Abgeordnetenhauswahl

Wahl in Berlin 2016: Das Zittern der Direktkandidaten

SPD und CDU werden laut einer Prognose Wahlkreise verlieren. Die Linke gewinnt im Osten, die Grünen werden in der Innenstadt stärker.

Prognose für den Gewinn der Direktmandate bei der Berliner Wahl zum Abgeordnetenhaus

Prognose für den Gewinn der Direktmandate bei der Berliner Wahl zum Abgeordnetenhaus

Foto: cs

Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 18. September müssen CDU und SPD voraussichtlich nicht nur bei den Zweitstimmen erhebliche Verluste hinnehmen. Laut Prognose des Analyseinstitutes election.de werden die Regierungsparteien in den 78 Wahlkreisen auch viele Direktmandate verlieren. Das Analyseinstitut sagt voraus, dass die Kandidaten der SPD in nur noch 19 Wahlkreisen die meisten Stimmen erhalten. 2011 errang sie noch 33 Direktmandate. Die CDU würde der Voraussage zufolge 20 Wahlkreise gewinnen – fünf weniger als im Jahr 2011.

Die größten Gewinner wären die Linken. Wenn die Analysten recht behalten, würde die Partei, die 2011 nur neun Direktkandidaten stellte, diesmal in 22 Wahlkreisen erfolgreich sein. Damit würde sie mehr direkt gewählte Abgeordnete stellen als jede andere Partei. Das ist bemerkenswert, weil die Linke bei den Umfragen für das Zweitstimmenergebnis mit rund 16 Prozent nach SPD, CDU, und Grünen nur als viertstärkste Kraft geführt wird.

Die SPD verliert vor allem im Osten

Augenfällig wird der prognostizierte Gewinn von Wahlkreisen vor allem in Treptow-Köpenick. 2011 war der Bezirk noch fest in SPD-Hand. Bei der diesjährigen Abstimmung könnten fünf der sechs Wahlkreise dagegen an die Linke gehen. Ein ähnlicher Trend zeigt sich in Teilen von Lichtenberg und Pankow. Im Westen der Stadt kann die Linke, wie bei bisherigen Abstimmungen, aller Voraussicht nach dagegen weiterhin keinen Direktkandidaten stellen. Politisch bleibt Berlin somit gespalten.

Die Grünen werden der Prognose zufolge in 17 Wahlkreisen als Sieger hervorgehen. Zurzeit stellen sie nur elf direkt gewählte Abgeordnete. Dominanter wird die Partei vor allem in innerstädtischen Lagen. Den Analysten zufolge dürfte sie sowohl in Mitte, aber auch in Charlottenburg-Wilmersdorf Wahlkreise gewinnen, die 2011 noch an die SPD gingen. Mit prognostizierten Erfolgen in Teilen von Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg könnten die Grünen ihre Vormachtstellung auf Gebiete ausdehnen, die noch zentrumsnah, aber nicht im Herzen der Stadt liegen und bisher an die CDU gingen.

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Die CDU bleibt der Prognose zufolge Wahlsieger in ihren traditionellen Hochburgen, insbesondere in Stadtrandlagen im Westen der Stadt. Die Wahlkreise, in denen die Analysten SPD-Kandidaten vorne sehen, verteilen sich über viele Bezirke. Die Prognosen sind allerdings mit einer Reihe von Unsicherheiten behaftet. Sie basieren nicht auf Umfragen. Die Analysten von election.de, einem unabhängigen und privatwirtschaftlichen Hamburger Unternehmen, das seit 2001 bundesweit Analysen für Parteien und Medien erstellt, haben vielmehr ein eigenes Projektionsverfahren entwickelt. Darin fließen die Voraussagen der großen Wahlforschungsinstitute für die Stadt als Ganzes ein, die Wahlkreisergebnisse bei vorangegangenen Abstimmungen, Einschätzungen zu einem möglichen Splitting der Wähler zwischen Erst- und Zweitstimme und eine Einschätzung der individuellen Chancen der jeweiligen Wahlkreiskandidaten. Bei der Abgeordnetenhauswahl 2011 lag election.de mit diesem Verfahren in 64 der 78 Wahlkreise richtig.

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Die AfD, die in stadtweiten Umfragen bei rund 15 Prozent liegt, dürfte laut Prognose vor allem in östlichen Außenbezirken viele Erststimmen bekommen, etwa in Nord-Pankow, Teilen Lichtenbergs und Marzahn-Hellersdorf. Dort könnten AfD-Kandidaten rund 20 Prozent erreichen. Zur Hochburg könnte aber auch Spandau werden. Die Mehrheit der Erststimmen erhält die AfD laut Prognose aber in keinem Wahlkreis. Die Ergebnisse der jungen Partei richtig einzuschätzen sei „eine große Herausforderung“, sagte der Inhaber von election.de, Matthias Moehl.

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Vor allem bei SPD und CDU dürfte die für sie ungünstige Prognose für Verunsicherung sorgen. Denn direkt gewählte Kandidaten können eine besondere Legitimität für sich beanspruchen. Mit einer sinkenden Zahl von gewonnenen Wahlkreisen sinkt daher auch die Verwurzelung der Parteien in den Kiezen. Die SPD mühte sich denn auch, die Aussagekraft der Prognose herunterzuspielen. Die Voraussagen von election.de hätten sich „als wenig zuverlässig erwiesen“, sagte SPD-Landesgeschäftsführer Dennis Buchner. Das habe sich auch bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern gezeigt. „Ich kenne nur wenige Kandidaten in Berlin, die den Dienst in Anspruch nehmen“, sagte Buchner.

Wahlkreise verändern sich durch Umzüge

Thomas Barthel, Sprecher der Linken, bezeichnete die Voraussage dagegen als „motivierend“, äußerte sich aber skeptisch zur Aussagekraft. Die Zusammensetzung der Bevölkerung habe sich in vielen Wahlkreisen geändert. Vorherige Wahlergebnisse könnten daher nur begrenzt auf dieses Jahr projiziert werden. Auch die Grünen zeigten sich verhalten. Prognosen seien keine Ergebnisse. „Aber die Zahlen von election.de zeigen, dass es sich lohnt, auch mit der Erststimme Grün zu wählen“, sagte der Grünen-Vorsitzende Daniel Wesener.