Politik

Das Europa-League-Aus war ein Segen

Was wir von Hertha in der heute beginnenden neuen Bundesligasaison erwarten können – und was nicht

Pal Dardai hat das Problem, dass sein Nachbarn viel Zeitung liest. Dardai nämlich tut das nicht. Aus Überzeugung. Der Trainer von Hertha BSC hat irgendwann festgestellt, dass er sich über schlechte Presse nur ärgert und sich von guter nichts kaufen kann.

Wenn man dem folgt, hätte der Ungar also gar nicht mitbekommen, dass in der Vorbereitung auf die neue Bundesligasaison viel Negatives über Hertha geschrieben wurde. Wäre da nicht sein Nachbar: Der erzählte es Dardai jedes Mal am Gartenzaun, wenn die Berliner vor allem wegen des Ausscheidens aus der Europa-League-Qualifikation, aber auch nach schwachen Testspielen oder wegen der schleppenden Transfers Kritik ernteten. Die Herthaner gelten nach dem peinlichen Ende in Kopenhagen als Deppen der Nation. Zumindest hat es der Nachbar so herausgelesen. Und das wiederum führte zu einer Verstimmung bei Dardai.

„Manchmal denke ich, es ist schon eine komische Beziehung, die Berlin zu Hertha hat“, hat Dardai uns gerade in einem großen Interview gezählt, das an diesem Wochenende erscheinen wird. Seine Mannschaft hat in der Vorsaison 50 Punkte geholt, „dennoch hat man bisweilen das Gefühl, dass wir uns schämen müssen“, sagt der 40-Jährige. Aus Sicht des Trainers ist das verständlich: Er hat das Team als absoluter Neuling vor rund 18 Monaten auf Tabellenplatz 17 übernommen und es auf Rang sieben geführt. Das ist eine Erfolgsstory. Aus Sicht des Fans allerdings ist das nur die halbe Wahrheit: Denn Hertha stand zwischenzeitlich auf Platz drei, einem Champions-League-Platz, und vermasselte am Ende sogar den Trostpreis Europa League. Dass jetzt auch noch der Umweg über die Europa-League-Qualifikation schief ging, wirkt wie die Weiterführung eines Negativtrends, der im Abstieg münden wird.

An diesem Wochenende beginnt die neue Bundesligasaison. Hertha empfängt am Sonntag im Olympiastadion den Aufsteiger SC Freiburg. Wir fragen uns, was von Dardais Mannschaft zu erwarten ist. Steht es wirklich so schlecht um die Blau-Weißen, dass es für sie lediglich gegen den Abstieg gehen wird? Oder ist das Geraune nur der ­Berlin typische Pessimismus?

Wahrscheinlich wird sich das Ausscheiden aus der Europa League noch als Segen herausstellen: Hertha besitzt weder die Tiefe und die Qualität im Kader, um eine derartige Mehrbelastung gewinnbringend zu meistern, noch die finanziellen Mitteln, um das zu ändern. Der Plan auf dem Transfermarkt war eigentlich so: Zwei Spieler sollten kommen, um die bestehende und weitestgehend funktionierende Kernmannschaft auf ein höheres Niveau zu heben: Spielmacher Hiroshi Kiyotake aus Hannover und der schnelle Flügelstürmer Timo Werner aus Stuttgart. Aber Kiyotake ging für 6,5 Millionen Euro nach Sevilla, Werner für zehn Millionen Euro nach Leipzig. Hertha konnte da nicht mitbieten und musste sich in einem unteren Segment bedienen: Es kamen Ondrej Duda und Alexander Esswein. Allan gab’s unverhofft als Leihe.

Die Bundesliga hat in diesem Sommer fast eine halbe Milliarde Euro in neue Spieler investiert – soviel wie noch nie zuvor. Hertha konnte lediglich 6,5 Millionen ausgeben – ein Viertel von dem, was der HSV dank Mäzen locker machen durfte (25,5 Millionen Euro aus). Das ist die Größenordnung. Das ist die Realität des Klubs.

Niemand darf erwarten, dass Dardais Elf diesmal die Champions League erreichen wird – oder zumindest die Europa League. Das ist für einen Mittelklasse-Verein wie Hertha nicht planbar. Was man aber erwarten kann, ist, dass die Mannschaft an ihrem Limit spielt. Das Gefühl hatte man in der Rückrunde und in Kopenhagen jedoch nicht. Gegen Freiburg bestreitet Pal Dardai sein 50. Spiel als Hertha-Trainer. Es wird der Beginn einer neuen Standortbestimmung für ihn und seinen Klub, wahrscheinlich wird das irgendwo in der Mitte des Tableaus sein. Und dann wird Dardais Nachbar ihm auch nicht von allzu viel schlechter Presse berichten können.