Wirtin, bleibt stumm. Sie überlegt noch.

Es ist also ein seltsamer Denkzettel, der aus Stralsund nach Berlin geschickt wird: Die AfD wird lokal gewählt, aber vor allem mit Blick auf Berlin – doch gleichzeitig distanzieren sich die Wähler von den Bundesvertretern der Partei und halten diese für zu radikal. Nicht nur die Wähler – auch die AfD-Mitglieder schauen mit Befremden nach Berlin.

Die AfDler vor Ort distanzieren sich von der Bundespartei

Jens Künnel ist einer von ihnen. Er betreibt seit 1999 eine Eventagentur in Stralsund, hatte gerade wegen der Einschulung und dem Sieg seiner Partei alle Hände voll zu tun. Vor seinem Büro sind die Hüpfburgen für die Schulkinder noch aufgeblasen. Er war Gründungsmitglied in Stralsund. Trotzdem sagt er: „Ich hätte auf Storch und Höcke bei der Feier in Schwerin verzichten können.“ Frauke Petry als Parteivorsitzende respektiere er. Aber er ist es leid, immer wieder auf die schlimmsten Zitate aus Berlin angesprochen zu werden, den Schießbefehl, auf Boateng. Er wolle hier vor Ort Dinge bewegen und musste dafür einiges an Gegenwind aushalten: Als bekannt wurde, dass er für die AfD antritt, hat sich einer seiner Kunden zurückgezogen, Künnels Auto wurde beschmiert, sogar angezündet.

Seinen Einstieg in die Politik hatte er sich zwar anders vorgestellt, aber aufgeben will er nicht. Umringt von Plattenbauten sagt er: „Ich hab halt gemerkt, dass es in mir brodelt.“ Wer sehen will, wie das aussieht, muss ihn auf Merkels berühmten Satz „Wir schaffen das“ ansprechen. Künnel sagt mit verärgerter Stimme: „Den Satz mochte ich noch nie.“

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