Flüchtlingskrise

Warum das Foto von Aylan eine solche Wirkung entfaltet hat

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Leon Scherfig
Das Foto des Flüchtlingskindes Aylan Kurdi diente als Vorlage für dieses Graffiti in Frankfurt am Main.

Das Foto des Flüchtlingskindes Aylan Kurdi diente als Vorlage für dieses Graffiti in Frankfurt am Main.

Foto: Arne Dedert / dpa

Vor einem Jahr entstand das Foto des dreijährigen Aylan Kurdi: Das Bild des toten Kindes ist zur Ikone geworden. Warum gerade dieses?

Berlin.  Das Foto des dreijährigen Aylan Kurdi erschütterte vor einem Jahr die Welt. Seine Familie floh aus dem Krieg in Syrien in die Türkei und stieg dort in ein Boot, um nach Griechenland zu gelangen. Die Flucht endete tragisch, das Boot kenterte, die Mutter, ein Bruder und Aylan ertranken. Seine Leiche wurde am Strand in der Nähe des türkischen Touristenorts Bodrum angespült. Das Bild der Fotoreporterin Nilüfer Demir von Aylans kleinem Leichnam im Sand ist zu einer Ikone für die Schrecken der Flüchtlingskrise geworden.

Warum ausgerechnet dieses Foto? Die Historikerin Annette Vowinckel ist Expertin auf dem Gebiet der „Visual History“: Darin werden zeitgenössische Fotos auf ihre Bedeutung für die Geschichte hin untersucht. Sie analysiert das Bild und vergleicht es mit ähnlichen Aufnahmen.

Warum entfaltet das Bild eine derart starke Wirkung?

Annette Vowinckel: Das hat mehrere Gründe. Die Bildsprache ist klar und verständlich. Es sind nicht 27 Details auf dem Foto zu sehen, sondern auf den ersten Blick ist der tote Junge wahrzunehmen. Schnell ist klar: Das Kind ist tot, es liegt am Strand, nicht etwa in Badehose, sondern in Alltagsbekleidung. Dadurch, dass wir das Gesicht nicht sehen, ist Aylan, wenn man so will auch eine Art ,Universal-Kind’. Er steht für jedes Kind auf der Welt, das dort liegen könnte. Das Bild ergreift die Betrachter außerdem, weil es eine persönliche Geschichte erzählt: Aylans Familie wollte nach Kanada fliehen, wo die Tante wohnte – und Aylan bezahlte diese Flucht mit dem Leben. Außerdem gibt es Parallelen zur religiösen Bildsprache des Christentums.

Welche Parallelen sind das?

Vowinckel: Das Bild erinnert an die Grablegung Christi. Damit das eine Wirkung entfaltet, muss der Betrachter sich nicht in der Kunstgeschichte auskennen, es reicht, wenn er ein paar Kirchen in Italien besichtigt hat. Wir sprechen von einem unterbewussten Wiedererkennungseffekt. Zudem wirken die klaren Grundfarben blau und rot, die auch im Christentum eine Rolle spielen. Blau steht für die Maria, rot für Maria Magdalena. Die Proportionen des Bildes entsprechen dem sogenannten Goldenen Schnitt, einer Raumaufteilung im Verhältnis von ungefähr 2:1, was unserer Sehgewohnheit entspricht.

In der Krisen- und Katastrophenfotografie sind Kinder häufig das Motiv. Warum?

Vowinckel: Das hängt wohl damit zusammen, dass es sich bei Kindern immer um unschuldige Opfer handelt. Sie werden in Konflikte hineingeboren, tragen aber keine Schuld an deren Entstehung. Auf der anderen Seite laufen Fotografen, die Kriegsparteien zeigen, Gefahr, eine Seite mit ihren Bildern zu bevorteilen. Bilder von Kindern sind hingegen in dieser Weise moralisch unverfänglicher. Wenn wir einen Blick auf preisgekrönte Fotografien aus den vergangenen Jahren werfen, begegnen uns sehr häufig Kinder. Oft sind es Bilder, die Tabus brechen, die weltweite Bekanntheit erlangen.

Welche Beispiele gibt es dafür?

Vowinckel: Ich würde gerne drei Fotos herausgreifen. Zunächst ein Bild, das im Irak-Krieg 2004 entstanden ist. Der Erwachsene mit seiner Kappe erinnert an die Opfer des Gefängnisses Abu Ghraib. Als Opfer des Krieges bleibt er gesichtslos und anonym. Vermutlich handelt es sich um einen Zivilisten, der Mann trägt keine Uniform. Ins Zentrum des Bildes rückt damit wieder das Kind. Erneut begegnet es uns hier als ein unschuldiges Opfer einer Katastrophe.

Einen noch deutlicheren Bezug zum Bild des kleinen Aylan hat eine Aufnahme aus dem Sudan von 1993. Zu diesem Foto hat es seinerzeit eine große Kontroverse gegeben, weil Kritik an dem Fotografen laut wurde, ob er dem Mädchen zur Hilfe gekommen ist. Besonders verstörend: Der Geier scheint darauf zu lauern, dass das Mädchen stirbt. In unmittelbarer Nähe soll sich ein Hilfszentrum befunden haben. Der Fotograf hat sich später umgebracht.

Ins kollektive Gedächtnis eingegangen ist auch die Aufnahme von dem sogenannten Napalm-Mädchen. Sie zeigt, wie wichtig die Frage nach den Vetriebswegen ist. Sobald ein Bild in den Verteiler der großen Fotoagenturen kommt, sind die Chancen x-fach höher, dass es ins kollektive Gedächtnis gelangt. Eigentlich hätte das Foto niemals bei den großen Agenturen landen können, weil ein nacktes Kind als Tabu galt – hätte sich der Redakteur an die Standards gehalten. Ein Bildredakteur in Vietnam überredet aber seinen Kollegen in New York, und so war das Foto in der Welt. Ein Fazit lautet daher: Oft sind es Bilder, die klar Tabus brechen, die weltweite Bekanntheit erlangen. So wie Aylan Kurdi, das tote Kind.