Islamismus

Jugendliche IS-Anhängerin nach Polizisten-Attacke angeklagt

Mit einem Messer verletzte eine damals 15-Jährige einen Polizisten. Jetzt wird die IS-Sympathisantin des versuchten Mordes angeklagt.

Am Hauptbahnhof in Hannover hatte im Februar eine 15-Jährige einen Polizisten mit einem Messer schwer verletzt.

Am Hauptbahnhof in Hannover hatte im Februar eine 15-Jährige einen Polizisten mit einem Messer schwer verletzt.

Foto: Holger Hollemann / dpa

Karlsruhe/Hannover.  Die islamistische Radikalisierung einer Gymnasiastin in Hannover blieb nicht unbemerkt, die Messerattacke der IS-Sympathisantin auf einen Polizisten vermochten die Behörden aber nicht zu verhindern. Gegen die inzwischen 16-jährige Deutsch-Marokkanerin hat die Bundesanwaltschaft nun ein halbes Jahr nach der Tat Anklage wegen versuchten Mordes erhoben. Außerdem wird Safia S. die Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung angelastet. Die Tat sei eine „Märtyreroperation“ für die Terrormiliz Islamischer Staat gewesen, erklärte die Behörde am Montag in Karlsruhe.

Mitangeklagt ist ein 19-jähriger Syrer, der von den Plänen des Mädchens gewusst haben soll – und gegen den die Bundesanwaltschaft ermittelt, weil er mit den angeblichen Terrorplänen zu tun haben könnte, die zur Absage des Fußball-Länderspiels in Hannover im November führten. Diese Ermittlungen gegen Mohamad Hasan K. liefen weiter, erklärte die Anklagebehörde am Montag.

Mutter hinderte Safia S. an Reise nach Syrien

Auf den Schrecken nach der Messerattacke am 26. Februar, dass eine so junge Schülerin scheinbar aus dem Nichts zur Terroristin wurde, folgte schnell die Erkenntnis: Sowohl die Familie als auch die Schule hatten die Behörden gewarnt. Safia flog am 22. Januar dieses Jahres von Hannover nach Istanbul ihrem ebenfalls radikalisierten älteren Bruder hinterher, weil sie sich in Syrien dem IS anschließen wollte. Die Mutter meldete die Tochter vermisst, spätestens dann waren die Ermittler auf dem Laufenden.

Die Schülerin kam einige Tage darauf mit ihrer Mutter, die ihr hinterhergereist war und sie zurückgeholt hatte, wieder in Hannover an. Dann kassierten Fahnder Safias Handys ein. Komplett ausgewertet wurden die Chats auf den Geräten aber erst Anfang März – nach der Messerattacke.

Staatsschutz leitete Infos nicht korrekt weiter

In Istanbul, so die Bundesanwaltschaft, nahm die Schülerin Kontakt mit IS-Mitgliedern auf und erhielt den Auftrag, eine „Märtyrertat“ in Deutschland zu verüben. Über einen Internet-Nachrichtendienst habe sie Kontakt zu IS-Mitgliedern gehalten und am Tag vor der Tat ein Bekennervideo übermittelt. Am Hauptbahnhof provozierte sie dann eine Personenkontrolle von Bundespolizisten und stach mit einem Gemüsemesser zu. Der 34-jährige Beamte erlitt eine lebensbedrohliche Stichwunde am Hals. Ein anderer Polizist überwältigte das Mädchen.

Unterschätzten die Behörden die Gefahr, konnten sie die Attacke nicht verhindern? Das waren schnell Fragen, mit denen sich inzwischen ein Untersuchungsausschuss des Landtags in Hannover beschäftigt. Eine Panne kam bereits ans Licht: Schon vor der Attacke hatte der Staatsschutz der Polizei Kenntnis von einem Video, das Safia 2008 mit dem Salafistenprediger Pierre Vogel zeigt. Darüber informierte der Beamte zwar das Landeskriminalamt, nicht aber die eigenen Vorgesetzten. Von möglichen „Optimierungserfordernissen“ bei den Ermittlungen sprach die Polizeidirektion Hannover später.

Fall um Safias Bruder bei „Aktenzeichen XY“

Ob und wann es zum einem Prozess gegen die Schülerin kommt, muss das Oberlandesgericht Celle entscheiden. Die ZDF-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ beschäftigt sich unterdessen am Donnerstag mit einer Molotow-Cocktail-Attacke, nach der die Behörden inzwischen wegen versuchten Mordes gegen Safias Bruder Saleh ermitteln. Der 18-Jährige wurde auf dem Weg nach Syrien in der Türkei inhaftiert und kam später zurück nach Hannover, wo er inzwischen in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Die Brandsätze waren Anfang Februar vom Dach eines Parkhauses auf den belebten Vorplatz eines Kaufhauses geflogen, ohne dass jemand ernsthaft zu Schaden kam. (dpa)