Landtagswahlen

AfD träumt nach ihrem Wahlerfolg schon von Merkels Ende

| Lesedauer: 6 Minuten
Christian Unger
Der Spitzenkandidat der AfD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, Leif-Erik Holm (2.v.r.) und die beiden stellvertretenden Bundesvorsitzenden Alexander Gauland (2.v.l.) und Beatrix von Storch (r.).

Der Spitzenkandidat der AfD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, Leif-Erik Holm (2.v.r.) und die beiden stellvertretenden Bundesvorsitzenden Alexander Gauland (2.v.l.) und Beatrix von Storch (r.).

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Die Rechtspopulisten triumphieren bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern: Die AfD wird zweitstärkste Kraft – und hängt die CDU ab.

Schwerin.  Das kleine Boot treibt ruhig am Anker in der Bucht vor dem Schweriner Schloss. Ein Logo der AfD ist auf das Segel gedruckt, am Rumpf steht: „Gegenwind bringt uns voran!“ Die AfD hat das Schiff am Ufer postiert, hier im Beach-Club feiert die Partei ihre Wahlparty, Sandstrand im Garten, eine kleine Bühne. Sie haben ihr Schiff „Blaues Wunder“ getauft. Ein paar Hundert Meter entfernt, am anderen Ende der Bucht, treffen sich die CDU-Mitglieder zur Wahlparty. Um 18 Uhr hallt ein Jubel vom Sandstrand und dem „Blauen Wunder“ in Richtung CDU-Ufer. Die erste Prognose für die Landtagswahl: Die AfD liegt vor der Union.

Und ihr Spitzenmann Leif-Erik Holm ruft in das Mikrofon: „Vielleicht ist das der Anfang vom Ende der Kanzlerschaft von Angela Merkel.“ Mit dem Erfolg in Mecklenburg-Vorpommern sitzt die Alternative für Deutschland in neun Landtagen. Die Partei, die wie keine andere gegen die „etablierten Altparteien“ wettert, ist etabliert.

Gutes Ergebnis als „Protest“

Im Beach-Club steht fast die ganze Spitze der Bundes-AfD vor Journalisten. Vize Alexander Gauland ist da, Vize Beatrix von Storch, der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke. Das gute Ergebnis sei ein „Protest“ gegen die Asylpolitik der Kanzlerin. Höcke spricht vom „Ein-Parteien-Kartell“ und sieht die CDU schon im „Panikmodus“. Hier am Schweriner Schloss ist die Landespolitik gerade weit weg. Viele reden schon von der Bundestagswahl in einem Jahr.

Die SPD konnte ihren Wahlerfolg von 2011 nicht wiederholen, damals erreichte sie 35,6 Prozent. Jetzt sind es deutlich weniger. Aber um Prozente geht es nur an zweiter Stelle. An erster steht für die SPD die Macht. Und die bleibt weiter in der Hand von SPD-Ministerpräsident Erwin Sellering. Er kann, wenn er denn will, fünf weitere Jahre mit der CDU regieren. Mit einem CDU-Spitzenkandidaten Lorenz Caffier, der erklären muss, warum die CDU ausgerechnet in seinem Bundesland hinter der AfD landete.

AfD-Wähler kamen auch von der NPD

Und sollten die Grünen nicht im Parlament landen, wäre auch ein rot-rotes Bündnis für die SPD möglich. Viele Optionen für die Genossen, die noch bis vor dem Wahltag um die 30 Prozent gezittert hatten. Am Ende des Abends aber hielt Sellering rote Rosen in der Hand. Und lachte.

Dabei stimmten auch viele Tausend einstige SPD-Anhänger für die AfD – wenn auch weniger als bei CDU und Linken. Ein großer Teil der Wähler der Rechtspopulisten kam auch von der Neonazi-Partei NPD. Seit 2006 hatte die NPD im Landtag gesessen, es war ihre letzte Bastion in einem Parlament. Die NPD ist nun raus. Als die schlechte Prognose für die Neonazis über den Bildschirm läuft, klatschen im Beach-Club einige der AfD-Anhänger. Als das miese Ergebnis der FDP aufflackert, ist der Applaus lauter.

Linke sind weder etabliert noch Protest

Im Wahlkampf spielten die „Alternativen“ mit der gewohnten Taktik aus Radikalität und Rückzug in Bürgerliche. Spitzenkandidat Holm machte all jenen ein Angebot, denen die NPD zu extrem ist. Die AfD sang im Wahlkampf ähnliche Melodien gegen Migranten und das „Merkel-System“. Doch die Musik war weniger Krawall. Die Partei setzte neben ihren Populismus ein seitenlanges Programm auch mit Familien- und Bildungspolitik. Das machte sie für Menschen aus der Mitte wählbar. Für keine anderen Wähler spielte bei der Landtagswahl die Bundespolitik eine so große Rolle wie bei Anhängern der AfD.

Wer sie wählt, stimmt für Protest – das sagen auch die Spitzenleute der „Alternative“. Und sie nahmen damit auch der Linkspartei Stimmen weg. Linke war im Osten immer entweder etablierte Volkspartei oder etablierter Protest. Bei der letzten Wahl im Nordosten erreichte die Linke noch 18,4 Prozent. Jetzt ist sie weder etabliert noch Protest. Dabei hatte sie wie die Rechten auf einen Wahlkampf für die Abgehängten gesetzt.

Linke setzten nicht auf „Sündenbock“ Flüchtling

Die Opposition kritisierte die Regierung dafür, das Land aussterben zu lassen unter dem Sparkurs. Doch der Protest von links blieb ungehört. Denn er setzte nicht auf einen „Sündenbock“: den Flüchtling. Rechte hatten freie Fahrt.

Am meisten erschüttert das Ergebnis die CDU. Es fehlt nur ein Prozentpünktchen zur AfD. Aber diese Kleinigkeit hat Wucht. „AfD vor CDU“, das ist die Schlagzeile, die Bürger lesen werden. Ausgerechnet in dem Bundesland, in dem Angela Merkel ihren Wahlkreis hat. Ausgerechnet ein Jahr nach ihrem seither so umstrittenen Satz „Wir schaffen das“.

Direktmandat für AfD-Politiker

Wer die Karte von Mecklenburg-Vorpommern nach ihren Wähler betrachtet, sieht einen roten Westen – Mecklenburg, das von der Nähe zu Hamburg und vom Tourismus-Boom profitierte. Die Menschen wählten SPD. Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Exporte steigen. Doch die Karte zeigt einen blauen und schwarzen Osten, Vorpommern. Die Menschen wählten hier früher vor allem CDU. Jetzt vor allem die AfD. Im südlichen Vorpommern holte sich Jürgen Strohschein von der AfD mit 28,6 Prozent sogar ein Direktmandat.

Diffuse Ängste treffen hier auf eine Realität, in der junge Menschen in die Großstädte abwandern, in der die Sparkasse schließt und die Löhne niedrig sind. Orte bleichen aus. 1,6 Millionen Menschen leben in Mecklenburg-Vorpommern. Nirgends ist Deutschland so leer. Was bleibt, ist Frust. Und viele Stimmen für die Populisten.

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